Bildkritik von fokussiert.com Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Diese Fotos brechen mit den Regeln. Ein Porträt ohne Gesicht, ein prominent platzierter Wäscheständer und ein sehr tief gelegter Horizont. Mit einfachen Handgriffen werden gute Fotos manchmal außergewöhnlich: Profis vom Fach-Blog fokussiert.com zeigen, wann der Regelbruch gelingt.


Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren Profi-Fotografen regelmäßig herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl dieser Bildkritiken.

1. Geheimnisvoll tief platzierte Horizontlinie

Ausgangsbild des Fotografen Dirk Wenzel: Gibt Rätsel auf
Dirk Wenzel

Ausgangsbild des Fotografen Dirk Wenzel: Gibt Rätsel auf

Profi Thomas Brotzler zu Dirk Wenzels Foto:

Für das heute gezeigte Bild wurde die bereits 2005 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D50 verwendet. Die Brennweite betrug 18 mm (entsprechend 27 mm). Betrachten wir zunächst die grundsätzlichen Bildelemente:

Komposition: Der Blick schweift von links nach rechts ins Bild
Dirk Wenzel

Komposition: Der Blick schweift von links nach rechts ins Bild

  • Komposition: Der ins linke Bildviertel gelegte, leere Wäscheständer und die im Goldenen Schnitt rechts platzierte Person unterteilen das Bild horizontal (gelbe Linien). Der Blick wird über die nach unten durchhängenden Wäscheleinen und die aus Betrachtersicht nach links geneigte Person bis zum Boden geführt (rote Linie). Einige Bäume in Hintergrund (blaue Linien) umranken einen kleinen, gerade noch sichtbaren Strommast (grüne Linien) auf der sehr tief platzieren Horizontlinie.
  • Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich deutlich rechtsschief bei einem Mittelwert von etwa 185. Trotz der so entstehenden "High-Key-Anmutung" wirkt das Bild keineswegs überstrahlt oder ausgewaschen, da die tieferen und mittleren Tonwertbereiche deutlich markiert sind. Tonwertabbrüche im Bereich der Schatten und Lichter liegen nicht vor.
  • Farben: Das Bild zeigt gebrochene Orange- und Brauntöne im Bereich der Person und ebensolche Grün- und Türkistöne im Bereich der einrahmenden Wiese und des Himmels.

Wenzels Bild zeigt zwar deutlich erkennbare Elemente, gibt uns aber auch in löblicher Weise Rätsel auf.

Wenzel bedient keine Klischees, sondern erschafft in gewisser Weise neue Bildwelten, indem er geläufige Elemente in neue Zusammenhänge stellt. Das Schöne dabei ist, dass jeder Betrachter hierbei seine eigenen Gedanken und Gefühle weiterspinnen kann.

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2. Fünf Giraffen, fünf Blickrichtungen

Ausgangsbild: Giraffe im Nebel
Georg Bergmeister

Ausgangsbild: Giraffe im Nebel

Kommentar des Fotografen Georg Bergmeister:

Ich habe das Foto im Oktober 2011 in der Ngorongoro Conservation Area in Tansania aufgenommen. Wir sind früh morgens mit unserem Jeep zur Serengeti aufgebrochen, als plötzlich diese fünf Giraffen auf einem Bergrücken aus dem Nebel auftauchten. Es war einer der faszinierendsten Erlebnisse auf meiner Reise.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Zur Aufnahme wurde die 2009 eingeführte Systemkamera Panasonic DMC-GF1 verwendet. Zum Objektiv liegen keine Informationen vor. Die faktische Brennweite betrug 30 mm, einem Kleinbildäquivalent von 60 mm bei einem Formatfaktor von 2.0 entsprechend. Die Belichtungsdaten waren 1/640 Sekunde bei Blende f/11.0 und ISO 800.

Betrachten wir die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition
Georg Bergmeister

Komposition

  • Komposition: Blickfang und Motivzentrum ist die in das rechte untere Bilddrittel gelegte Giraffe im Vordergrund (rote Linien). Auf der im unteren Bildviertel liegenden Horizontlinie (grüne Linien) werden schemenhaft vier weitere Giraffen erkennbar, drei davon links und eine davon rechts des Hauptmotivs. Spannend und für die Bildwirkung von besonderer Bedeutung sind die Blickrichtungen der insgesamt fünf Giraffen (blaue Linien).
  • Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich mittenbetont und beschränkt sich auf die Zonen II (halboffene Schatten) bis VII (sehr helle Mitten).

Zusammenfassung: Ich kann Bergmeister zu dieser sehr atmosphärischen, auch etwas geheimnisvoll wirkenden und weit über das konventionelle Dokumentations- und Erinnerungsbild hinausreichenden Arbeit nur beglückwünschen. Er hat einen neuen, frischen Blick - wohltuend anders als jene Abertausende, letztlich stereotypen Tier- und Naturbilder im Touristen- und Magazinbereich.

