Künstliche Intelligenz von Microsoft Tausendmal Gesicht erkennen - 1,26 Euro

Microsoft-Chef Nadella warnt vor Zukunftsvisionen à la George Orwell. Doch dann präsentiert sein Unternehmen Software, die den Herrschenden aus dem Science-Fiction-Klassiker "1984" gefallen würde.

Microsoft-Mitarbeiter mit Holo-Lens-Brille
DPA

Microsoft-Mitarbeiter mit Holo-Lens-Brille

Aus Seattle berichtet


Für einige der Anwesenden dürfte es wie eine Drohung geklungen haben: "Auf der Bühne wird programmiert werden, live!" Mit diesem Hinweis wollte Firmensprecher Frank Shaw Journalisten auf das vorbereiten, was sie am Mittwoch auf der Keynote zu Microsofts Build-Konferenz in Seattle zu sehen bekommen. Ganz überraschend war die Ankündigung aber nicht, schließlich ist die Build eine Entwicklerkonferenz - da geht es nun mal ums Programmieren von Software. Doch dieses Mal ging es um noch viel mehr.

Konzernchef Satya Nadella stieg allerdings erst mal mit ein paar Scherzen in die Veranstaltung ein. "Draußen ist so schönes Wetter, da haben wir uns gedacht, es wäre bestimmt eine gute Idee, euch alle in einen dunklen Raum zu holen und über die Cloud zu sprechen", begann er seinen Vortrag vor mehreren Tausend Entwicklern.

Zumindest mit dem Wetter hatte er recht. Pünktlich zum Konferenzbeginn verzog sich der für die Stadt typische Dauerregen und machte Platz für Sonnenschein und milde Temperaturen.

Aber Nadella erlaubte sich auch einen kurzen mahnenden Exkurs. Mit Blick auf Orwells "1984" und Huxleys "Brave New World" warnt er: "Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass solche dystopischen Zukunftsvisionen nicht wahr werden."

Microsoft-Chef Satya Nadella
AFP

Microsoft-Chef Satya Nadella

Dafür erntete er braven Applaus, leitete dann aber zum eigentlichen Programm der Keynote über - zu den Werkzeugen, die Microsoft Softwareentwicklern schmackhaft machen möchte, damit sie mehr Microsoft-Dienste nutzen, mehr Software für Microsoft-Produkte schreiben.

Apps sollen schlauer werden

Das große Thema ist dieses Jahr künstliche Intelligenz (KI). Die großen IT-Konzerne, neben Microsoft also Google, Apple und Amazon, stecken Milliarden in die KI-Forschung und Entwicklung, betreiben riesige Rechenzentren, um ihren Kunden Dienste wie Apples Siri und Amazons Alexa bieten zu können. Normale Entwickler, auch wenn sie in Großunternehmen sitzen, können da nicht mithalten.

Doch das passt nicht zum Mantra von Microsoft-Manager Harry Shum. Er glaubt, dass Apps ohne KI in wenigen Jahren nicht mehr denkbar sein werden. Damit es soweit kommt, sollen Entwickler beim Windows-Konzern KI-Dienste einkaufen.

Gesichtserkennung gibt es beispielsweise im Tausenderpaket für 1,265 Euro. Emotionen im Gesicht eines Anwenders zu deuten ist billiger, kostet nur 0,211 Euro pro 1000 Transaktionen. Richtig teuer lässt sich das Unternehmen dagegen die maschinelle Übersetzung von Sprache in Echtzeit bezahlen.

Ein virtueller Dolmetscher kostet bis zu 2,109 Euro pro Stunde. Wer den Service im 10.000-Stunden-Paket einkauft, kann den Stundenpreis fast halbieren, steht dafür mit monatlichen Gebühren von 12.649,48 Euro da.

Eine Software, die in Seattle auf der Bühne präsentiert wurde, zeigt, wie eine App auf Basis dieser Dienste aussehen könnte. Der sogenannte Presentation Translator übersetzt den zu einer Powerpoint-Präsention gesprochenen Text in Echtzeit und schreibt ihn als Untertitel unter die Präsentation. Als Basis dient der Microsoft Translator, den man hier ausprobieren oder als App aufs Smartphone laden kann.

Die KI weiß, wer wann was darf

Doch Microsofts KI ist nicht nur auf Gesichter, Gesten und Sprache spezialisiert, sie kann auch Bilder erkennen und deuten, wenn sie entsprechend trainiert wird. Auch wie das funktioniert, wurde am Mittwoch in Seattle gezeigt. Die KI wertete dabei die Bilder einer Überwachungskamera aus, die an der Decke der Werkstatt hing. Das System konnte sowohl einzelne Mitarbeiter identifizieren als auch Werkzeuge erkennen.

Der Nutzwert ist offensichtlich: Die Software könnte jederzeit sagen, wo man welches Werkzeug hingelegt hat. Gleichzeitig könnte sie aber auch das Verhalten der Mitarbeiter überwachen. Als jemand, der nicht die entsprechende Berechtigung hatte, zum Presslufthammer griff, wurde im Beispiel sofort Alarm ausgelöst, es ging eine Benachrichtigung an die Kollegen.

