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Cebit-Logistik: Im Bauch der Messe

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Was man im Messebau "Stand" nennt, steht meist nicht lange. Dabei geht es auf Großmessen wie der Cebit um temporäre Bauwerke von oft beeindruckender Größe. SPIEGEL ONLINE sah in Hannover hinter die tonnenschweren Kulissen, kletterte in Kabelschächte - und traf den Herrn der Messehallen.

Messebau: Hinter, unter, in den Kulissen der Cebit 2011 Fotos
Deutsche Messe / Jensen

Der Wind hat Zähne in der Allee 3, direkt hinter dem Tor, vor dem schmucklosen Verwaltungsgebäude der Messe Hannover. Das Thermometer lügt, die Temperatur liege nur bei minus fünf Grad, das Gefühl verdoppelt die Zahl locker: Cebit-Fans kennen das. Wenn es pfeift im kalten norddeutschen Frühjahr, dann kräftig. In den Steinschluchten der endlosen "Alleen" zwischen den Messehallen ist kaum eine Seele zu sehen. Bäume übrigens auch nicht.

Was nicht daran liegt, dass niemand da wäre, an diesem Dienstag, genau eine Woche vor Messebeginn. "Bis zu 15.000 Leute", sagt Cebit-Sprecher Hartwig von Saß, als wir zur Halle 2 hinüberhasten, "arbeiten hier täglich kurz vor Messebeginn. Haben wir mal ausgerechnet. Aber genau weiß das keiner."

Hinter der Tür herrscht das scheinbare Chaos des Aufbaus. Es ist nicht so, als bewege man sich in einer Halle: Das Raumgefühl ist ein anderes, allein wegen der Dimensionen. 15.515 Quadratmeter hat allein die Halle 2 und ist damit keine große. Die Gesamtfläche der Messe beträgt 496.000 Quadratmeter. Die Nummer 27, Hannovers größte Halle, bringt es auf mehr als 30.000. Selbst die Cebit schafft es nicht, dieses Raumangebot auszuschöpfen. Macht nichts: Wenn es einen Begriff gibt, den man trotzdem spontan mit fast allen Aspekten dieses Messebaus verbinden würde, wäre das wohl das Attribut oversized - gekleckert wird hier nirgendwo.

Was in wenigen Tagen Hunderttausende Besucher mit Größe, Design und Effekten beeindrucken soll, zeigt jetzt noch seine Gräten: Bauplatten aus Verbundmaterialien, Gipskarton, Sperrholz und skeletthafte Konstruktionen liegen oder stehen offen; im Inneren erst teilweise verkleideter Konstrukte blinken an Steuermodulen die LEDs, Kabel schauen aus Wänden, hängen von Decken, sind im teils offenen Boden zu sehen. Von der Decke hängen metallene Traversen, an denen wieder Dinge an Stahlseilen hängen, die man nicht auf den Kopf bekommen möchte: Allein bei IBM in Halle 2 sind es in diesem Jahr 15 Tonnen hängende Aufbauten. Die Standbauer schaffen Räume im Raum, in die sie potemkinsche Dörfer von überraschender Massivität bauen. Manche davon sind größer als der zentrale Marktplatz einer deutschen Mittelstadt.

Watson kommt

"Das hier wird mal der Hauptstand der IBM", erklärt Saß, "einer der größten auf der Cebit." Er holt Jutta Jokobi heran, im Marketing von IBM Deutschland Leiterin der Abteilung Messen und Veranstaltungen. Seit drei Wochen arbeitet sie mit ihren Leuten daran, eine Art Gebäudekomplex in der Halle zu errichten - mit einem markthaften Präsentationsbereich, mit Büros, Konferenz-Hinterzimmern und - auf der ein Stockwerk erhöhten Galerie - einer eigenen Gastronomie, die ihren Gästen auch Drei-Gänge-Menüs hinstellt. Wie viele Leute es braucht, um so etwas zu wuppen, will ich wissen, und Jakobi überschlägt das kurz: "Bis zu tausend Leute", sagt sie dann, allein bei IBM - das Großunternehmen leistet sich Präsentationen in mehreren Hallen. Und die konkrete Planung für all das laufe seit August.

Tausend Leute, sieben Monate Planung, vier Wochen Aufbauzeit, und sieben Tage vor Ultimo ist immer noch nichts fertig. "Was", will ich wissen, "haben Sie eigentlich die ganze Zeit gemacht?"