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3. Ein Porträt ohne Gesicht

Martina Müller

Kommentar der Fotografin Martina Müller:

Ich habe dieses Bild am Ende einer Ballettprobe aufgenommen. Die Dame hat mich von Anfang an durch ihre starke Ausstrahlung sehr fasziniert. Die Mischung aus Stärke und filigraner Weiblichkeit hat sie fast schon perfektioniert. Ich musste einfach abdrücken. Der Moment erschien mir perfekt, die Stimmung im Raum, die Haltung, das Licht, für mich passte es alles zusammen.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 550D mit dem erschwinglichen und porträtfreundlichen Festbrennweitenobjektiv Canon EF 50mm f/1,8 II verwendet. Die Brennweite betrug kleinbildäquivalente 80 mm bei einem Formatfaktor von 1.6, die Belichtungsdaten waren 1/50 Sekunde bei Blende f/5.0 und ISO 800.

Betrachten wir die grundsätzlichen Bildelemente in Martinas Arbeit:

Komposition: Ein ungewöhnliches Porträt ohne Gesicht
Martina Müller

Komposition: Ein ungewöhnliches Porträt ohne Gesicht

  • Komposition: Es ist ein ungewöhnliches Porträt - eines ohne Gesicht. Und doch ist es ohne Zweifel eine starkes und beeindruckendes Menschenbild. Wir sehen eine junge Frau, außerordentlich beweglich und trainiert, im Augenblick höchster Konzentration. Die Aufsicht auf den Kopf präsentiert sich durch die mittige Platzierung und dunklen Tonwerte als Motivschwerpunkt und Blickfang (blaue Linien). Sehr spannend gruppieren sich darum ein aufrechtes Dreieck aus Schulterpartie und Armen und ein auf dem Kopf stehendes, teilweise verdecktes Dreieck aus den Beinen (rote Linien). Der Hintergrund umspielt wunderbar die Person mit seinen hinführenden Linien (gelbe Linien).
  • Tonwerte: Das Bild weist eine High-Key-Anmutung auf, entsprechend zeigt sich das Histogramm rechtsgeneigt und mit einem Median von gut 180, ohne dass nennenswerte Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich zu verzeichnen sind.

Zusammenfassung: Ich kann Müller zu dieser reifen Arbeit nur beglückwünschen. Ihr Bild visualisiert die Konzentration und Stärke der jungen Frau vortrefflich. Die mittige Platzierung und statische Anlage sind hierfür ein sehr geeignetes Gestaltungsmittel. Der tiefe Aufnahmestandpunkt und die geschickte Einbindung des Hintergrundes tragen darüber hinaus zur eindrucksvollen Bildwirkung bei - es ist meiner Meinung nach ausstellungs- und wettbewerbsgeeignet.

Einzig könnte man noch als kleine Überarbeitung einen behutsamen Beschnitt von rechts unten her erwägen. Dies brächte den Kopf noch etwas mehr in die Mitte, wiewohl eine exakte Zentrierung aufgrund einer leichten Achsenverkippung von Kopf, Schulterpartie und Hintergrund unmöglich ist.

Überarbeitung: Ein leichter Beschnitt rechts und unten würde den Kopf zentrieren
Martina Müller

Überarbeitung: Ein leichter Beschnitt rechts und unten würde den Kopf zentrieren

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Teslatier 25.12.2013
1. Highkey
Bild 1+3 sind nicht High-Key. Noch nichtmal ansatzweise. Das Letzte ist mir persönlich zu kontrastarm. Das Erste ist einfach reich an mittleren Tonwerten. Und dass das Letzte ein ungewöhnliches Portrait sein soll, ist wohl auch eher an den Otto-Normal-Knipser gerichtet.
Jonny_C 25.12.2013
2. Das erste Bild....
...ist extra Klasse. Rätselhaft, ein bisschen geheimnisvoll und irgendwie skurril. Könnte ich mir gut in Postergröße und im Bilderrahmen vorstellen. Die anderen Bilder naja so etwas sieht man schon öfter. Ich persönlich empfinde die nun nicht gerade als besondere Eyecatcher, aber das ist wohl auch immer Geschmacksache. Da ich zu 90% Fotos zu Dokumentationszwecken mache, geht es bei mir um höchsten Auflösung und (versuchte) Objektivität, deswegen finde ich Bildkompositionen von Fotografen mit künstlerischem Anspruch immer ganz spannend und gehe auch gern in Fotoausstellungen.
Mario_Muster 25.12.2013
3. Schöne Fotos.
Aber daraus eine Kunst oder har eine Art Wissenschaft zu machen ist mMn Humbug. Gutes Fotografieren bedingt die Gunst des richtigen Blicks und den Zufall des richtigen Moments Dazu braucht es keinen Hokuspokus, und man kann es vor all nicht erlernen.
jontev 25.12.2013
4. optional
Ein HDR auf Ebenen angewendet sowie ein Colorkey, den Rest nach der Bearbeitung ins Grau versetzt und dem Wäscheständer noch ein wenig Braun gelassen. Eine Meisterleistung für einen Lehrling, ein Profi-Bild? Naja? Die vom Kritiker indizierte Linie ist wohl eher zufällig, ich sehe da eher zwei Spitzen aufeinander zulaufen. Die münden dann in dem sich androhendem Gewitter, das morgen über den Kritikier niderbricht.
nic 26.12.2013
5. optional
Die geheimnisvollen Kompositionen. Was wurde uhnd wird bei "alten Meister" alles herumgerätselt. Linien werden übers Bild gelegt, bis ein geheimnisvolles Kreuz oder Dreieck entsteht.
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