Von Maren Keller
Im Rückblick erscheint die Kulturgeschichte wie eine Betaphase für diese neue Wirklichkeit. AR-Objekte wirken wie in unsere Welt gebeamt oder, wie im Fall der Berliner Mauer, wie das Produkt einer Zeitreise.
Als Sterling damals sprach, saß Gardeya im Zuschauerraum, ganz hinten, rechte Seite. Weil die Firma, die den Browsser entwickelte, 50 Programmierern schon vorab eine Testversion gegeben hatte, um sich an Test-Applikationen zu versuchen. Gardeya hatte also lauter Punkte in den Stuttgarter Himmel programmiert, einen am Standpunkt jeder Firma. Eine Datencloud zwischen den echten Wolken. Nach der Rede zeigten sie die ersten Applikationen auf einer Leinwand. Und er sagt heute, fast ein Jahr später, immer noch, dass Sterlings Rede einer der inspirierendsten Momente seines Lebens gewesen sei. Der Rite de passage einer sich gründenden Branche. Aus Entdeckern werden Entrepreneure. Aus einer Idee wird eine Industrie. Aus dem Privileg der Cyborgs wird ein Produkt für die Massen.
Und aus Gardeya wird ein vielbeschäftiger Mann. Die Sache mit der Test-Applikation lief so gut, dass er im Anschluss bei der Firma in Amsterdam arbeitete, was wiederum so gut lief, dass er vor etwas mehr als einem Monat nach Deutschland zurückkehrte, um sein eigenes Projekt Hoppala groß zu machen. Sein Aushängeschild: die Berliner Mauer.
Besser noch als aus Geschäftsberichten könnte man das Wachstum der Technologie seitdem wahrscheinlich aus Gardeyas Terminkalender ablesen. Ständig gibt es nun irgendwo neue Kongresse und Konferenzen. Und immer öfter steht nun auch Gardeya auf der Bühne. "Ich habe immer davon geträumt, von etwas zu erzählen, und die Leute hören mir freiwillig zu", sagt er.
Bei AR handelt es sich um eine Offenbarung
Im Englischen gibt es einen Begriff für seine neue Rolle. Von "Technology Evangelists" reden sie dort, was man recht frei als Technik-Prediger übersetzen könnte. Und wenn man Gardeya reden hört, erscheint dieser Ausdruck sehr passend, weil es sich zumindest für ihn bei AR genau darum handelt: um eine Offenbarung.
Sein eigentlicher Beruf aber ist es noch, AR-Anwendungen für Kunden zu programmieren. Die gelben Seiten, ein Branchenbuch, und nun ist da die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Weil die Gesellschaft auch für die Innovationsförderung von IT und Medien im Land zuständig ist, hat man sich dort gedacht, es wäre doch schön, wenn den Jahresabschlussbericht auch das Spektakel des Innovativen zieren würde. Und weil es gerade nichts Innovativeres als AR zu geben scheint, sitzt Gardeya an einem Mittwochmorgen in einem der Konferenzräume der Gesellschaft und erklärt mit Grundschullehrerstimme die Grundzüge der AR-Technologie.
Die Pressesprecherin ist gekommen, sie hat sich ausgedacht, dass man doch ein Fass aufstellen könnte. Die Gesellschaft hat im vergangenen Jahr nämlich einen Schulmusiker mit einem Stipendium gefördert. Der Schulmusiker hat ein Fass gebaut, das er Soundbarrel nennt und das Töne macht, wenn man sich ihm nähert. Das soll das virtuelle Fass auch können. Dann ist eine junge Frau aus der Marketingabteilung da, die sich sorgt, ob man das digitale Fass dann bei Messen auch direkt neben den Geschäftsführer stellen könnte. Und der Grafiker, den interessiert, mit welchen Programmen das Fass dann animiert werden wird. Nach einer Weile sagt Gardeya, er habe etwas Ähnliches schon mal probiert. Nur mit Ostereiern statt mit Fässern. Aber auch mit Tönen, einem Ping. Und man könne es sich draußen ja mal angucken. So kommt es, dass sie später alle über den Platz laufen, den Blick auf das Display des Smartphones fixiert.
Eine Industrie, die ihre Unschuld noch nicht verloren hat
Erst das Fass, nun die Eier. Das passt zu einer Industrie, die ihre Unschuld noch nicht verloren hat. Der die großen Umsätze noch bevorstehen, genau wie die großen Skandale. Beides kündigt sich schon an. Im vorvergangenen Jahr hat die Branche sechs Millionen Dollar umgesetzt. 350 Millionen Dollar Umsatz sagen Experten für das Jahr 2014 voraus. Und Datenschützer sorgen sich jetzt schon um Anwendungen, mit denen man sich beispielsweise die Facebook-Accounts von Fremden auf der Straße anzeigen lassen könnte. Man könnte Luftströme visualisieren. Oder Wasserflächen. Unbegrenzte Werbeflächen stehen plötzlich zur Verfügung, und der Künstler Julian Oliver überblendet Werbeflächen mit Kunstwerken. Während an der Washingtoner Universität gleichzeitig der Elektrotechniker Babak Parviz an Kontaktlinsen forscht, die AR-Informationen anzeigen können.
Gardeya, der Mathematiker, sagt, er habe immer gedacht, dass AR groß werden würde. Das neue Massenmedium. Doch neulich hat sogar Tim Berners-Lee, der Begründer des World Wide Web, über seine Mauer geredet, da hatte Gardeya zum ersten Mal das Gefühl, dass er nicht einmal absehen könne, wie groß es eigentlich werden würde. Zu groß für Prognosen jedenfalls. Und zu groß, um zu wissen, wo dann sein Platz sein wird.
Gibson, der Schriftsteller, hat in den letzten Interviews immer wieder gesagt, dass es unmöglich geworden sei, Science-Fiction über die Zukunft zu schreiben. Weil es unmöglich geworden sei, zu sagen, wie sie aussehen könne. Er will jetzt über die Gegenwart schreiben.
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