Kapitel 2 Gilden will hochkant - die Brille nicht

Starfotograf Bruce Gilden steht vor einer Herausforderung: Die Brille will nicht so, wie Gilden will.


Natan Dvir / DER SPIEGEL

In New York schnürt Gilden umher wie ein hungriges Raubtier, ständig quatscht er Fremde an, Fotografie als Kontaktsport. Ein Chauffeur lehnt gelangweilt an seiner schwarzen Limousine. Gilden tritt frontal vor ihn, richtet die Brille aus, ein Tick mit dem Finger, fertig. Der Chauffeur hat nichts gemerkt. Aber Gilden gefällt diese Heimlichkeit nicht.

Bilder von Fremden zu machen und auszustellen ist in New York legal, es fällt unter die Kunstfreiheit. In Deutschland könnte dieses Recht bald eingeschränkt werden (mehr zu der Rechtlichen Frage - hier im Hintergrund).

"Gute Fotos macht man nicht mit der Kamera, sondern mit der ganzen Persönlichkeit", sagt Gilden. "Du musst auf die Leute zugehen, so nah wie möglich. Der Fotograf Robert Capa hat einmal gesagt: Ist das Foto nicht gut genug, warst du nicht nah genug dran. Absolut richtig."

Die Menge umflutet ihn wie ein reißender Strom. "Die sehen alle gleich aus, New York wird immer langweiliger", sagt er. "Da, der Obdachlose hat ein interessantes Gesicht, aber ich will ihn nicht bloßstellen. Ey, die Frau da drüben, die ist ja geschminkt wie ein Clown. Oder die dahinter ist perfekt..."

Er stellt sich der Frau in den Weg: "Ich bin Bruce Gilden, ich bin ein berühmter Fotograf". Sie nickt. "Wenn Sie mir das glauben, erzähle ich noch einen Witz..." Sie lacht. "Nein, Sie müssen ernst schauen", sagt er.

Er fasst ihren Nacken, dreht das Gesicht leicht zur Seite und nach unten - schließlich hat er ja beide Hände frei. Sie lässt es geschehen. "Super, das sieht komplett ungestellt aus", sagt er und knipst.

"Die Straße ist eine Bühne, die Passanten sind Darsteller", sagt er. "Aber ich bin hier der Regisseur." Sie bedankt sich überschwänglich. "Die meisten Leute lieben die Aufmerksamkeit, ich habe diese Frau gerade glücklich gemacht."

Nach einer halben Stunde macht der im Brillengestell eingebaute Akku schlapp, also baumelt ein Kabel zum Zusatzakku herunter. Das Brillengestell wird bedenklich heiß. "Daran kann ich mir im Winter die Finger wärmen", sagt Gilden.

Bruce Gilden macht den Glass-Test

Gilden stoppt einen jungen Mann an der Ecke Fifth Avenue / 57th Street und nimmt sich die Google-Brille vom Kopf.

Er will den lässigen Typen fotografieren - natürlich hochkant.

Und das ist das Bild. Es zeigt Lei Yutian aus Shanghai.

Aus der Menschenmenge sucht sich der Meister der Hochkant-Fotografie einzelne Personen aus, tritt frontal vor sie hin, richtet die Brille aus. Trotz Eile lässt sich Tim Whitney fotografieren. Er ist auf dem Weg zu einer Hochzeit als Gilden ihn entdeckt.

Dies ist ein Schnappschuss von Phoebe Donham aus New York.

Barbara Quinteror stammt aus Mexiko.

Halte still, Mann!, verlangt Gilden von dem Mann aus Equador.

Die Nächsten bitte! Gilden fotografiert drei Generationen der Familie der Meyer aus Ohio. Die Damen kommen gerade von Tiffany.

So sehen die Meyers durch die Google-Brille aus.

Ein Nicken schaltet die Brillenkamera ein, ein Zwinkern löst das Foto aus. Doch Gilden erkennt das Display nicht.

Die ist das erste Porträt, das Bruce Gilden mit Google Glass schoss.

Passanten drehen sich um und tuscheln, wenn sie den Cyborg sehen. Die Nasenlinse ist eine Zumutung. Das Licht wird schlechter, es nieselt. Die Bildqualität bleibt erstaunlich gut, aber Gilden fehlt eine manuelle Belichtungskorrektur und ein Blitz. Dabei gehört gerade das harte Blitzlicht zu seiner Handschrift. Vor allem aber: Die Brille eignet sich nur für Querformate. Und Gilden gilt als Meister des Hochformats.

Er bekommt Durst, stellt die Flasche hinter sich. Nach einer Minute ist sie geklaut. Und dann auch noch dieser junge Schönling hinter ihm, Anzug, Krawatte, Wollmütze, der unauffällig an einer Ampel lehnt und Gilden mit dem Handy fotografiert: "Ich hasse diese Anfänger, die heimlich aus dem Hinterhalt herumknipsen." Er spricht den Paparazzo an und macht ein Bild von ihm. Die beiden fotografieren sich gegenseitig.

Natan Dvir / DER SPIEGEL

Er hasst es, herumkommandiert zu werden, daher ist er ja Fotograf geworden. Und nun führt ihn diese Albtraumbrille wortwörtlich an der Nase herum und zwingt ihn zu absurden Verrenkungen. Bruce Gilden hat vierzig Jahre lang so intensiv mit seiner mechanischen Leica-Kamera gearbeitet, dass er sie blind bedienen kann. Wenn er sie nicht dabei hat, fühlt sich das wie Phantomschmerz an.

Diese Verschmelzung von Körper und Kamera eröffnet sich mit den Wearable-Kameras nun jedem, und weil sie so klein sind, funktioniert ihre Bedienung über Gesten: Ein Nicken schaltet Glass ein, ein Zwinkern löst das Bild aus. Der Körper wird gleichsam Teil der Kamera, Halsmuskeln und Augenlider ersetzen Einschaltknopf und Auslöser. Das ist gut für junge Nerds. Und schlecht für alte Männer.

Er scannt die Menge ab, sucht sich einen Mann mit Glatze aus, spricht ihn an, überzeugt ihn auf holprigem Spanisch, stillzuhalten.

Gilden verrenkt sich so, dass die Brille senkrecht steht. Schließlich nimmt er sie ab und hält sie vor sich. Wie eine Kamera. "Halte still, Mann! Das musste ich vor 170 Jahren auch machen, wenn ich eine Daguerrotypie von mir anfertigen ließ". Kleiner Scherz.

"Vom vielen Nicken kriege ich ja einen steifen Hals", sagt Gilden. Daher bedient er die Brille über den reiskornkleinen Knopf rechts auf dem Gestell. Doch der ist viel zu klein für seine Pranken. Die Datenbrille wurde von jungen Geeks für junge Geeks entwickelt.

Der Regisseur der Straße fühlt sich fremdgelenkt. "Ich fühle mich wie ein Gorilla, der mit Besteck essen soll", sagt er. Gilden hat die Schnauze voll.

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