Blackberry 10: Neues Handy-Betriebssystem - ohne Handy

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Neue Bildschirmtastatur, Kachel-Design wie bei Windows 8, echtes Multitasking: Der Blackberry-Hersteller Research in Motion stellt ein völlig neues Betriebssystem vor. Doch der Erscheinungstermin ist unbekannt - und neue Handys gibt es vorerst auch nicht.

Software für Smartphones: Blackberry 10 Fotos
REUTERS

Für Research in Motion (RIM) ist die Blackberry World das prägende Ereignis des Jahres. So wie Apple auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC die großen Pläne des Konzern für die kommenden Monate ankündigt, zeigt RIM auf seiner Hausmesse neue Software-Versionen, neue Dienste und neue Geräte - meistens. Denn neue Hardware war auf der diesjährigen Blackberry-Show in Orlando, Florida nicht zu sehen - zumindest keine neuen Smartphones, die man kaufen kann.

Stattdessen konzentrierte sich RIM-Manager Thorsten Heins ganz auf das neue Betriebssystem Blackberry 10, das den Konzern fit für die Zukunft machen und künftig auf neuen Geräten installiert werden soll. Vorerst allerdings kommen nur Software-Entwickler in den Genuss des neuen Systems, ihnen wurden im Rahmen der Konferenz neue Smartphones geschenkt. Das als Dev Alpha bezeichnete Gerät ist allerdings ein Prototyp und nicht für die Vermarktung bestimmt. Ob man solche Geräte im Nachgang der Konferenz bei Ebay finden wird, ist allerdings eine andere Frage. Sonderlich attraktiv für die reguläre Nutzung sind sie mangels Telefonfunktion nicht.

Bedauerlich ist es aber mit Sicherheit, dass man das neue Betriebssystem Blackberry 10 derzeit weder auf einem alten Blackberry installieren noch ein neues Blackberry-Gerät damit kaufen kann.

Wischen statt schreiben

Einige Neuerungen des künftigen Systems waren auf der Blackberry World zu sehen. Vor allem hat der Konzern sich endlich darauf besonnen, seine Kernkompetenz, das schnelle Tippen von Texten auf dem Handy, zu stärken. Was auf den traditionellen Tastatur-Smartphones des kanadischen Unternehmens noch prima klappte, war bislang nicht nahtlos in die Touchscreen-Ära übertragen worden. Die neue virtuelle Tastatur in Blackberry 10 blendet beim Tippen über den jeweiligen Tasten ein, welche Worte man möglicherweise gerade schreiben will. Passt eines davon, lässt es sich schnell auswählen und in den Text schieben, wie ein RIM-Video zeigt.

Überhaupt geht es viel ums Wischen und Schieben bei der neuen Systemsoftware. Die Benutzeroberfläche wird, ähnlich Windows Phone 7, von Kacheln dominiert. Sie symbolisieren die unterschiedlichen Apps. Zwischen offenen Anwendungen lässt sich per Fingerwisch umschalten, wobei man wie bei einem Kartenspiel die weiteren Apps leicht angeschnitten sehen kann. Die Flow genannte Technik erinnert an das Umblättern von Seiten in einem Buch und scheint, zumindest RIM-Videos nach zu urteilen, auch schön animiert zu sein.

Bemerkenswert ist auch die neue Kamera-App, die es Fotoamateuren erleichtern soll, ansprechende Schnappschüsse zu produzieren. Der Trick dabei ist, dass die Software, sobald sie aufgerufen wird, kontinuierlich Bilder aufzeichnet. Drückt man den Auslöser, erzeugt man damit einen Zeitstempel, von dem aus man zurückspulen kann, um aus mehreren Schnappschüssen das optimale Bild zusammenzustellen.

Technisch soll sich Blackberry 10 unter anderem durch konsequentes Multitasking auszeichnen. Alle einmal geöffneten Apps sollen auch im Hintergrund aktiv bleiben. Es bleibt abzuwarten, wie solche Funktionen die Akkulaufzeit beeinflussen werden.

