Bildkritik von fokussiert.com Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Mitteltonkontrast erhöhen, Motivzentrum einrahmen, den Schärfeverlauf inszenieren: Mit wenigen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert.


Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren Profi-Fotografen regelmäßig herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine gekürzte Auswahl dieser Bildkritiken.

1. Geheimnisvoll-bunte Szene

Markus Burckhardt

Kommentar des Fotografen Markus Burckhardt:

"Das Bild zeigt meine Frau auf einer Terrasse in Marrakesch, Marokko beim Lesen in der Nachmittagssonne. Ich kam zufällig die Treppe hoch und sah die Spiegelung in einem farbigen Fenster. Die Häuser zusammen mit den runden Formen, die sich teils auch auf der Terrasse wiederfinden fand ich sehr reizvoll." Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 60D mit Zoomobjektiv Canon EF-S 18-135mm 1:3,5-5,6 IS verwendet. Die Brennweite betrug 26.0 mm (entsprechend 41.6 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/50 Sekunde bei Blende f/4 und ISO 100.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Die Komposition präsentiert sich übersichtlich (das Motivzentrum ist klar zu erkennen) und geheimnisvoll zugleich (die umgebenden Elemente). Der etwa im Goldenen Schnitt rechts oben liegende Torso der lesenden Frau ist klar als Mittelpunkt zu erkennen (rote Linien).

Markus Burckhardt

Drumherum wird es nun spannend - zum einen führen die Verlängerungen der Hausdächer als gerade Linien auf das Motivzentrum zu (gelbe Linien). Zum anderen teilen sich die in Unschärfe fallenden Biegungen des Geländers in solche auf, die auf das Zentrum hinzielen (nochmals gelbe Linien) und solche, die daran vorbeiführen oder dieses einrahmen (grüne Linien).

Wie wichtig die Farben hier in atmosphärischer Hinsicht sind, zeigt die Graustufenumwandlung, die gegenüber dem Original vergleichsweise blass bleibt.

Markus Burckhardt

Hierwill ich Markus atmosphärische Arbeit würdigen. Gerade das scheinbar im Bild schwebende Motivzentrum, die Unschärfen und die besonderen Farben machen dieses Bild sehr wirksam - jenes geheimnisvolle Element hat Markus somit auf einer überlagernden Ebene visualisiert.

Die ausführliche Bildkritik auf fokussiert.com.

2. Atmosphäre auf der Straße einfangen

Mathias Ondraczek

Kommentar des Fotografen Mathias Ondraczek:

"Ich will und kann nicht viel zu diesen Bild sagen. Macht euch selber einen Eindruck von dem was Ihr seht!" Zur Aufnahme wurde eine Samsung NX1000 Systemkamera verwendet. Die Brennweite betrug 20 mm, entsprechend 30 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5, die Belichtungsdaten waren 1/40 Sekunde bei Blende f/3,5 und ISO 100.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Sehr schnell fällt der Blick auf einige Problembereiche der Arbeit. Weite Bereiche der Szenerie versinken in den zeichnungs- und modulationsfreien Schatten der Zone 0 (rote Schrift) und lassen den Betrachter das dramatische Geschehen allenfalls erahnen. Und es sind jene nach unten stürzenden Linien (gelbe Linien), die uns zur Frage veranlassen, aus welchem Grund hier derart von oben herab fotografiert werden musste.

Mathias Ondraczek

So normalisiere ich in der Überarbeitung zunächst die Perspektive, um den Fotografen und uns Betrachter auf Augenhöhe mit dem Geschehen zu bringen. Sodann gilt es, mit Hilfe des Instruments 'Tiefen/Lichter' die weitgehend geschlossenen Schatten der Zonen 0 bis I in die offenen Schattenbereiche der Zonen II bis IV anzuheben und den Mitteltonkontrast zu erhöhen, um das Bild zum Leuchten zu bringen.

