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11. Mai 2017, 10:13 Uhr

Künstliche Intelligenz von Microsoft

Tausendmal Gesicht erkennen - 1,26 Euro

Aus Seattle berichtet

Microsoft-Chef Nadella warnt vor Zukunftsvisionen à la George Orwell. Doch dann präsentiert sein Unternehmen Software, die den Herrschenden aus dem Science-Fiction-Klassiker "1984" gefallen würde.

Für einige der Anwesenden dürfte es wie eine Drohung geklungen haben: "Auf der Bühne wird programmiert werden, live!" Mit diesem Hinweis wollte Firmensprecher Frank Shaw Journalisten auf das vorbereiten, was sie am Mittwoch auf der Keynote zu Microsofts Build-Konferenz in Seattle zu sehen bekommen. Ganz überraschend war die Ankündigung aber nicht, schließlich ist die Build eine Entwicklerkonferenz - da geht es nun mal ums Programmieren von Software. Doch dieses Mal ging es um noch viel mehr.

Konzernchef Satya Nadella stieg allerdings erst mal mit ein paar Scherzen in die Veranstaltung ein. "Draußen ist so schönes Wetter, da haben wir uns gedacht, es wäre bestimmt eine gute Idee, euch alle in einen dunklen Raum zu holen und über die Cloud zu sprechen", begann er seinen Vortrag vor mehreren Tausend Entwicklern.

Zumindest mit dem Wetter hatte er recht. Pünktlich zum Konferenzbeginn verzog sich der für die Stadt typische Dauerregen und machte Platz für Sonnenschein und milde Temperaturen.

Aber Nadella erlaubte sich auch einen kurzen mahnenden Exkurs. Mit Blick auf Orwells "1984" und Huxleys "Brave New World" warnt er: "Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass solche dystopischen Zukunftsvisionen nicht wahr werden."

Dafür erntete er braven Applaus, leitete dann aber zum eigentlichen Programm der Keynote über - zu den Werkzeugen, die Microsoft Softwareentwicklern schmackhaft machen möchte, damit sie mehr Microsoft-Dienste nutzen, mehr Software für Microsoft-Produkte schreiben.

Apps sollen schlauer werden

Das große Thema ist dieses Jahr künstliche Intelligenz (KI). Die großen IT-Konzerne, neben Microsoft also Google, Apple und Amazon, stecken Milliarden in die KI-Forschung und Entwicklung, betreiben riesige Rechenzentren, um ihren Kunden Dienste wie Apples Siri und Amazons Alexa bieten zu können. Normale Entwickler, auch wenn sie in Großunternehmen sitzen, können da nicht mithalten.

Doch das passt nicht zum Mantra von Microsoft-Manager Harry Shum. Er glaubt, dass Apps ohne KI in wenigen Jahren nicht mehr denkbar sein werden. Damit es soweit kommt, sollen Entwickler beim Windows-Konzern KI-Dienste einkaufen.

Gesichtserkennung gibt es beispielsweise im Tausenderpaket für 1,265 Euro. Emotionen im Gesicht eines Anwenders zu deuten ist billiger, kostet nur 0,211 Euro pro 1000 Transaktionen. Richtig teuer lässt sich das Unternehmen dagegen die maschinelle Übersetzung von Sprache in Echtzeit bezahlen.

Ein virtueller Dolmetscher kostet bis zu 2,109 Euro pro Stunde. Wer den Service im 10.000-Stunden-Paket einkauft, kann den Stundenpreis fast halbieren, steht dafür mit monatlichen Gebühren von 12.649,48 Euro da.

Eine Software, die in Seattle auf der Bühne präsentiert wurde, zeigt, wie eine App auf Basis dieser Dienste aussehen könnte. Der sogenannte Presentation Translator übersetzt den zu einer Powerpoint-Präsention gesprochenen Text in Echtzeit und schreibt ihn als Untertitel unter die Präsentation. Als Basis dient der Microsoft Translator, den man hier ausprobieren oder als App aufs Smartphone laden kann.

Die KI weiß, wer wann was darf

Doch Microsofts KI ist nicht nur auf Gesichter, Gesten und Sprache spezialisiert, sie kann auch Bilder erkennen und deuten, wenn sie entsprechend trainiert wird. Auch wie das funktioniert, wurde am Mittwoch in Seattle gezeigt. Die KI wertete dabei die Bilder einer Überwachungskamera aus, die an der Decke der Werkstatt hing. Das System konnte sowohl einzelne Mitarbeiter identifizieren als auch Werkzeuge erkennen.

Der Nutzwert ist offensichtlich: Die Software könnte jederzeit sagen, wo man welches Werkzeug hingelegt hat. Gleichzeitig könnte sie aber auch das Verhalten der Mitarbeiter überwachen. Als jemand, der nicht die entsprechende Berechtigung hatte, zum Presslufthammer griff, wurde im Beispiel sofort Alarm ausgelöst, es ging eine Benachrichtigung an die Kollegen.

Das mag zur Sicherheit beitragen, lässt aber doch sofort an den Big Brother aus "1984" denken, der alles sieht und alles weiß - und vor dem Satya Nadella zu Beginn der Präsentation so eindringlich gewarnt hat. In Deutschland dürfte es zudem nicht ganz leicht sein, solche Systeme in Betrieben einzuführen. Betriebsräte und Datenschützer dürften solchen Plänen skeptisch gegenüberstehen.

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