Das mag zur Sicherheit beitragen, lässt aber doch sofort an den Big Brother aus "1984" denken, der alles sieht und alles weiß - und vor dem Satya Nadella zu Beginn der Präsentation so eindringlich gewarnt hat. In Deutschland dürfte es zudem nicht ganz leicht sein, solche Systeme in Betrieben einzuführen. Betriebsräte und Datenschützer dürften solchen Plänen skeptisch gegenüberstehen.



insgesamt 16 Beiträge
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statistic-man 11.05.2017
1. Zwei Gedanken
Zwei Gedanken kamen mir hierzu: 1. Hier hat eine Technologie mit einem extremen Potential endgültig das Entwicklungsstadium verlassen. Hier sprechen nicht mehr Wissenschaftler über theoretische Umsetzbarkeit, das ist ein fertiges Produkt. (Wahrscheinlich bin ich mit der Erkenntnis sogar spät dran). 2. Wird sich in einer Gesellschaft mit einem so hohen Sicherheitsbedürfnis wie dem der westlichen Welt überhaupt dauerhaft verhindern lassen, dass öffentliche Räume dauerhaft überwacht und die Beobachtungen algorithmisch ausgewertet werden. Ich kann es mir nicht mehr vorstellen.
Bürger Icks 11.05.2017
2. Fragt sich nur wer...
Zitat von statistic-manZwei Gedanken kamen mir hierzu: 1. Hier hat eine Technologie mit einem extremen Potential endgültig das Entwicklungsstadium verlassen. Hier sprechen nicht mehr Wissenschaftler über theoretische Umsetzbarkeit, das ist ein fertiges Produkt. (Wahrscheinlich bin ich mit der Erkenntnis sogar spät dran). 2. Wird sich in einer Gesellschaft mit einem so hohen Sicherheitsbedürfnis wie dem der westlichen Welt überhaupt dauerhaft verhindern lassen, dass öffentliche Räume dauerhaft überwacht und die Beobachtungen algorithmisch ausgewertet werden. Ich kann es mir nicht mehr vorstellen.
...dieses "Sicherheitsbedürfnis" hat! Aus persönlicher Erfahrung heraus weiss ich, das die Bürger, Menschen, Steuerzahler gar nicht so verängstigt(vor allem wegen Terrorismus) sind, wie immer getan wird. Und das diese sich nicht mehr Totalüberwachung wünschen, sondern höchstens ein paar sichtbare, kompetente Polizeibeamte auf der Straße. Spätestens wenn die Menschheit irgendwann einmal begreift das diese Totalüberwachung nicht zum Schutz der (gesamten!) Bevölkerung gedacht ist und installiert wurde, werden die Menschen beginnen sich zu widersetzen und diese Überwachungstechnik zum Teufel schicken. Vielleicht ähnlich wie im Film "They Live" und den TV Antennen/Sendern dort!
abwinken 11.05.2017
3. weiter arbeiten
Der Translator ist noch verbesserungswürdig. Aber immerhin, ein Anfang ist gemacht.
etlamu 11.05.2017
4. Für mich sind schon die jetzigen Videokameras zu viel!
Das Problem ist, das die Bevölkerung nicht merkt, dass wir in einen Überwachungsstaat hinein rutschen. Die meisten denken immer noch, wenn mich korrekt verhalte, passiert mir nichts und die Bösen Buben werden schneller erwischt. Das sich die Gesetze aber - wenn die volle Bewachung da ist - sich ändern können, daran denkt niemand. Dann ist es aber zu spät zum Auflehnen. Jetzt kommt noch die automatische Sprach- und Gesichtserkennung hinzu. Ich finde die Entwicklung furchtbar, aber es wehrt sich kaum jemand dagegen!! Zu Glauben, dass das zu mehr Sicherheit führt ist naiv. Spontane Taten können zwar besser aufgeklärt aber nicht verhindert werden. Selbstmordattentäter werden die Kameras sogar begrüßen, denn sie sind ja sofort in dem Medien.
chk23 11.05.2017
5.
Zitat von Bürger Icks...dieses "Sicherheitsbedürfnis" hat! Aus persönlicher Erfahrung heraus weiss ich, das die Bürger, Menschen, Steuerzahler gar nicht so verängstigt(vor allem wegen Terrorismus) sind, wie immer getan wird. Und das diese sich nicht mehr Totalüberwachung wünschen, sondern höchstens ein paar sichtbare, kompetente Polizeibeamte auf der Straße. Spätestens wenn die Menschheit irgendwann einmal begreift das diese Totalüberwachung nicht zum Schutz der (gesamten!) Bevölkerung gedacht ist und installiert wurde, werden die Menschen beginnen sich zu widersetzen und diese Überwachungstechnik zum Teufel schicken. Vielleicht ähnlich wie im Film "They Live" und den TV Antennen/Sendern dort!
Also derzeit ist die Menschheit eher damit beschäftigt, freiwillig sämtliche Daten an Google und facebook und neuerdings amazon zu geben, sich freiwillig Mikrofone und Kameras (Amazon Echo, Cortana, Google home...) in die Wohnung stellen und sich über dubiose Smartphone-Apps ausspionieren zu lassen, und zwar weil's so schön praktisch und bequem ist, von "Widerstand" der Bevölkerung ist im Moment nichts zu sehen, selbst die Geheimdienste können ihr Glück noch gar nicht fassen, dass alle freiwillig ihre privatesten Räume mit Wanzen ausstatten...
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