Augmented Reality: Du willst die Berliner Mauer sehen? Bitte sehr!

Von Maren Keller

Mit Hilfe neuester Smartphone-Technik werden Science-Fiction-Visionen wahr: Auf dem Display entstehen Mischformen aus Realität und Pixelwelten. Faszinierendes Beispiel ist das Programm eines deutschen Mathematikers, das die Berliner Mauer täuschend echt wiederaufbaut.

Augmented Reality: Aus Sicht des Terminators Fotos
Marc Gardeya

Marc Gardeya ist Mathematiker und vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, dessen Leben mehr noch als vom Fall der Berliner Mauer von ihrem Wiederaufbau beeinflusst wurde. Er selbst hat sie wieder aufgebaut. Gardeya sagt, die Mauer sei zu seiner Visitenkarte geworden. Und manchmal, so wie jetzt, wenn er erklären will, was er eigentlich tut, zieht er sein Handy aus der Tasche seiner Jeans.

So steht er dann neben Flipchart und Konferenztischen, ein Mann von 36 Jahren mit neongrünen Schnürsenkeln in den Turnschuhen, zu braun gebrannt für das Klischee vom Nerd, mit einem weißen Smartphone in der Hand. Und auf dem Display sind dann die Konferenztische zu sehen, das Flipchart, der Raum, wie er eben aussieht - nur dass mittendrin auf einmal die Berliner Mauer steht. In Originalgröße. Man kann sich ihr mit dem Handy nähern, dann wächst sie, geht man zurück, schrumpft die Mauer auf dem Display entsprechend. Gardeya könnte die Mauer an jedem beliebigen Ort errichten. Sehr realistisch so weit.

Eher unrealistisch ist allerdings, dass man auch durch sie hindurchspazieren kann. Denn die Mauer besteht in ihrem Inneren aus einem Gerüst aus Vektoren, von Gardeya programmiert. Darauf sind winzige Dateien geklebt, von einem Kollegen, ein Mosaik aus sich wiederholenden Bildchen in Grau, deren Gesamtheit das möglichst realistische Abbild einer Maueroberfläche ergeben sollen.

Das Display des Handys macht eine Mischwelt sichtbar, in der unsere reale Welt mit digitalen Daten ergänzt wird. Darum heißt diese Technik "Augmented Reality" (AR), was man mit erweiterter Realität übersetzen kann. Nachdem in den vergangenen Jahren immer mehr Daten aus unserer Welt in das Internet eingefügt wurden, passiert nun das genaue Gegenteil.

Das ist neu. Und gleichzeitig alt.

Wie mit Lego bauen - nur virtuell

William Gibson ist Schriftsteller und hat drei Jahre vor Gardeyas Mauerbau seinen letzten Roman veröffentlicht unter dem Titel "Spook Country". Darin lässt er einen Künstler auftreten, der virtuelle Denkmäler von historischen Ereignissen an ihren realen Orten aufstellt. Zum Beispiel die Leiche von River Phoenix am Ort seines Todes. "Locative Art" heißt das im Buch. Durch einen mit dem Internet verbundenen Helm kann man die virtuellen Denkmäler sehen, fast wie bei Gardeya. Im Inneren bestehen sie aus einem virtuellen Skelett, darüber sogenannte Texturen, beispielsweise Scans von echter Haut. "Das Modellieren ist, wie wenn man Ton knetet und formt", lässt Gibson seine Romanfigur sagen.

Gardeya sagt, das Programmieren sei, wie mit Lego zu bauen. Nur virtuell.

Er hat nie ein Buch von Gibson gelesen. Und dennoch setzt er in gewisser Weise dessen Phantasien um. Und dies ist das Besondere an der Geschichte dieser Technologie: Science-Fiction-Autoren und Spiele-Entwickler haben darin genauso selbstverständlich ihren Platz wie Ingenieure und Programmierer. Und vielleicht liegt darin auch das Geheimnis dieser Geschichte. Das Geheimnis um das Aufsehen, die Aufregung, die Erregung der Internet-Avantgardisten, auf deren vorläufigem Höhepunkt im August 2009 ein Mann mit Aktentasche und ansteckender Begeisterung hinter ein Holzpult auf eine Bühne tritt, um sehr laut und sehr bestimmt zu deklamieren: "It's the most exciting thing happening!", was hier passiert, ist das Aufregendste überhaupt! Und das muss etwas bedeuten, denn der Mann ist Bruce Sterling, selbst Science-Fiction-Autor und Blogger bei wired.com, einem Netzkultur-Angebot, das manche Leute selbst für das Aufregendste halten, was es gerade gibt.

