Mit dem Staubsauger im Repair-Café "Der Funkenflug ist sicher nicht vorgesehen"

Der Staubsauger ist kaputt. Wegschmeißen? Sieht unser Autor Philipp Seibt gar nicht ein. Er geht in ein Reparatur-Café. Ist das Gerät noch zu retten?

Helfer Sebastian Schuppa im Repair-Café
Philipp Seibt

Helfer Sebastian Schuppa im Repair-Café


Es geschah plötzlich und unerwartet: Mein Staubsauger machte vom einen auf den anderen Tag nicht mehr Wüüüüüüüüüüüü, sondern nur noch Brrrrrrrrrrrrrrrr.

Ein Totalschaden bedeutet das komische Geräusch aber nicht. Wenn man einige Minuten wartet, erholt sich der Motor und saugt ganz normal. Wegschmeißen werde ich ihn deswegen nicht. Das sehe ich gar nicht ein, nach nicht mal drei Jahren.

Mit einer gewissen Sturheit beuge ich mich daher Woche für Woche über meinen Staubsauger , drücke den Einschaltknopf, schiebe den Leistungsregler hin und her und gebe ihm einen leichten Klaps aufs schwarze Plastikgehäuse.

Das geht, ist aber lästig. Deshalb klemme ich mir meinen Staubsauger an einem Samstag unter den Arm, steige in den Bus und fahre zum Repair-Café in Hamburg-Eppendorf. Ob die Helfer ihn retten können?

Es gibt Hunderte

Die Idee eines solchen Cafés: Ehrenamtliche Unterstützer helfen kostenlos bei der Reparatur von fast allem - vom Fahrrad bis zur Nähmaschine. Vor einigen Jahren kam das Konzept aus Holland nach Deutschland. Mittlerweile findet man in jeder größeren Stadt ein solches Café, wie Übersichten hier und hier zeigen.

Der Beginn ist für 14 Uhr angesetzt. Als ich um 13.58 Uhr ankomme, muss ich mich in eine Warteschlange einreihen. Vor mir warten Hilfesuchende mit defekten Nähmaschinen, Digitalkameras und Plattenspielern, die vor dem Schrottplatz bewahrt werden sollen. Ich bin offenbar nicht der Einzige, der "neu kaufen" für die falsche Lösung hält.

Alles ist straff durchorganisiert: Ich erhalte einen Laufzettel mit der Nummer 18 und muss erst mal warten.

Philipp Seibt

Mein Staubsauger hat mich 100 Euro gekostet. Ich war damals gerade umgezogen, hatte noch kein Internet und weder Zeit noch die Lust, Staubsaugertests zu lesen. Ich bin einfach in einen Laden gegangen und habe zum Modell mit dem mittlerem Preis gegriffen.

Klar ist: Eine Reparatur durch den Kundendienst des Herstellers lohnt sich bei diesem Modell nicht. Einschicken, Kostenvoranschlag abwarten, Reparatur - da kann ich auch gleich einen neuen kaufen.

Mit einem Schraubenzieher bewaffnet bin ich dem Staubsauger auch schon selbst zu Leibe gerückt. Doch bekam ich nicht mal das Gehäuse auf. Nach 15 Minuten beendete ich meinen erfolglosen Versuch. Jetzt hoffe ich auf Unterstützung von jemandem, der mehr von Haushaltsgeräten versteht als ich.

Kampf mit der Konstruktion

Mein Helfer im Repair-Café ist Sebastian Schuppa. Unter der Woche arbeitet er als Ingenieur in der Luftfahrtbranche. Jetzt stecken wir unsere Köpfe über meinen 100-Euro-Sauger - und rätseln wieder am Gehäuse rum.

Vier Schrauben sind schon raus, aber irgendwo hakt es noch. Vielleicht einen Schraubenzieher dazwischen klemmen und mit einem zweiten an der anderen Seite hebeln? Nee, hängt immer noch.

"Die größte Schwierigkeit ist, nichts vom Gehäuse abzubrechen", sagt Schuppa. Ich zucke die Schultern. Jetzt bin ich hier, ich will es wissen. Das schwarze Plastik biegt sich unter dem Druck des Schraubenziehers.

Vielleicht wenn man ein Rad abnimmt? Nö. Ist hinter dieser Verkleidung noch was? Auch nicht.

Funken sprühen

Nach fast 20 Minuten des Rätsels Lösung: Der Hersteller hat unter dem Einschaltknopf eine Schraube versteckt. Erst wenn man die Verkleidung des Schalters heraushebelt, findet man sie. Endlich kommen wir an den Motor ran.

Philipp Seibt

Auf den ersten Blick sieht alles gut aus. Doch ein Probelauf verrät das Problem. "Der Funkenflug ist da sicher nicht vorgesehen im Betrieb", sagt Sebastian Schuppa und zeigt auf eine Kohlebürste. Der Graphitstab überträgt den Strom auf die drehenden Teile im Motor, lerne ich.

An der Kontaktstelle schlägt es kleine, blaue Funken. Kein gutes Zeichen. Aber neue Kohlebürsten haben wir nicht zur Hand. Die müsste ich erst bestellen.

Ohne die Teile kommen wir nicht weiter, und hinter mir wartet bereits die nächste Hilfesuchende, eine Frau mit einer kaputten Moulinette. Also schraube ich meinen Staubsauger wieder zusammen und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Ein Schein in die Spendendose

Auch wenn der Staubsauger immer noch bloß Brrrrrrrrrrrrrrrr macht, bin ich nicht enttäuscht. Ich hatte schließlich nichts zu verlieren, und jetzt kenne ich immerhin die Ursache meines Problems.

