Augmented Reality Wegweiser durch die neue Wirklichkeit

Jahrelang haben Ingenieure mit Datenbrillen experimentiert, um unsere Realität zu erweitern - erfolglos. Nun bringen Smartphones den Durchbruch. Sie machen virtuelle Schilder und Graffiti sichtbar und helfen uns sogar, Fremde auf der Straße zu erkennen.

Von Alexander Stirn

iPhone: Mit GPS-Empfänger und digitalem Kompass lässt sich die Welt erkunden
AFP

iPhone: Mit GPS-Empfänger und digitalem Kompass lässt sich die Welt erkunden


Auf Kurzbesuch in München, Abstecher zum Marienplatz, es regnet in Strömen. Wo gibt es hier nur Briefmarken für die Ansichtskarten? Früher hätte man sich mühsam durchfragen müssen, bis die Kleidung triefnass gewesen wäre. Heute kann man sein Handy in alle Himmelsrichtungen halten - vorausgesetzt, darauf läuft eine Software wie Wikitude oder Layar. Auf dem Display sind dann nicht nur die Umgebungsbilder zu sehen, die die Handykamera gerade aufnimmt. Es schweben auch rote Wegweiser über dem Marienplatz, denen man nur noch zur nächsten Post folgen muss.

Wer dann in den Radlsteg einbiegt, erfährt an diesem Tag außerdem, dass dort eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung für 720 Euro zu vermieten ist - für Münchner Verhältnisse fast ein Schnäppchen. Ein kurzer Handy-Schwenk über die Fassade bringt nicht nur Bilder aus der Wohnung zum Vorschein, sondern auch die Telefonnummer des Maklers.

Willkommen in der erweiterten Realität, der Augmented Reality (AR), der jüngsten mobilen Spielerei. Das Beste aus zwei Welten - der wirklichen und der virtuellen - soll diese neue Technologie verbinden. Dazu überlagert sie Livebilder mit Informationen aus dem Internet. Alles, was man dafür braucht, ist ein modernes Kamera- Smartphone, das seinen Standort präzise bestimmen kann.

Eines Tages soll allerdings selbst das überflüssig werden. Dann könnten Umgebungsinformationen direkt auf Brillengläsern oder auf Kontaktlinsen eingeblendet werden. Schon lange träumen Experten von der erweiterten Realität: Flugzeugmechaniker erprobten klobige Datenbrillen, die ihnen zeigen sollten, welche Schraube als Nächstes anzuziehen ist. Chirurgen testeten halbtransparente Displays, die passende Röntgenbilder oder die Position des Endoskops anzeigen, während sie über die Patienten gehalten werden. Zur Marktreife gelangten die Anwendungen jedoch nie.

Moderne Handys bringen nun den Durchbruch, zumindest für einfache Anwendungen. "Sie sind für die Entwicklung der Augmented Reality enorm wichtig, auch wenn sie noch nicht perfekt funktionieren", sagt Dieter Schmalstieg vom Institut für Maschinelles Sehen und Darstellen der Technischen Universität Graz.

Millionen Menschen besitzen geeignete Telefone: "So können wir schnell einen Massenmarkt erreichen." Auch Wolfgang Broll, der am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik virtuelle Umgebungen untersucht, ist von den Vorzügen der Handys überzeugt: "Aktuelle Geräte beinhalten erstmals all die Technologien, die man für Augmented Reality braucht." Die eingebaute Kamera zaubert ein Bild der Umgebung aufs Display. Ein GPS-Empfänger ermittelt die Position des Handys, Kompass und Neigungssensor liefern die Blickrichtung. Eine schnelle Internetverbindung übermittelt die dazu passenden Informationen. "Selbst die Grafikchips sind heute so gut, dass man damit arbeiten kann", sagt Broll.

Erste Firmen machen das bereits. Das Salzburger Unternehmen Mobilizy hat ebenjenes Programm Wikitude (siehe Video unten) entwickelt, das neben Gebäuden, Geschäften und Sehenswürdigkeiten den passenden Eintrag aus dem Online-Lexikon Wikipedia anzeigt. Es basiert darauf, dass viele Wikipedia-Artikel genaue Angaben zu Längen- und Breitengraden enthalten. Da Position und Blickrichtung des Handys bekannt sind, können diese Daten heruntergeladen und eingeblendet werden.

Das niederländische Layar (siehe Video unten) funktioniert ähnlich, es integriert allerdings zusätzlich Ergebnisse einer lokalen Google-Suche, Wohnungsangebote oder die Standorte der nächsten Geldautomaten.

"Das größte Problem ist dabei die Genauigkeit der Handys", sagt Dieter Schmalstieg. Deren GPS-Sensoren bestimmen den aktuellen Ort nur auf bis zu fünf Meter genau, oft sind es nur 50 Meter. Ihr Kompass wird von jeder vorbeifahrenden Straßenbahn gestört. Und mit Höheninformationen können die billigen Handysensoren ohnehin nichts anfangen. Wer sich von Wikitude die Welt erklären lassen will und zum Beispiel auf den Alten Peter klettert, einen Aussichtsturm direkt am Marienplatz, wird deshalb enttäuscht. Zwar zeigt das Handy für weit entfernte Objekte, wie das Olympiastadion am Horizont, korrekte Informationen an. Direkt vor der Nase versagt es allerdings: Über der Frauenkirche schwebt der Wikipedia-Eintrag eines Bekleidungsgeschäfts, über dem Rathaus der eines Saftladens.

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