Baby-Gadgets Die App sagt, es atmet normal

Wie hoch ist der Sauerstoffgehalt im Blut des Babys, wann hat es sich zuletzt bewegt? Immer mehr Gadgets versprechen, den Elternalltag zu erleichtern. Bedeutet mehr Technik weniger Stress?

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Wie funktionierte das eigentlich damals, als es noch keine Socken gab, die den Sauerstoffgehalt im Blut von Babys messen? Wie viel Sinn machten Babyfone ohne Videoübertragung, die man nicht einmal per Alexa steuern konnte? Und wie konnten Eltern je ruhig schlafen, als sie noch nicht auf dem Smartphone nachschauen konnten, wie oft ihr Kind pro Minute atmet?

Wer sich auf der Tech-Messe CES in Las Vegas ausführlich mit den Herstellern von Baby-Gadgets unterhält, der sollte sich zwischendurch kurz zwicken - um sich daran zu erinnern, dass das ein oder andere Baby ja auch ganz ohne Hightech zum Kleinkind wurde. Zur Tech-Messen-Realität passt das nicht, aber es muss passiert sein.

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Technik für Eltern: Die Welt der Baby-Gadgets

Gadgets rund ums Kinderkriegen, genannt Babytech, liegen im Trend. Ob jemand schwanger werden will, schwanger ist oder gerade ein Kind bekommen hat: Für all diese Lebenssituationen findet sich auf der CES ein passendes und vermeintlich unverzichtbares Gerät.

Die Zahl neuer Babytech-Produkte sei letztes Jahr in die Höhe geschossen, erzählt Laurie Jennings vom viel gelesenen Frauenmagazin "Good Housekeeping", nachdem sie auf der Messe bei der Verleihung der sogenannten Babytech-Awards auf der Bühne stand: "Der Markt wächst schnell."

Alexa nach dem Baby fragen

Baby-Kontrollset mit Alexa-Anbindung von Project Nursery
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Baby-Kontrollset mit Alexa-Anbindung von Project Nursery

Die Angebote der Babytech-Firmen unterscheiden sich stark. Da gibt es etwa das Smart Baby Monitor System von Project Nursery, ein Babyfon mit Videokamera und Alexa-Integration. Den Lautsprecher aus diesem Set kann man von der Couch aus per Sprachbefehl fragen, wie warm es gerade im Kinderzimmer ist oder wann sich das Baby zuletzt bewegt hat.

So müsse man nicht ständig ins Zimmer gehen, um nachzuschauen, preist eine Firmenvertreterin das System an. Dabei würden Babys doch ständig wach: "Es ist ja fast so, als könnten sie dich riechen; als wüssten sie, dass du da bist."

Linktipp: Babyfon-Test der Stiftung Warentest
    Hierzulande sind viele der hier vorgestellten CES-Produkte noch nicht auf dem Markt. Am Dienstag hat die Stiftung Warentest aber schon jetzt verfügbare Babyfons mit Ton- und Videoübertragung bewertet. Das Fazit der Tester, hier nachzulesen: "Klassische Babyfons warnen verlässlicher als Webcams." Webcams warnen demnach nicht immer zuverlässig und sind störungsanfälliger. Zudem bestehe teils die Gefahr, dass Fremde die Videos mitschneiden können.

HD-Videostream aus dem Schlafzimmer

Besonders präsent auf der Messe wirken die Macher der Cocoon Cam. Ihr kommendes Produkt, Clarity genannt, sieht aus wie ein Mix aus Design-Lampe und Golfschläger, ist aber eine 300 Dollar teure Babykamera. Sie wird neben dem Bett aufgestellt und liefert einen HD-Videostream direkt aufs Smartphone, samt einer Echtzeit-Anzeige der Zahl der Baby-Atemzüge pro Minute.

