Cebit-Eröffnung: Merkel blickt durch

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Die 25. Cebit ist eröffnet: Die Bundeskanzlerin Angela Merkel startete den ersten Messetag mit dem traditionellen Rundgang. Schon im Vorfeld hatte die Kanzlerin für die noch immer größte Elektronikmesse der Welt getrommelt. Am schwindenden Sex-Appeal der Cebit wird das nichts ändern.

Hannover/Hamburg - Pünktlich um 9 Uhr öffnete in Hannover die Cebit zum 25. Mal ihre Tore für den Besucherverkehr. Bis zum 6. März buhlen nun 4157 Aussteller um die Aufmerksamkeit der Besucher, die Messeleitung hofft auf 400.000.

Zu den Ersten gehörte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die die Messe am Montagabend mit einer Rede, am Dienstagmorgen dann mit dem schon traditionellen Rundgang eröffnete.

Früher war das eine Aufgabe, die von den Ministerpräsidenten von Niedersachsen wahrgenommen wurde, seit der Kanzlerschaft des Hannoveraners Gerhard Schröder aber ist das eine echte Chefsache. Zumal die Cebit und ihr jeweiliger Verlauf seit langem schon als wichtiger Indikator für die Aussichten einiger der wichtigsten Branchen überhaupt gilt: Unter dem Kürzel ITK (Informations- und Telekommunikationsindustrie) fasst man so verschiedene Branchen wie Computerbauer, Fernsehverkäufer, Software-Entwickler, Telefonunternehmen oder Küchengerätehersteller zusammen.

Doch wenn deren Aussichten allein an die Performance der Cebit gebunden wären, wären sie derzeit eher durchwachsen. Wie im vergangenen Jahr ist die Zahl der Aussteller wieder gesunken, auch einen Besucherzuwachs erwarten in diesem Jahr noch nicht einmal größte Optimisten. 300 neue Aussteller, verkündet die Messeleitung stolz, seien erstmals dabei. Dafür haben sich 450 alte verabschiedet, unter dem Strich bleibt ein Rückgang um 150 Stände, eine Halle konnte man da zwecks Kostenbegrenzung geschlossen halten.

Man kann es nicht wegreden: Die Cebit steckt seit Jahren in einer Image- und Positionierungskrise, die an ihrem Erfolg nagt, ohne dass dies allzuviel über die Branche, für die sie steht, aussagen muss. Der Branchenverband Bitkom jedenfalls blickt optimistisch ins Jahr, erwartet wieder Wachstum für die ITK-Branchen. Die demonstrieren ihre Stärken einfach nur nicht mehr vornehmlich in Hannover: Es gibt inzwischen einfach zu viele Konkurrenz-Events, die zielgerichteter als die Cebit Teilmärkte bedienen.

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Hannover: Merkel eröffnet Messe

Und auch das Publikum schaut nicht mehr so stark auf das Handels-Event Cebit, sondern auf die aus Konsumentensicht attraktiveren Veranstaltungen wie CES, die Apple-Hausevents, die IFA, die Photokina, die Games Convention, die Gamescom, die E3, die Computex und viele andere. Das sind die Orte, an denen die E-Branchen inzwischen ihre Novitäten vorstellen oder in gebündelter Form den potentiellen Kunden präsentieren. Kein Wunder also, dass die Fach- und IT-Presse im Vorfeld zur CES im Januar voller Produktnovitäten war, während es im Vorfeld zur Cebit kaum etwas zu melden gab.

Die Cebit will kein Pop-Event sein

Das aber wolle die Cebit auch gar nicht, heißt es aus Hannover, denn dort sei nicht Gucken angesagt, sondern knallharter Geschäftsabschluss angestrebt. Der Spagat zwischen Fachevent und Besuchermesse liegt den Hannoveranern nicht, wohl aber ihren Kunden: Oder was wollen Dell oder Amazon sonst auf der Cebit? Bekannt werden? Mittelständische Handelspartner suchen? Vielleicht auch, aber sicher nicht primär: Sie wollen Aufmerksamkeit.