Ein Porsche mit Blackberry inside

RIM will das neue Blackberry-System nicht nur in Smartphones nutzen. Das Update sei "nicht nur ein neues Smartphone-Betriebssystem", sondern auch "ein neues Mobile Computing Betriebssystem", sagte Manager Heins in Orlando. Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, wurde ein Porsche gezeigt, in den Blackberry 10 integriert wurde, um beispielsweise die Passagiere auf den Rücksitzen mit Filmen und Musik zu versorgen.

Wann man mit solchen Lösungen rechnen kann oder wann die ersten Blackberrys mit dem neuen Betriebssystem ausgeliefert werden sollen, wollte der deutsche Firmenchef allerdings nicht preisgeben. "Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen, um sicherzustellen, dass alles richtig läuft", sagte er in Orlando. Dass es später in diesem Jahr soweit sein werde, war die genaueste Angabe, die er machte.

"Experimentelle Aktivitäten"

Von einem Erfolg der neuen Software und aufregenden neuen Geräten könnte die Zukunft des Unternehmens abhängen, das einst Kultstatus hatte und seit Jahren Marktanteile gegen modernere Smartphone-Konzepte wie Apple-iPhones und Android-Handys verliert.

Um durchzuhalten, scheint das Unternehmen in einen Not-Modus geschaltet und ungewöhnliche Maßnahmen ergriffen zu haben. Dazu gehört etwa, dass RIM in Australien eine bezahlte Protestkundgebung vor einem Apple Store organisiert hat. Zunächst war vermutet worden, Samsung sei für die Aktion verantwortlich, dann aber erklärte RIM, man stehe hinter dieser und anderen Aktionen in Australien, die als "experimentelle Aktivitäten" bezeichnet wurden.

10.000 Dollar App-Prämie

Ebenso experimentell ist auch das Lockmittel, mit dem RIM einem Bericht von "The Verge" zufolge Entwickler auf sein neues System locken will. Demnach garantiert der Konzern jedem Programmierer einer Blackberry-10-App einen Umsatz von 10.000 Dollar im ersten Jahr. Sollte dieses Ziel nicht erreicht werden, will RIM für die Differenz einstehen. Die einzigen Bedingungen: teilnehmende Apps müssen zertifiziert werden und mindestens 1000 Dollar Umsatz generieren. So sollen Spaß-Programmierer ferngehalten werden, die unsinnige Apps einreichen, um die Garantiesumme einzustreichen.

Ob all das ausreichen wird, um künftigen Blackberrys etwas vom guten Ruf ihrer Vorgänger wiederzugeben, ist umstritten. Der "Boy Genius Report" etwa erklärt RIM bereits für tot und sagt: "Die Firma hat sich nicht geändert und wird sich nicht ändern." Der Analyst Peter Misek von Jefferies & Company sagte der Nachrichtenagentur AP: "Wenn die ersten Blackberry-10-Geräte eingeführt werden, sind das iPhone 5, Windows 8 und all die Android-Geräte schon auf dem Markt."

Und genau das ist seit Jahren das prägende Problem der Blackberrys: Sie kommen ständig zu spät.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Walter Sobchak 02.05.2012
Wen interessierts? MSFT war diesmal zu erst da und von nem Anbieter der seine Kunden durch fremde Regierungen belauschen laesst, wuerde ich nichtmal was geschenkt nehmen.
2. 2010
vogelskipper 02.05.2012
Es scheint, dass RIM softwaremäßig im Jahre 2010 angekommen ist. Wir schreiben aber 2012.... Und das mit dem Porsche und Version 7 ist doch oberpeinlich.
3. Palm lässt grüßen
Luthredon 02.05.2012
Erinnert fatal an Palm: dort stand am Ende auch eine gefühlte Ewigkeit ein endlich gereiftes OS zur Verfügung, das keine adäquate Hardware mehr fand.
4. Blackberry?
langenscheidt 02.05.2012
Was? Wer? Blackberry? Wer tut sich denn solch unfreies Gerät noch an? Allein die Registrierung bzw. Knebelverträge mit Mobilfunkanbietern um Internet zu nutzen ist Steinzeit.
5.
FrankDr 02.05.2012
Solange man nicht ganz normale "Daten-Flatrates" o. Prepaids o.ä. nutzen kann, absolut sinnlos. Ansonsten jedoch wäre ein Untergang von RIM echt tragisch. Ein wenig Konkurrenz im Handy-Markt (neben Android, ios, WinPhone) würde sicherlich guttun.
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