Investor Ajay Ramachandran mit der Cocoon Cam Clarity auf der CES
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Investor Ajay Ramachandran mit der Cocoon Cam Clarity auf der CES

Besonders an dem Gadget ist, dass es die Zahl der Atemzüge per Bildauswertungs-Software bestimmt. "44 patentierte Algorithmen", schwärmt Ajay Ramachandran, dessen Firma in Cocoon Cam investiert hat: "Völlig nichtinvasiv. Das Baby wird nicht berührt. Nicht so gefährlich wie etwas, das man dem Baby anschnallt."

Am Messestand von Cocoon begegnen einem dazu Slogans wie "Intuitiv, smart und schön", ebenso der Hinweis: "Cocoon Cam wurde von einem Tesla-Ingenieur gegründet, nachdem sein erstes Kind geboren wurde." Investor Ramachandran erzählt auch noch, dass manche Kunden das Vorgängermodell zum Beispiel nutzen würden, um ihr Haustier zu überwachen.

Wie gut die neue Clarity-Kamera in der Praxis funktioniert, erfährt man derweil nicht: Im Babybett am Messestand liegt lediglich eine Puppe.

Eine Babysocke mit Messfunktionen

Am anderen Ende der Halle, bei Owlet, findet man das mit dem Baby-Berühren nicht so schlimm. "Videotechnik ist immer noch nicht verlässlich genug", meint Evan Griffin, der Marketingchef der Firma. Außerdem würde man bei Video-Übertragungen ständig auf den Bildschirm schauen und versuchen, aus der Aufnahme irgendwie abzuleiten, ob denn nun alles in Ordnung ist oder nicht. Und überhaupt: Viele Problemsituationen fänden außerhalb des Babybetts statt, daher sei Owlets Erfindung sinnvoller.

Owlet stellt auf der CES eine zweite Version seiner Smart Sock vor, einer 300 Dollar teuren Socke, die den Puls des Babys und den Sauerstoffgehalt in seinem Blut erfassen kann. Die Daten landen per Bluetooth in einer Basisstation, die sie übers Internet auf die Smartphone-App schickt. Wer will, kann auf dem Handy also die Pulsdaten des Kindes beobachten, so wie andere Börsenkurse verfolgen.

App und Basisstation zur Owlet-Socke
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App und Basisstation zur Owlet-Socke

Macht das einen nicht irgendwann verrückt? "Die meisten Eltern setzen die Socke nur ein, wenn sie schlafen oder wenn das Baby schläft", erzählt Evan Griffin. Zudem würden die meisten Kunden die App nur in der ersten Woche intensiv nutzen. Danach würde das Interesse nachlassen, die Leute vertrauten dann dem System. Das schlägt Alarm, wenn etwas nicht in Ordnung zu sein scheint.

Damit sich Eltern nicht zu viele Sorgen über den optimalen Pulswert und Ähnliches machen, hat die Smart-Sock-App immerhin einen durchdachten Aufbau: Ihre Startseite zeigt - sofern natürlich nicht gerade eine Alarm-Situation eingetreten ist - nur ein Foto des Babys, mit dem Hinweis, dass alles okay ist. Wer zu den Gesundheitsdaten gelangen will, muss von diesem Bildschirm aus erst einmal weiterwischen - ein Unterschied zur Cocoon-Cam-App, in der die Atemzugzahl direkt auf der Startseite zu sehen sind, genau wie der Video-Livestream.

Eine Abwägungssache

Laurie Jennings, die auch Direktorin des Good Housekeeping Institute ist, das viele Produkte testet, will kein Pauschalurteil über Babytech-Geräte fällen. Für die Smart Sock zum Beispiel sieht sie durchaus einen möglichen Anwendungsfall, da die Überwachungssocke womöglich helfen könnte, plötzliche Kindstode zu verhindern. Sie glaubt aber ebenso, dass Gadgets zur Babyüberwachung auch Ängste wecken könnten, die man eigentlich nicht haben müsste. Letztlich müssten Eltern für sich entscheiden, womit sie besser klarkommen, sagt die Expertin: "Manchen Eltern macht es mehr Angst, all diese Informationen nicht zu haben, andere macht es nervös, zu viele Informationen zu haben."

