Cebit 2012 Erkaltete Liebe

Es war so schön, damals. Als die Cebit noch sexy war, aufregend und jung. Heute ist sie mit ihren 27 Jahren schon eine alte Schachtel, mehr am großen Geld interessiert als am innovativen Gerät, vom Konsumenten ganz zu schweigen. Eine Art Abschiedsbrief.

DPA

Von , Hannover


Liebe Cebit. Ich habe immer gedacht, das mit uns würde nie zu Ende gehen. 27 Jahre lang bin ich Dir treu geblieben. 27 Jahre! Ich habe Kollegen, die konnten kaum krabbeln, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Ich war schon ein Fan von Dir, als Du noch nicht mal auf eigenen Füßen stehen konntest, als Du noch bei der Hannover Messe unterkriechen musstest und nicht mehr als eine einzige Halle fülltest. Ich war Schüler, Du warst spannend.

War das toll, damals, mit Dir. Als Firmen wie Atari ihre neuen Homecomputer vorstellten. Hatte ich nicht den Atari 1040 STF zum ersten Mal in Hannover gesehen? Eine phantastische Kiste. Er war ein hochauflösendes monochromes Textverarbeitungs- und Programmierwerkzeug, wenn man ihn an den passenden Atari-Monitor anschloss, eine rasante Spielkonsole, wenn man ihn an den Fernseher stöpselte.

Damals warst du aufregend und neu.

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Und das blieb auch lange so. Jahrelang kam ich immer wieder zu Dir. Du warst ein Fixpunkt im Jahr, ein Ereignis, dem man entgegenfiebern konnte. Zugegeben, ich musste Dich nie bezahlen. Es gab ja Freikarten, noch und nöcher. Aber ich hätte dafür bezahlt, bei Dir sein zu dürfen. War so schön, so vertraut und immer auch spannend bei Dir.

Mit dabei sein

Und wie cool war es, als ich plötzlich sogar guten Grund hatte, zu Dir zu kommen. Plötzlich war ich Teil der Szene, lief mit einem Presse-Schildchen herum und wurde in Hinterzimmer eingelassen, die ich in den Jahren vorher nicht mal erahnt hätte. Da waren die echten Schätze aufgebaut. Die Sachen, die eigentlich niemand sehen durfte, weil sie erst Monate später veröffentlicht wurden. Du hast sie schon vorher ausgeplaudert, heimlich, unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

Damals war auch Apple noch dabei. Aber die hat man jetzt schon lange nicht mehr bei Dir gesehen. Sie haben nur noch manchmal einen Vertreter geschickt, um die Designpreise abzuholen, die ihnen bei Dir verliehen wurden. Ob das Polohemd wertvoll ist, das unten in meinem Kleiderschrank liegt? Ein bunter Apfel ist daraufgenäht und die Jahreszahl 1998. Es war das letzte Mal, dass die Leute mit dem Apfellogo in Hannover dabeiwaren. Danach ging es ihnen zuerst zu schlecht und danach zu gut, um sich mit Dir abzugeben.

Daddelhallen und Big Business

Dass es Dir in den letzten Jahren zu gut ging, kann man dagegen nicht behaupten. Du warst launisch. Zuerst wolltest Du am liebsten nur noch Buchhalter um Dich haben, und als das Deiner Popularität nicht zuträglich war, wurdest Du mit einem Mal kinderlieb. Na ja, jugendlichenlieb. Plötzlich wurdest Du verspielt, wolltest wissen, wer der beste Daddelhans ist, hast Meisterschaften bei Dir austragen lassen. E-Sport wurde zum festen Teil von Dir und sollte Jugendliche locken. Dabei hattest Du noch ein paar Jahre zuvor jeden Spielkram verflucht und von Dir gewiesen. Aber sei's drum, auch jetzt wird gedaddelt, in gigantischen Spielhallen und vor Publikum - und weit weg von Deinem Zentrum.

Denn das heißt wieder "Business-IT" und die Krawattenträger dort haben es gern, wenn sie gut getrennt vom Lärm Deiner Spielhallen Geschäfte machen können. Das, scheint mir, ist es, was Du jetzt richtig liebgewonnen hast: Big Business. Nirgendwo sonst werden so viele so fette Computer-Verträge geschlossen wie bei Dir. Aber das geschieht hinter verschlossenen Türen, davon sieht man nichts und das interessiert Otto Normalbesucher auch nicht.

Genau so wenig wie die vielen "IT-Infrastrukturlösungen", die Du uns hallenweise präsentierst. Wäre ich auf der Suche nach Serverschränken oder bräuchte eine neue Kühlanlage für mein Rechenzentrum, wäre ich bei Dir richtig. Brauche ich aber nicht. Genau so wenig wie eine neue Geldzählmaschine, die bei mir sowieso kaum zu tun hätte. Und wo hast Du eigentlich die ganzen Forschungsprojekte versteckt, die früher in Deiner Halle 9 einen Schlüssellochblick in die Zukunft ermöglichten? Ich habe sie nicht gefunden. Aber vielleicht habe ich auch einfach nicht intensiv genug gesucht. Du bist so groß geworden, dass man kaum noch weiß, wo Du anfängst und wo Du aufhörst.

Immer etwas hinterher

Und Du bist von der Ankündigerin zur Nachzüglerin geworden. Sämtliche Computertechnik, die wichtig ist fürs Jahr, wird schon Monate vor Dir in der Glitzerstadt Las Vegas gezeigt. Die neuen Handys gibt es kurz vor Dir in Barcelona zu sehen. Für dich bleibt da nichts Spannendes, außer man interessiert ich für Serverprozessoren und Sicherheitslösungen für Unternehmen. Deinem ausgeschriebenen Namen - Centrum der Büro- und Informationstechnik - machst Du damit alle Ehre. Spaß macht das nicht.

Vielleicht solltest Du doch darüber nachdenken, Dich noch einmal ganz neu aufzustellen. Du könntest zum Beispiel später kommen, wenn es warm wird in Hannover und die Blumen blühen. Das würde nicht nur mir gefallen, es gäbe Deinen Stammgästen auch genug Abstand zu all den anderen Messen, um sich neue Produkte einfallen zu lassen, die sie bei Dir enthüllen könnten - und auf einmal wärst Du wieder aufregend und spannend und wichtig.

Aber das wird wohl mein Traum bleiben. Zumindest solange Du noch stolz von neuen Ausstellerrekorden, phantastischen Umsätzen und zufriedenen Kunden berichten kannst. Und ja, auch ich werde wieder zu Dir kommen, immer in der Hoffnung, dass doch etwas Unerwartetes passiert. Außerdem sind ja auch alle anderen da, auch die, die ich sonst nur selten sehe. Dafür lohnt es sich immer.

Für den ganzen Rest kaum noch.



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