Jakobi stutzt kurz, lacht dann. Sagt: "Wenn Sie unter die Hallendecke gucken, entdecken Sie ein recht aufwendiges Rigging [Lichtaufbauten an Traversen, Red.]. Allein das dauert vier Arbeitstage, bis das alles so hängt, wie es jetzt zu sehen ist. Als nächstes haben wir hier einen Doppelboden verlegt, unter dem rund 40 Kilometer Kabel liegen. Erst wenn dieser Boden liegt, kann mit den eigentlichen, später sichtbaren Aufbauten begonnen werden." Und die erstrecken sich dann am Ende über 4000 Quadratmeter.

Am Eingang des Geländes ist das Watson, der Computer, der gerade spektakulär Menschen im Jeopardy-Quiz geschlagen hat und weltweit Schlagzeilen machte. Am Ende des Standgeländes präsentieren sich eine Tierbedarfs-Discount-Kette und ein bekannter Schraubenhersteller. Klingt komisch, ist aber typisch: Die Cebit ist in erster Linie eine B2B-Messe - ein Event für ein Fachpublikum.

Die Fädenzieher

Koordinator und Kontrolleur der Konstruktionsarbeiten ist auf Messeseite Harald Windeler - als Leiter Technischer Ausstellerservice sozusagen TÜV und Bauabnahme in einer Person. Seine Abteilung wacht über die Lenkung der Besucherströme und die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben, die Koordinierung von Bauarbeiten und die Versorgung mit Strom und Wasser.

Windeler ist jemand, bei dem auf das "Hallo" oft ein "Augenblick!" folgt, weil schon wieder das Handy klingelt. Nur mit ihm geht es dafür aber auch abwärts, wenn man das will: Er ist auch der Mann mit der Lizenz zum Zugang zu jedem Bereich der Messehallen. Sein Wort öffnet den Weg zu Ebene minus eins, wo der Strom fließt. Wer da hinab will, muss eine mit Stahl abgedeckte Einstiegsluke öffnen. Man muss ein Fan von Kabelsträngen, groß dimensionierten Wasserrohren und 260-Ampere-Sicherungen in Schaltkästen sein, über die pro Zugangspunkt mal eben 130.000 Watt Strom zugänglich gemacht werden, um sich dort unten wirklich wohlzufühlen - viel mehr zu sehen ist nicht. Ein eigenes Kraftwerk hat die Messe übrigens nicht. Aber sie sagt vorher Bescheid, wenn Last zu erwarten ist.

"Das ist ein Kriechkeller", erklärt Windeler, wobei es eine großflächige Unterkellerung im eigentlichen Sinne noch nicht einmal gibt. Es gibt große Serviceschächte für Verkabelung und Verrohrung, aber natürlich sind die Hallen nicht voll unterkellert: "Das verbietet schon die Statik", erklärt Windeler. "Wir wollen ja auch, dass hier schwere Maschinen in den Hallen fahren können."

Das braucht man, wenn man Tonnagen ganz selbstverständlich in Dreißiger-Schritten denkt: Wie viele 30-Tonner hier oder da zum Einsatz kamen. Für die Aussteller ist darum wichtig zu wissen, was der Boden aushält. Halle 2 und 4, weiß Windeler, ertragen in den nicht unterkellerten Teilbereichen 100 Kilonewton pro Quadratmeter. Pi mal Daumen kann man das grob in eine Belastbarkeit von rund zehn Tonnen pro Quadratmeter übersetzen. Kein Problem also, mit dem Laster gleich in die Halle hineinzufahren.

Maße, Gewichte, Machbarkeiten und die Grenzen alldessen sind Windelers Hauptgeschäft. "Schauen Sie sich das an", sagt er und deutet nach oben. Auf einer Ebene rund zehn Meter über uns sind die Stahlseile über Fixpunkte gelegt, die sich in Form von Stahlträgern unter der gewölbten Hallendecke verteilen: Das Dach hat quasi ein Innenskelett.

Fertig heißt auch bereit zum Abriss

Und das ist natürlich bis aufs Letzte durchkalkuliert: Wie viel Last in einem bestimmten Teilbereich des Dachs noch unter die Decke gehängt werden kann, wenn man die höchstzulässige Schneelast von der Tragekapazität abzieht: Windeler hat solche Antworten parat. Wenn etwas nicht mehr passt, lässt sich vielleicht mit einer Traverse quer zum nächsten Haltepunkt Entlastung schaffen. Irgendwann aber ist Schluss mit der Machbarkeit: "Wenn der eine Kunde zehn Tonnen unter die Decke hängt, geht das durchaus von den Lasten ab, die man in einem anderen Teil noch kalkulieren darf." Die Genehmigung läuft dann über Windelers Tisch - oder eben die Ablehnung.