Grundsätzlich rät Jennings, nicht jede hilfreich klingende Neuheit blind zu kaufen, vorab solle man unbedingt Testberichte lesen. "Wir empfehlen oft, dass man nicht die erste Version kauft", sagt sie, "ob nun bei einem Laptop oder einem Babytech-Gerät." Die Erstfassung sei oft die teuerste, zumindest biete die zweite oder dritte Überarbeitung eines Produkts in vielen Fällen mehr Funktionen.

Jennings selbst, Mutter einer dreijährigen Tochter, sagt übrigens, sie habe daheim keine Baby-Gadgets benutzt, obwohl sie immer wieder welche fürs Tests ausprobierte. Sie habe schon jetzt das Gefühl, zu viel am Computer und am Smartphone zu machen, sagt sie: "Außerdem wollte ich nicht auf ein Gerät starren, wenn mein Kind am Ende des Flurs ist."


Sie interessieren sich für CES-Gadgets? In dieser Fotostrecke stellen wir 50 Neuheiten der Messe vor:

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Fotostrecke: 50 Gadgets von der CES 2018


insgesamt 6 Beiträge
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frenchie3 23.01.2018
1. Die Socke hat noch einen handfesten Sinn,
der plötzliche Kindstot ist leider existent. Das Babyphone vielleicht bei einer 500 m2 Wohnung wo man bis zum anderen Ende echt nichts hört. Geht auch analog. Unsere Katze hat die Kleine überwacht, kam ihr was komisch vor (meist weinen) wurden wir umgehend "gerufen". Die hat auch keinen Fremden ans Baby gelassen, die war übler als ein Hund und kratzte allemal besser als ein Babyphone
Steep 23.01.2018
2. Ausrangiertes Smartphone, Kabelbinder und passende App
Fertig ist die Babycam. Keine Cloud, Kontrolle über die Daten und ein selbstverantwortliche Absicherung für gewünschte Zugriffe von außen.
Zita 23.01.2018
3.
Einen handfesten Sinn würde die Socke nur dann machen, wenn die Eltern im Falle des plötzlichen Kindstods auch etwas dagegen unternehmen könnten (was leider sehr wenig ist). Nur wenn sie einen speziellen Kurs belegen und erlernen, was sie tun können, hat diese Art der Babyüberwachung einen Sinn.
bmvjr 24.01.2018
4. Idiotisch
wie das Kaufen von stillem Wasser in umweltbelastenden Plastikflaschen zu horrenden Preisen pro Liter ist es auch, das Babyzimmer mit Elektronik zu ueberschuetten um des Baby's Wohlergehen digital kontrollieren zu lassen. Da wird ein Schwall an elekronischen Produkten zwischen die bewaehrten Massnahmen der Eltern und dem zu schuetzenden Baby manoevriert, ein Bedarf suggeriert und ein neuer Markt erschaffen, genaehrt von der natuerlichen Sorge um das Baby und geschuert von angstmachendem Marketing. Bald wird die Mutter, die ihren Saeugling nicht komplett elektronisch und digital ueberwachen laesst als Rabenmutter dastehen - zu Unrecht natuerlich.
Evo 24.01.2018
5. Einiges gar nicht so verkehrt
Gerade die Socke ist für Eltern gesundheitlich beeinträchtigter Kinder genial. Elter, deren Kinder zum Beispiel an Pseudo-Krupp leiden können die sehr gut gebrauchen. Bevor das Babyphone durch das Gekeuche anschlägt, merkt man den Anfall durch die Socke. Somit haben die Eltern ein paar Sekunden mehr, um zu reagieren. Ob ich jetzt einen Live-Stream brauche ... naja muss jeder selbst entscheiden. Wir waren mit unserem Babyphone glücklich. Musik, Lichterbogen und Gegensprechanlage in einem Gerät. Und wenn mich in der Anfangszeit doch mal die Panik gepackt hatte, bin ich ins Kinderzimmer geschlichen.
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