Produktfälschungen Was hinter dem Birkenstock-Abgang bei Amazon steckt

Weil auf der Plattform auch gefälschte Markenprodukte angeboten werden, zieht sich Birkenstock von Amazon zurück. Der Schritt erregt Aufsehen. Doch der Schuhhersteller ist mit seiner Kritik nicht allein.

Birkenstock-Laden (Archiv)
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Zum Jahreswechsel ist Schluss. Vom 1. Januar 2018 an werde man keine Schuhe mehr über Amazon anbieten, heißt es in einem Schreiben der Birkenstock-Chefs an ihre Mitarbeiter. Der drastische Einschnitt wird damit begründet, dass Amazon nicht genug gegen den Handel mit Produktfälschungen auf seiner Plattform unternehme.

Zuvor hatte der deutsche Hersteller seine Fußbettsandalen bereits aus dem Angebot des Online-Versandhändlers in den USA entfernt. Das Unternehmen, dessen Produkte gerade so hip wie nie sind, verzichtet damit auf einen einträglichen Absatzmarkt.

Mit seiner Kritik an Amazons Umgang mit Plagiaten ist der Konzern allerdings nicht allein. In Amazons Verkäuferforen finden sich Dutzende Diskussionen, die von Ärger mit gefälschten Produkten handeln. Ein Diskussionsstrang, in dem es darum geht sogenannte Fakeverkäufer zu melden, zählt seit seiner Einrichtung im Januar 2016 mehr als 300 Beiträge.

Die Liste ist eine Reaktion auf Kritik an Amazons Reaktion auf Meldungen von Anbietern gefälschter Waren. Im Forum wird geklagt, "Amazon scheint das leider relativ egal" und "bei völlig offensichtlichen Plagiaten unternimmt Amazon genau nichts". Genaue Zahlen, wie viele Plagiatsmeldungen bei Amazon auflaufen, gibt es nicht. Doch hat das Online-Versandhaus für Beschwerden über Markenrechtsverletzungen ein Meldeformular eingerichtet. Besonders selten sind solche Klagen wahrscheinlich nicht.

Selbstversuch eines Herstellers

So gibt es auch immer wieder spektakuläre Meldungen über gefälschte Produkte auf Amazon. Als die Computerzeitschrift "c't" dort 2015 zwölf Originalakkus für Samsung-Smartphones bestellte, stellte sich nach einer Überprüfung heraus, dass kein einziger davon echt war. Ein Jahr später tauchten bei Amazon gefälschte Grafikkarten auf, im Sommer 2017 gefälschte Computerprozessoren.

Der Chef einer US-Firma, die Eiswürfelbehälter der Marke Tovolo herstellt, reagierte auf Berichte über Produktfälschungen mit einer skurrilen Aktion. Er machte regelmäßig Testkäufe seiner eigenen Produkte, reduzierte dann seine Lieferungen an Amazon und bestellte erneut mehrere Exemplare des Tovolo-Eiswürfelbehälters. Das Ergebnis seines Tests: Sobald Amazons Lagerbestand an Originalen zurückging, wurden ihm mehr Fälschungen geliefert als sonst.

Kontrollverlust im Warenlager

Der Kern des Problems: Anders als im stationären Handel haben Markenhersteller auf Amazon keine Kontrolle darüber, wer ihre Waren anbietet. Bei Ladengeschäften kann ein Unternehmen sich darauf beschränken, seine Waren über bestimmte Händler anzubieten. Bei Amazon hingegen können auch Drittanbieter, die in keiner direkten Beziehung zum Hersteller stehen, dessen Markenprodukte anbieten.

Zudem werden in Amazons Lagerhäusern alle Produkte, die den gleichen Barcode tragen, gleichberechtigt gelagert, egal, ob sie vom Hersteller oder von einem Drittanbieter geliefert wurden, berichtet das "Wall Street Journal". Die Methode helfe, die Auslastung der Lager zu optimieren und die Lieferwege kurz zu halten. Sie habe aber auch zur Folge, dass Originalware vom Hersteller und möglicherweise gefälschte Produkte gleichberechtigt gelagert und an Besteller verschickt werden, heißt es in dem Bericht weiter. So kam es dann wohl auch dazu, dass dem Tovolo-Chef Raubkopien seiner eigenen Produkte geschickt wurden.

Plagiate sofort melden

Neben den Herstellern, deren Gewinne durch Plagiate geschmälert werden und deren Ruf durch schlechte Kopien leiden kann, sind vor allem die Kunden die Leidtragenden. Sie bezahlen für ein Markenprodukt - und bekommen eine billige Kopie. Besonders viele Plagiate findet man zum einem im Textilbereich, wo in erster Linie teure Marken kopiert werden. Nicht selten sind die Kopien so gut gemacht, dass man erst nach einiger Zeit, etwa nach dem Waschen, bemerkt, dass man mangelhafte Qualität geliefert bekommen hat.