Anhand dieser überarbeiteten Version möchte ich nun die Komposition besprechen. Aus den unteren Ecken wird der Blick durch den Kontrast von hellerem Untergrund und dunklerem Wandsockel in das Zentrum des Geschehens geführt. Wir erkennen einen sitzenden Mann, eine jüngere, entgegenkommende Frau.

In der Zusammenfassung möchte ich Mathias' Blick für die Szene würdigen - für jene Gassenflucht mit ihren Tiefen und Spiegelungen, mit dem Spannungsbogen der beiden Personen, mit den vielen Details im Hintergrund.

Mathias Ondraczek

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3. Porträt in Perfektion

Marko Müller

Kommentar des Fotografen Marko Müller:

"Ich durfte Yanni in seinem Haus auf Ibiza während eines Gespräches über Ihn und seinem Sohn fotografieren." Über die verwendete Ausrüstung und die Aufnahmedaten erfahren wir nichts. Das Bild wurde mit dem Epson Perfection V700 Photo Scanner digitalisiert, so dass wir von einer analogen Aufnahme (vermutlich Mittelformat) ausgehen dürfen.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Wir erkennen einen älteren Mann, durch das von rechts einfallende Streiflicht gezeichnet, auf einem Korbstuhl sitzend und vor dem Hintergrund seiner Küche. Er mustert den Fotografen und damit auch uns - es ist ein Blick voller Tiefe, Interesse und Freundlichkeit, in dem wir ruhen können. Unser Blick schweift vom Gesicht weiter, wir betrachten die einfache Kleidung, das einfache Zimmer dahinter. Ein Bild stiller Eintracht und Zufriedenheit mit dem Gegebenen.

Auf interessante Weise kontrastieren die sich über den rechten Arm mit ihrer Fortsetzung in das überschlagene linke Bein, den Kragen und angedeutet auch über den linken Arm einstellenden geschwungenen Linien (rote Linien) mit den eher statischen und dem Bild Halt gebenden Vertikalen und Horizontalen des Hintergrundes (gelbe Linien). Das ausdrucksstarke Gesicht ist und bleibt das Motivzentrum (blauer Kreis), von dem aus wir die Person und den Raum erkunden und zu dem unser Blick immer wieder zurückkehrt.

Marko Müller

Raumtiefe entsteht durch den anmutigen Schärfeverlauf zwischen der akzentuiert gezeichneten Person und dem in weiche Unschärfe fallenden Hintergrund.

Ich kann Marko zu seiner gelungenen Arbeit nur gratulieren. Es ist ein mustergültiges Beispiel für ein atmosphärisches Umgebungsporträt, welches seine Wirkung durch das Zusammenspiel von Person und Hintergrund entfaltet.