Als ich das Reparatur-Café verlasse, stecke ich noch zehn Euro in die Spendendose. Mich beeindruckt das ehrenamtliche Angebot. Die älteste Helferin sei 80 Jahre alt, der jüngste 39 - und alle kämen aus der Nachbarschaft, hat mir die Projektleiterin Elisabeth Kammer erzählt.

Als ich zu Hause ankomme, ist mein Entschluss längst gefasst und ich suche bei einem Onlinehändler nach passenden Kohlebürsten für meinen Staubsauger. 15 Euro kostet ein Paar. Ich klicke auf "Bestellen".

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Datenscheich 29.04.2016
1. Genial
Repair-Cafés sind eine geniale Entwicklung. Denn das, was in anderen Ländern üblich ist - nämlich Dinge über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu reparieren - sollte auch langsam wieder in unserer Kultur heimisch werden. Unterstützen sollte man flankierend auch die Forderung, daß Hersteller solche 'Spielchen' wie versteckte Schrauben (oder gar geplante Obsoleszenz) zukünftig unterlassen...
spiegelleser987 29.04.2016
2.
Zitat von DatenscheichRepair-Cafés sind eine geniale Entwicklung. Denn das, was in anderen Ländern üblich ist - nämlich Dinge über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu reparieren - sollte auch langsam wieder in unserer Kultur heimisch werden. Unterstützen sollte man flankierend auch die Forderung, daß Hersteller solche 'Spielchen' wie versteckte Schrauben (oder gar geplante Obsoleszenz) zukünftig unterlassen...
Das war auch hier üblich. 2007 war die die durch EU und deutsche Regierung vorgeschriebenen Gesetze und damit extremen Gebühren Feierabend mit den viele Reparaturwerkstätten. Wir hatten bis 2007 viele Reparaturwerkstätten als Kunden, die wir mit Ersatzteilen beliefert haben. Dann trat das von SPD und Grünen beschlossene Gesetz in Kraft. Innerhalb kürzester Zeit machten massenhaft Werkstätten dicht. Die Politiker, die vor einer Wahl hier waren, hat das nicht interessiert. Der Ströbele von den Grünen meinte ich wäre proftgierig und wollte nur keine Gebühren an den Staat zahlen. Die ihm die Wahlwerbung getragen hatte, sagt ihm, dass es nicht um mich geht sondern um viele andere Firmen. Ströbele antwortete: "Nein, der ist nur profitgierig." Die Gebühren waren bei kleinen Firmen genauso hoch wie bei internationalen Großunternehmen. Die geplante Obsoleszenz ist auch nur ein Märchen, was sich mal ein Philosoph und Schriftsteller ausgedacht hat. Da ist die staatlich vorgeschriebene Obsoleszenz realistischer. Dieses Jahr gibt es wieder neue Gesetze, bei denen mehr Elkektronikgeräte auf dem Müll landen.
andreas_bulkens 29.04.2016
3.
Ein "Repair-Café" ist an und für sich keine schlechte Sache. Was ich allerdings hier bei uns so erschreckend finde: Menschen kaufen kaputte Geräte auf dem Flohmarkt oder sammeln diese aus dem Sperrmüll und möchten sie dann ehrenamtlich repariert bekommen. Kann man machen, sollte aber nicht die Regel sein! Es geht sich um das reparieren tot geglaubter Gegenstände. Klar ist auch, dass viele Gegenstände nicht unbedingt reparaturfreundlich konstruiert sind - oft in einer Art und Weise, welche den Verdacht nahe legt, dass der Hersteller eine Reparatur generell nicht vorgesehen hat. Es gibt aber auch Geräte, welche nur mit einem Satz sehr speziellen Werkzeugs zu reparieren scheinen - der versierte Mensch findet aber recht schnell adäquate Lösungen ;) Schön wäre es, wenn die "Repair-Cafés" ein wenig Unterstützung von Seiten der Hersteller erhielten ... bspw. Ersatzteile aus der B- oder C-Kategorie, welche in der Tonne landen. Vielleicht entdecken ja die ein oder anderen Firmen diesen Markt als Marketingsupport?!
OskarVernon 29.04.2016
4.
Zitat von andreas_bulkensEin "Repair-Café" ist an und für sich keine schlechte Sache. Was ich allerdings hier bei uns so erschreckend finde: Menschen kaufen kaputte Geräte auf dem Flohmarkt oder sammeln diese aus dem Sperrmüll und möchten sie dann ehrenamtlich repariert bekommen. Kann man machen, sollte aber nicht die Regel sein! Es geht sich um das reparieren tot geglaubter Gegenstände. Klar ist auch, dass viele Gegenstände nicht unbedingt reparaturfreundlich konstruiert sind - oft in einer Art und Weise, welche den Verdacht nahe legt, dass der Hersteller eine Reparatur generell nicht vorgesehen hat. Es gibt aber auch Geräte, welche nur mit einem Satz sehr speziellen Werkzeugs zu reparieren scheinen - der versierte Mensch findet aber recht schnell adäquate Lösungen ;) Schön wäre es, wenn die "Repair-Cafés" ein wenig Unterstützung von Seiten der Hersteller erhielten ... bspw. Ersatzteile aus der B- oder C-Kategorie, welche in der Tonne landen. Vielleicht entdecken ja die ein oder anderen Firmen diesen Markt als Marketingsupport?!
Das liegt, genau wie niedrige Lebensdauer infolge minderwertigen Materials, oft am angestrebten niedrigen Preis. Es hat immer langlebige und reparaturfreundliche Geräte gegeben - zum Schnäppchenpreis beim Elektro"fach"markt oder gar Discounter allerdings eher selten...
langenscheidt 29.04.2016
5. Die gute alte DDR hält wieder Einzug...
...nur dass es keine Reparaturcafes gab. Man half sich untereinander in Wohnungen und Garagen.
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