Bildglättung in TV-Geräten Schluss mit dem Seifenopern-Effekt beim Fernsehen

Oft lassen moderne Hightech-Fernseher Blockbuster aussehen, als seien sie mit einem Camcorder gedreht worden. Schuld sind die TV-Hersteller, meint unser Autor - und fordert sie auf, endlich damit aufzuhören.

Philips

Von


Motion Flow, Tru Motion und Intelligent Frame Creation: Der Horror-Effekt auf Fernsehgeräten hat viele Namen. Es ist der klägliche Versuch der TV-Hersteller, den Zuschauern ein möglichst flüssiges Bild zu liefern. Doch mit der Funktion, die auf nahezu allen modernen Fernsehern standardmäßig aktiviert ist, gehen Sony, Samsung, Panasonic und Co. zu weit. Sie pfuschen Hollywood ins Handwerk, zerstören das Filmerlebnis auf modernen TV-Geräten, lassen aufwendig gedrehte Filme wie B-Movies aussehen.

Die Technik dahinter funktioniert so: Zwischen jeweils zwei Filmbildern berechnet der Prozessor des Fernsehers ein weiteres Bild hinein, das sozusagen die Schnittmenge der beiden Einzelbilder ist. Der Trick minimiert Bewegungsunschärfen und lässt Kameraschwenks flüssiger wirken.

Kinofilme werden in der Regel mit 24 Bildern pro Sekunde abgespielt. Die vom TV berechneten Zwischenbilder erhöhen bei solchen Filmen die Bildwiederholfrequenz und zerstören damit die typische Hollywood-Optik. Statt nach teuren Kinofilm sieht ein derart manipulierter Blockbuster aus, als wäre er mit billigen Videokameras gedreht worden, wie es bei Seifenopern üblich ist. Daher die Bezeichnung Soap-Opera-Effect (Seifenopern-Effekt).

Derart vom Fernseher aufbereitete Kinofilme wirken wie eine Folge "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" mit Spezialeffekten aus "Alarm für Cobra 11". Die Schauspieler bewegen sich vor den Kulissen wie Marionetten vor einem Billig-Bluescreen.

Auftritt: Tom Cruise

Der Schauspieler Tom Cruise führt seit Jahren einen Kampf gegen diesen Glättungseffekt. Auf Twitter veröffentlichte der "Mission Impossible"-Star diese Woche ein Video mit der Botschaft: Schaltet die künstlichen Zwischenbilder auf euren Fernsehern ab! Zufall war das nicht, gerade ist ein neuer Tom-Cruise-Film auf Blu-ray veröffentlicht worden.

"Star Wars"-Regisseur bezeichnet Technik als "flüssigen Durchfall"

Neben Tom Cruise stellen sich zahlreiche Filmemacher gegen die TV-Technik, beispielsweise die Regisseure Christopher Nolan (" The Dark Knight") und Rian Johnson ("Star Wars - Die letzten Jedi"). Letzterer bezeichnete die Bildverbesserungstechnik auf Twitter als "flüssigen Durchfall", löschte den entsprechenden Tweet aber wieder. Bisher verhallt die Kritik der Filmemacher ungehört bei den TV-Herstellern.

Auf der anderen Seite hat Regisseur Peter Jackson versucht, die Filmwelt von einem moderneren Filmformat zu überzeugen. Seinen Film "Der Hobbit" drehte er mit 48 statt der üblichen 24 Bilder pro Sekunde. Doch auf viel Gegenliebe stieß sein Experiment nicht, viele Fans störten sich an der Videooptik des 3D-Kinofilms. Bis auf Ang Lee ("Die irre Heldentour des Billy Lynn") haben Filmemacher seither ihre Finger davon gelassen.

Die TV-Hersteller schreckt das nicht ab. Seit Jahren werden Filme von immer schnelleren Prozessoren glattgebügelt. Die Sichtweise der Unternehmen: Die Zuschauer können die Funktion ja abschalten, wenn sie das nicht wollen. Nein, es sollte umgekehrt sein: Wer sich wirklich mit dem Seifenopern-Effekt quälen möchte, der soll ihn aktivieren müssen. Alle anderen sollten davon verschont bleiben.

Schluss mit der Sitcom-Optik

Es mag ja in Ordnung sein, die Übertragung eines Fußballspiels mit Zwischenbildern zu glätten und Videospiele mit hoher Bildrate anzuzeigen. Aber liebe TV-Hersteller, bitte überlasst es den Profis aus Hollywood, die Ästhetik ihrer Film zu bestimmen. Hört auf damit, den Zuschauern mit künstlich erzeugten Zwischenbildern eine Geschwindigkeit vorzugaukeln, die es im Original nicht gibt. Amazon schreibt auch keine Bücher um und Spotify spielt keine zusätzlichen Gitarrenspuren ein.

Bis dahin gilt der Appell an alle Zuschauer: Schalten Sie für einen gelungenen Filmabend die Bewegungsglättung auf Ihren TV-Geräten aus. Wie das geht, erklären wir in dieser Fotostrecke.

insgesamt 79 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rubraton 07.12.2018
1. verstehe den Irrsinn nicht
Jeder gängige TV mit neu vorhandener Technik, lässt sich über die Menüsteuerung deaktivieren. Wo liegt das Problem?
tillw 07.12.2018
2. Vielen Dank!
Genau das hat mich bei meinem diese Woche gekauften Panasonic tierisch gestört. The Matrix meets GZSZ, einfach fürchterlich und unnütz. Ich hatte den Effekt zwar selbst schon ausgeschaltet, aber dieser Artikel, auch mit den Beschreibungen wie man ihn abschaltet, ist sehr nützlich. Vielen Dank dafür!
Plasmabruzzler 07.12.2018
3.
Wenn flüssigere Bewegungsabläufe angeblich störend seien und abgeschafft werden sollen, muss man dann nicht auch zwangsläufig Kinofilme mit HDR (High Frame Rate) meiden, die ja auch flüssiger erscheinen als Filme mit 24p ?
deacon0815 07.12.2018
4. Hdr
Sie meinen HFR, HDR erweitert nur den Farbraum, aber nicht die Bildrate. HFR ist nicht wirklich verbreitet.
Leser161 07.12.2018
5. Frage
Als relativ anspruchsloser Fernsehgucker interessiere ich mich nicht für die Technik, selbst HD ist mir zu anstrengend, wenn es umsonst kommt meinetwegen, sonst nicht: Ich kaufe nach Preis, Grösse und Gehäusequalität (die Bilder finde ich schwer vergleichbar - ich sehe zwar die Unterschiede aber was ist besser was ist schlechter?). Wie will man mich mit dieser Technik, sei Sie gut sei sie schlecht erreichen und dazu bringen Geld auszugeben. Oder ist der Effekt doch subtil sichtbar und lässt den Fernseher "besser" auf mich wirken. Ich meine irgendwie müssen ja Technik und Entwicklungsaufwand finanziert werden. Eine Erklärung der Mechanismen dahinter würde mich interssieren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.