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Seite 1
RayBash 04.09.2013
1. Profi-Schmofi
Zitat von sysopMathias Ondraczek Mitteltonkontrast erhöhen, Motivzentrum einrahmen, den Schärfeverlauf inszenieren: Mit wenigen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/bildkritik-von-fokussiert-com-drei-profi-tipps-fuer-bessere-fotos-a-919878.html
Lieber »Profi Thomas Brotzler«, ja, bei einem gescannten, quadratischen Film mit verräterischen Einkerbungen auf der linken Seite des Negativrahmens kann man durchaus von analogem Mittelformat ausgehen. Man kann sogar von einer Hasselblad ausgehen, wenn man Ahnung hat.
soldev 04.09.2013
2.
> Raumtiefe entsteht durch den anmutigen Schärfeverlauf zwischen der > akzentuiert gezeichneten Person und dem in weiche Unschärfe > fallenden Hintergrund. Der Abgang des Gesamtbildes im Auge hinterlässt dabei einen lieblichen Eindruck mit sanfter, flatterhafter Bewegung Richtung Robustheit... ....die schwülstige Wortwahl animierte mich nun doch zum Klick auf "Kommentieren". Aber ehrlich gesagt: Wer Bilder anhand von imaginären Linien beurteilt hat den Sinn der Fotografie nicht verstanden. Das Foto sollte etwas im Betrachter auslösen - da aber jeder eine andere Sichtweise hat, sind Beurteilungen anhand technischer Aspekte eher Humbug, ausser es sind massivste Mängel ersichtlich. Das erste ist mir zu lila - erinnert mich an ein katholisches Motiv, darüberhinaus ist viel zu viel Unruhe für die Situation im Bild - egal ob sie ins Zentrum führt oder nicht. Das Zweite ist nach der Bearbeitung wirklich gut - man kann was entdecken und in der Tiefe verlieren. Das Dritte ist technisch OK, aber einfach nur langweilig... Das waren 3 kostenlose Kritiken ;-)
paintblack 04.09.2013
3.
...nach Lesen der zwei vorherigen Comments hab ich nun auch mal wieder das Bedürfnis zu kommentieren. Auffällig und bisweilen erheiternd oder auch ärgerlich ist immer wieder, wie Kommentatoren Beiträge in selbstgefälliger Art und Weise beurteilen und dies der Allgemeinheit "aufs Auge drücken". "RayBashs" Beitrag entbehrt leider jedweder inhaltlicher Relevanz in Bezug auf den Artikelinhalt. Wen interessiert im Kontext ob hier eine etwaige Hasselblad zum Einsatz kam, im Übrigen tolles Fachwissen, Herr Kommentator, sie sind der Profi. Die Mutmaßung des Autors ist in Ordnung, zumal man posttechnisch solche Rahmen übrigens leicht künstlich generieren kann. "soldev" schreibt hier seine eigene Meinung zu den Fotos, aber warum muss man dann die Artikelinhalte derart in Frage stellen oder als Humbug titulieren, zumal der Kommentator auch auf die Subjektivität der Beurteilung zurückverweist? Noch ein kurzer Kommentar zum eigentlichen Artikel - finde ich (natürlich komplett subjektiv :-) ) für das breite (hobbyfotografierende) SPON Publikum durchaus verständlich und nachvollziehbar, und nicht zu "profilastig", seitens Inhalt als natürlich auch in Bezug auf die Ansprachezielgruppe. Bildkompositorische Themen sind nun mal Teil einer qualifizierten Beurteilung eines Bildmotivs und machen auch so Sinn in Bezug auf eine Optimierung oder Schärfung des visuellen Verständnisses. Gern mehr solcher Artikel, ist kurzweilig zu lesen und gibt immer wieder Impulse für die "eigene fotografische Arbeit" ;-).
spargel_tarzan 04.09.2013
4. 2 mal flopp, 1 mal top..
bild 1 ist mir in allen belangen zu überladen und ich frage mich worauf ich meinen blick richten soll. der blick irrt im bild hin und her und die farbe tut ihr übriges dazu. man sollte als fotogtraf bereit sein geknipstes auch zu löschen. bild 2 zeigt zwar einen tor durchgang, doch das war es dann auch schon im original. schwarze suppe wohin man sieht. die überabbeitung in den tonwerten bringt eine deutliche verbesserung und man glaubt zu erahnen was einem der fotograf des originals zeigen will. dazu sollte man besser die automatik ausschalten und per hand belichten oder nachträglich in PS ordentlich daran herum schrauben, so wurde für mich kein schuh daraus. bild 3 kennen ich aus der vergangenheit. ein klassisches portrait und den kritikern sei versichert, der autor fotografiert(e) analog, die hasselbladnegativmaske ist kein fake. ich mochte es damals, ich mag es noch immer. es punktet mit einer angenehmen zurückhaltung und nicht mit plakativer, marktschreierischer aufmachung. das bild so entspannt wie der portraitierte, in zeiten digitaler brüllerei kaum mehr anzutreffen.
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