Da können Branchen-Granden im Vorfeld der Messe noch so laut und wiederholt darüber reden, wie unendlich wichtig die Cebit für ihre Industrien sei: Eine Messe, über die man nicht redet, wäre nichts mehr wert. Trotz aller Bekenntnisse der Messeleitung, vor allem ein Fach- und Handelsevent sein zu wollen und keine flippige Elektronik-Unterhaltungsshow, ist auch den Cebit-Leitern das offenbar bewusst. Populäre Themen wie die Cebit Sounds, mit der auch die zunehmend digitalisierte Musikbranche gelockt werden soll, sind auch Ansätze, die das Publikum mit der Cebit versöhnen könnten. Frei nach dem Motto: Wir wollen kein Pop-Event sein, bieten euch aber ein bisschen davon, weil sonst keiner mehr kommt oder berichtet.

Denn die Währung, in der man die relative Wichtigkeit einer Messe aufwiegt, ist Aufmerksamkeit. Andere Fachmessen wie die Buchmesse in Frankfurt machen seit Jahrzehnten vor, dass der Spagat zwischen Popularität und Handelsevent einer Messe gelingen und diese durchaus aufwerten kann.

Novitäten sind Mangelware

Dazu müsste es der Messe gelingen, Präsentation und Business-Verhandlung stärker voneinander zu trennen, Publikum zu locken, mit echten, wirklich wichtigen Produkt-Neuvorstellungen zu beeindrucken. Das war ja durchaus zeitweilig so, als die Messe mehr als 800.000 Besucher lockte, die natürlich kamen, um die ersten Gigahertz-Chips in Aktion zu sehen, die Eröffnung des ersten Musik-Downloadshops, erste MP3-Player, PDAs, UMTS-Handys, erste marktreife TV-Internet-Hybriden, Fernseher in Rekordgrößen... - die Liste ließe sich verlängern.

Was von der Cebit in diesem Jahr in Erinnerung bleiben wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht das Schwerpunktthema "Connected Worlds"? Die Kanzlerin ließ sich auf ihrem Rundgang, den sie zusammen mit ihrem Kollegen, dem spanischen Ministerpräsidenten José Zapatero absolvierte, auch über solche sowie über Themen informieren, die die ITK-Branche derzeit gern auf der wirtschaftspolitischen Agenda sähe. Der Besuch am Stand des diesjährigen Partnerlands Spanien war natürlich Pflicht. Die Stippvisite bei der Telekom, die aus unerfindlichen Gründen bald auf einen echten Firmennamen verzichten und nur noch "T" heißen will, macht man als oberste Vertreterin des wichtigsten Aktionärs natürlich gern, bei der Konkurrenz von Vodafone schaut man schon aus Gründen der Political Correctness vorbei.

Daneben aber ist es Tradition, dass beim Rundgang Politik-Prominenz auf Gadget trifft. Bei vielen auf der Cebit gezeigten Produkten besteht diese Möglichkeit, ein neues Produkt in die Hand zu nehmen, hierzulande erstmals - es sind Deutschland-Premieren. Der Kanzlerin wurde in dieser Hinsicht in diesem Jahr eher wenig geboten, es ging eher um Konzepte: Einmal mehr intelligente Häuser bei der Telekom, digital gestütztes Lernen in der Schule bei Microsoft. Gadgets blieben da weitgehend außen vor, aber noch hat die Messe in dieser Hinsicht auch noch keine Novitäten-Schlagzeilen produziert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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1. Schlecht recherchiert
rmuekno 02.03.2010
Die CeBIT gibt es schon seit 1970, zwar nich nicht als eigenstängie Messe, aber immerhin unter diesem Nammen und mit wachsender Bedeutung. siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/CeBIT mk P.S. wie sollte ich dann schon 1984 das erte mal da gewsen sein.
2. soso
sawendo 02.03.2010
Merkel blickt durch... wäre schön wenn das auch mal ausserhalb von Pseudo Prestige Veranstaltungen so wäre ;)
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