Denn grundsätzlich wollen gerade die großen Unternehmen, die sich hier präsentieren, eine Menge. IBM gehört stets zu den größten, ganz vorn aber liegt schon aus Tradition fast immer die Telekom, die sich auf der Cebit gern mehrstöckig präsentiert. Wie groß, wie hoch, wie schwer, wie teuer - das alles sind Fragen, die der Konzern vor Ort aber nicht beantworten will. Die Telekom behandelt die Spezifika ihres Messestandes wie Staatsgeheimnisse. Entsprechende Anfragen sind an die Pressestelle zu richten, heißt es - wir sparen uns diese Mühe.

Messebauer sind Nomaden, die dem Messezirkus folgend kreuz und quer durch die Republik ziehen. An diesem Dienstag, eine Woche vor Messebeginn, lassen sie die Stich- und Kreissägen, die Bohrer und Schrauber, die Tacker und Lötkolben auf Hochtouren laufen: Man riecht es, die Luft trägt ein Aroma von Sägespan, Farbe und heißem Metall. Aber viele der Arbeiter sind mehr als Monteure: So mancher ist seit Monaten auch mit den Designs und Konstruktionen beschäftigt, einige sind Architekten für Bauten mit kurzmöglichster Lebensdauer. "So ein paar Tage vor der Messe", sagt mir einer, "beginnt es schon weh zu tun, wenn man daran denkt, dass man das alles bald wieder abreißen muss."

Kurz vor fertig ist kurz vor Abriss.

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Alle Infos zur Cebit 2011
Was?
Die Cebit ist die weltgrößte Computermesse. In 20 Hallen stellen mehr als 4200 Unternehmen aus 70 Ländern ihre Produkte vor. In Hannover erwartet werden sowohl Fachleute aus Forschung und Industrie als auch Verbraucher. Im vergangenen Jahr kamen rund 334.000 Besucher.
Wann und wo?
Die Cebit 2011 findet vom 1. bis 5. März 2011 auf dem Messegelände in Hannover statt. Nur wenige hundert Meter von der Ausstellung entfernt halten Fernzüge der Bahn am Messebahnhof Hannover Messe/Laatzen. Vom Hauptbahnhof Hannover dauert die Fahrt mit der U-Bahn (Linie 0 oder 18) rund 18 Minuten. Für Besucher ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.
Eintrittspreise
Eine Tageskarte kostet 39 Euro, ein Dauerticket 87 Euro. Im Vorverkauf - die Eintrittskarten lassen sich auch zu Hause ausdrucken - kosten die Karten 34 bzw. 77 Euro. Für Schüler und Studenten gibt am letzten Messetag, am 5. März, ein Sonderangebot: Sie kommen an dem Tag für 18 Euro auf die Cebit.
Schwerpunkt "Wolke"
Das Top-Thema lautet "Work And Life With the Cloud" und beschäftigt sich mit Diensten, bei denen die Anwendungen ins Internet ausgelagert sind. In mehreren Hallen geht es um Sicherheitsaspekte und darum, wie Unternehmen ihre eigene Cloud aufbauen.
Partnerland Türkei
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Ausstellung am Abend des 28. Februar eröffnen. Auf der Cebit präsentiert sich die IT-Wirtschaft Türkei unter anderem in Halle 12 auf einem zentralen Stand.
Themenwelten
Die Cebit ist dieses Jahr nach vier "Plattformen" gegliedert: für Fachbesucher, Privatbesucher, Hochschulen und öffentliche Stellen. Weitere Themen sind das besonders schnelle und das mobile Internet, Umweltschutz sowie die digitale Verwaltung.
Tablets und Co.
Verbraucher finden auf der Cebit 2011 die neuesten Entwicklungen der Hightech-Firmen. Im Mittelpunkt stehen Smartphones und Tablet-PC. Viele echte Neuheiten wird es auf der Cebit aber nicht zu sehen geben: Kommende Produkte der Unterhaltungselektronik präsentierten viele Hersteller bereits im Januar auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, neue Handys stellten sie Mitte Februar auf dem Mobile World Congress in Barcelona vor.
Vorbereitung
Die Cebit-Website bietet eine Reihe von Organisationshilfen: Besucher können sich zum Service "MyCebit" anmelden. Wer dort eingeloggt ist, kann sich unter anderem einen individuellen Messeplaner erstellen und ausdrucken. Alternativ lässt sich der persönliche Notizblock auch unter cebit2go.de abrufen. Diese Seite ist für Smartphones optimiert.


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