Ein Produkt für die Massen

Die Bühne steht in Amsterdam, und Sterling ist gekommen, um eine Rede zu Ehren des ersten AR-Browsers für Mobiltelefone zu halten - vielleicht klingt Sterlings Rede deshalb so sehr nach Abiturrede. Nach: Jetzt geht der Ernst des Lebens los! Und nach: Vergesst niemals, wo ihr herkommt, egal, was aus euch wird! Er sagt: "Wenn ihr eure eigenen spirituellen Vorväter vergesst, werden euch eure eigenen Nachfahren eines Tages genauso vergessen."

Die Vorväter - das sind die Pioniere unter den Ingenieuren, die schon in den Sechzigern an Helmen mit Datenübertragung gearbeitet haben. Und in den Neunzigern an eingeblendeten Daten für komplizierte technische Arbeiten. Nun ist die Technik bereit für den Massenmarkt. Zum ersten Mal in der Geschichte haben viele Smartphones die nötigen Voraussetzungen: eine Kamera, GPS-Erkennung, einen Kompass, einen Beschleunigungssensor.

Aber dann gibt es noch die andere Seite, die Vorväter aus dem anderen Familienzweig, wenn man so will. Denn jede Technik kann nur zum Erfolg werden, wenn die Menschen sie auch annehmen. Und für AR stehen die Chancen gut. Denn das Prinzip ist bekannt. Wenn auch nicht unter diesem Namen. In nahezu jedem Computerspiel taucht es auf. Wenn über Super Marios Kopf ein "Extra-Leben" gen Pixel-Himmel schwebt. Wenn die Star-Trek-Crew das Holodeck betritt. Das Fernsehen hat Untertitel zur Selbstverständlichkeit gemacht. Und mehr noch als jeder andere und lange bevor er zum 38. Gouverneur Kaliforniens werden sollte, trug auch Arnold Schwarzenegger seinen Teil zur Popularisierung dieses Prinzips bei: Im Jahr 1984 wurde er als Terminator berühmt, ein Cyborg, der sich auf der Jagd nach Sarah Connor durch das Los Angeles der achtziger Jahre schießt. Und wenn die Kamera seine Sicht einnimmt, verändert sich das Bild: Daten laufen plötzlich über das Bild. Der Cyborg verfügt über die Fähigkeit, zusätzliche Informationen zu sehen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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1. na toll!
Websingularität 04.07.2010
Dann spielen unsere Jugendliche Handy-Ballerspiele an der Berliner Mauer. Immerhin sind sie dann an der frischen Luft.
2. Killerspiele für Jugendliche???
ricckli 04.07.2010
Zitat von WebsingularitätDann spielen unsere Jugendliche Handy-Ballerspiele an der Berliner Mauer. Immerhin sind sie dann an der frischen Luft.
nun ja, man kann sich von vielen sachen verfolgt fühlen... wusste gar nicht, dass Killerspiele für Jugendliche zugelassen werden. Die sind doch alle erst ab 18!
3. super
butter_milch 04.07.2010
Augmented Reality ist nicht nur etwas für Spieler. Zwar gibt es mittlerweile natürlich auch geniale Spiele mit dieser Technik, aber der Hauptmarkt werden wohl immer mehr oder weniger seriöse Anwendungen sein.
4. AR ist die Zukunft
jay.gecko 05.07.2010
Zitat von butter_milchAugmented Reality ist nicht nur etwas für Spieler. Zwar gibt es mittlerweile natürlich auch geniale Spiele mit dieser Technik, aber der Hauptmarkt werden wohl immer mehr oder weniger seriöse Anwendungen sein.
GENAU! AR wird eine neue kleine Revolution in der Computer(Techhik)-welt werden. Die Möglichkeiten die sich ergeben sind beeindruckend. Wer es nicht glaubt - wir sprechen uns in 10 Jahren wieder...
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