Branchengerücht über Nokia Mit Windows wieder wichtig

Für Nokia-Fans wäre das ein Schock: Der kriselnde Handy-Gigant verhandelt laut einem Brancheninsider mit Microsoft - und könnte schon bald Smartphones mit Windows auf den Markt bringen. Ein Akt der Verzweiflung oder ein cleverer Schachzug im brutalen Konkurrenzkampf mit Google?

Smartphone made in Finnland: Kommt das Nokia-Handy ohne Nokia-Betriebssystem?
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Smartphone made in Finnland: Kommt das Nokia-Handy ohne Nokia-Betriebssystem?

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Nokia ging es schon mal besser, keine Frage. Noch vor wenigen Jahren waren die Finnen die unanfechtbaren Champions bei allen Arten von Handys. Doch das ist längst vorbei. Zwar ist Nokia immer noch Marktführer, doch von Dominanz kann keine Rede mehr sein, der Marktanteil schmilzt zusehends. Die Rettung sucht das Unternehmen jetzt offenbar auf ungewohntem Terrain: Dem Bericht eines Branchenkenners zufolge verhandelt das Management mit Microsoft-Vertretern über den Bau von Smartphones mit dem Windows-Phone-7-Betriebssystem. Es wäre das erste Mal nach 30 Jahren, dass Nokia-Handys ohne Nokia-System ausgeliefert würden - abgesehen von einem einzigen Gerät, auf dem das Open-Source-Betriebssystem Meego läuft.

Der Bericht, wonach die beiden Großkonzerne bereits im November Gespräche über eine Partnerschaft aufgenommen haben, stammt von Eldar Murtazin, dem Chefredakteur der etablierten russischen Gadget-Website mobile-review. Murtazin machte schon vor Monaten von sich reden, als er lange vor dessen offizieller Veröffentlichung einen Testbericht über Nokias neues Top-Handy N8 publizierte. Wie er an das geheime Gerät gekommen war, ist unklar. Der Fall erinnerte an den des verlorenen iPhone-4-Prototyps. Nokia hatte damals versucht, das Handy mit Hilfe der russischen Polizei wiederzubekommen.

Nun aber beschreibt der russische Branchenkenner kein neues Mobiltelefon, sondern eine vollkommen neue Strategie des finnischen Konzerns. Demnach hat Nokias neues Management die Gespräche mit Microsoft angeregt. Das wäre naheliegend. Denn erst seit wenigen Monaten sitzt mit Stephen Elop ein ehemaliger Microsoft-Manager bei Nokia auf dem Chefsessel. Dass der Kanadier sich also bei seinen Ex-Kollegen nach Hilfe umschauen könnte, scheint durchaus plausibel. Und Microsoft käme der Kooperationspartner mit dem großen Marktanteil zweifellos gelegen - denn die Handy-Betriebssysteme aus Redmond sind über den Status von Nischenprodukten nie hinausgekommen.

"Eine Verzweiflungstat"

Murtazin sieht in der Kooperation allerdings keine einseitige Angelegenheit, sondern "eine Verzweiflungstat", mit der sich die Konzerne gegen die rasant steigende Marktmacht der Android-Handys zu Wehr setzen wollen. Bisher hatten sich Smartphones mit dem Google-Betriebssystem vor allem im mittleren und oberen Preissegment breitgemacht. Seine Verluste in diesem Bereich konnte Nokia mit seinem Angebot an Lowcost-Handys leidlich abpuffern. Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern dominiert das Unternehmen mit Simpel-Handys immer noch den Markt.

Jetzt aber, so Murtazin, kommen die Billig-Android-Handys. In Russland etwa soll in Kürze ein solches Gerät zum Kampfpreis von 90 Dollar angeboten werden. Technisch sei das zwar nicht gerade die Oberklasse, es werde aber von einem der großen Netzbetreiber beworben werden und sich allein über den Preis gut verkaufen - und damit Android-Technik in Nokias Billig-Nische bringen. Und es werde nur die Speerspitze einer ganzen Schar neuer Android-Smartphones der Einsteigerklasse werden, glaubt der russische Experte - und nimmt damit eine logische Preisentwicklung vorweg.

Falsches Signal für Stammkunden

In der Kooperation von Nokia und Microsoft sieht Murtazin aber nicht den richtigen Ausweg für die Finnen. Deren Stärke seien stets die eigenen Entwickler gewesen, eine Allianz könne dem Unternehmen nicht helfen, seine Probleme zu lösen. Um diese Meinung zu untermauern, zitiert er ausgerechnet einen Nokia-Manager, der die Fusion von Siemens Mobile mit BenQ mit diesen Worten kommentierte: "Wenn man zwei Hennen zusammenbringt, wird daraus noch lange kein Adler."

Microsoft und Nokia haben sich zu dem Bericht bisher nicht geäußert. Auf Anfrage teilte Nokia lediglich mit, man kommentiere derartige Gerüchte grundsätzlich nicht.

Für Nokia-Fans wäre die Kooperation mit Microsoft ein Schock. Denn eines der Killerargumente, mit denen Nokia seit Jahrzehnten Stammkunden an sich bindet, ist Kontinuität. Wer sich einmal an ein Nokia gewöhnt hat, kommt auch mit jedem anderen Modell der Finnen klar. Da ähnelt Nokia der alten Microsoft-Philosophie der immerwährenden Kompatibilität - von der sich die Amerikaner mit Windows 7 erfolgreich ein Stück weit gelöst haben.

Genau das ist es, was Nokia bisher fehlt: Eine Neuauflage seines Symbian-Betriebssystems, die wirklich und konsequent mit dem alten bricht und dem ehemaligen Erfolgskonzern einen Neuanfang ermöglicht. Eigentlich hätte das die Linux-Variante Meego sein können, die noch vor knapp einem Jahr groß angekündigt wurde - von der bisher aber kaum etwas zu sehen ist. Nokia muss sich beeilen, um nicht noch schneller ins Abseits gedrängt zu werden.

insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
emantsol 21.12.2010
1. Gefährliches Monopol
Eine grauenhafte Vorstellung. Microsoft auf dem Computer (bei mir nur noch auf 1 von 3, Rest Linux), im Auto (z.B. bei FIAT), in der Spielekonsole, auf dem Handy und wer weiss, wo noch. Ich halte diese Monopol-Stellung für extrem ungesund.
MyDocAngel 21.12.2010
2. wenn damit dann auch Datenübertragung
auf den Laptop möglich wird - copy and paste - toll!!!
kay_ro 21.12.2010
3. ...
Nokia arbeitet weiterhin erfolgreich an seinem Verschwinden. Weiter so!
MyDocAngel 21.12.2010
4. Monopol?
Zitat von emantsolEine grauenhafte Vorstellung. Microsoft auf dem Computer (bei mir nur noch auf 1 von 3, Rest Linux), im Auto (z.B. bei FIAT), in der Spielekonsole, auf dem Handy und wer weiss, wo noch. Ich halte diese Monopol-Stellung für extrem ungesund.
Nein: Jeder kann sich doch heute auf dem Markt das aussuchen, was ihm am besten passt, oder nicht? Ich tue das! Mir würde es passen.
barlog 21.12.2010
5. Titel
Zitat von emantsolEine grauenhafte Vorstellung. Microsoft auf dem Computer (bei mir nur noch auf 1 von 3, Rest Linux), im Auto (z.B. bei FIAT), in der Spielekonsole, auf dem Handy und wer weiss, wo noch. Ich halte diese Monopol-Stellung für extrem ungesund.
Hat das Leben noch Sinn ?
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