Ein anderer Sektor, in dem häufig Fälschungen gefunden werden, sind Elektronikprodukte. Immer wieder gibt es Berichte über gefälschte Speicherkarten und SSDs, die mit kopierten Aufklebern der Originalhersteller beschriftet sind, aber viel weniger Speicherplatz bieten als versprochen.

Und Amazon?

Weil der Online-Versender selbst nicht dazu verpflichtet ist, Produkte auf ihre Echtheit zu prüfen, gilt es für Kunden, die auf solch ein Fake-Angebot reingefallen sind, sich sofort an Amazon zu wenden. Wird dem Konzern eine Markenrechtsverletzung gemeldet, muss er dem Fall nachgehen, das Produkt im Zweifel aus dem Angebot nehmen. Und oft, so lauten Berichte aus Internetforen, zeigt sich Amazon kulant, erstattet den Kaufpreis oder liefert Ersatz.

Leisten kann der Online-Versandhändler sich das. Er scheint deshalb bei der Plagiat-Problematik eher auf einer Fall-zu-Fall-Basis zu agieren und kauft sich im Reklamationsfall heraus - statt systematisch gegen Billigkopien auf der eigenen Plattform vorzugehen. "Amazon duldet keine gefälschten Produkte, deren Angebot auf Amazon Marketplace ist laut unseren Teilnahmebedingungen nicht erlaubt", ließ das Unternehmen im Fall Birkenstock in einer ersten Stellungnahme schlicht verlauten. Es klang nicht danach, als plane Amazon eine neue Offensive gegen Produktpiraterie.



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Caty25 11.12.2017
1. Amazon kein Vermittler
Amazon ist kein Vermittler wie er behauptet sondern ein Händler.Und als Händler ist er voll verantwortlich für seine Fehler. Jeder Richter würde Birkenstock recht geben.
ich-geb-auf 11.12.2017
2. Momentan der einzige Weg!
Denn wenn ich als Kunde weiss, Birkenstock verkauft nicht auf Amazon, weiss ich, dass das andere mit großer Sicherheit Fälschungen sind. Bei Amazon gibt es inzwischen so viele Fälschungen: Handyladegeräte, Akkus, Uhren, Schuhe, Kleidung, sonstige Elektronikartikel, CPUs, Grafikkarten usw usw usw.. "Plagiate sofort melden" der Witz war gut, da passiert genauso wie bei ebay erstmal so guit wie gar nichts.. Wie auch, Amazon muss ja auch erstmal eine die Anschuldigung (zb von der Konkurrenz) prüfen und das dauert, solange werden noch genug Kunden betrogen, die nicht mal erkennen, dass es ein Plagiat ist und das vielleicht erst Monate spätere merken (Stromschlag, Brand usw) die Regierungen müssten vor allem an der Quelle der Plagiate Flage zeigen, also China und co müssten härter kontrollieren, diese Fabriken stillgelegt werden.
ibotob 11.12.2017
3. Irgendwie klar. Mal sehen wie das weitergeht...
Man kann sich als Händler bei Amazon an bestehende Produktangebote anhängen, so dass man einfach nur als weiterer Verkäufer des Artikels mit aufgeführt wird. War ja klar, dass das als Konsequenz solche Blüten treibt. Amazon interessiert dabei natürlich nur die Prozente, die es bei jedem Verkauf einheimst. Selbst wenn sich ein Verkäufer nicht an ein bestehendes Angebot anhängt und den Artikel erneut einstellt, werden die zwei Angebote und deren Beschreibungen automatisch zusammengeführt, was dann teilweise zu einem absoluten Kuddelmuddel und Sprachenmix führt. Dazu kommen immer mehr asiatische Anbieter, die ihre Waren von ebendort versenden und man damit höllisch aufpassen muss, dass man nicht eine Versandzeit von mehreren Wochen hat. Vom horrenden Anteil von Fake-Bewertungen ganz zu schweigen. Mal sehen wie lange Amazon das alles noch so weiter laufen lassen kann, bevor die Kunden keine Lust mehr auf all die (meiner Meinung nach immer größer werdenden) Probleme haben.
loeweneule 11.12.2017
4.
Zitat von Caty25Amazon ist kein Vermittler wie er behauptet sondern ein Händler.Und als Händler ist er voll verantwortlich für seine Fehler. Jeder Richter würde Birkenstock recht geben.
Amazon ist Händler und Vermittler. Er bietet Drittanbietern ein Verkaufsplattform, auf der diese ihre Produkte anbieten können. Außerdem verkauft Amazon natürlich in eigenem Namen. Das ist wie eine große Markthalle. Der Erbauer hat den größten Laden und vermietet diverse andere Läden.
max-mustermann 11.12.2017
5.
Angebliche Original Akkus für Handys fehlen noch im Text. Habe ich schon mehrfach bestellt und es waren immer ausnahmslos Fälschungen.
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