Schloss Chambord Per Tablet in die Vergangenheit reisen

Wie sah das französische Schloss Chambord aus, als dort noch König Franz I. lebte? Mithilfe eines Tablets können Besucher die Säle und Hallen im Zustand des 16. Jahrhunderts erleben. Ein ungewöhnliches wie aufwendiges Projekt.

Histovery

Für längere Aufenthalte war es ungeeignet, als Residenz taugte es nicht, für einen Regierungssitz lag es am falschen Ort: Das Loire-Schloss Chambord sollte vor allem eines sein: eine gigantische, in Stein gemeißelte Demonstration der Macht.

Franz I. befahl den Bau 1519, vier Jahre nach seinem Sieg über die Eidgenossen bei der Schlacht von Marignano in der Lombardei, mit der er seine Herrschaft und seinen Ruf als mutiger Reiterkönig festigte.

"Geschaffen wurde eine Anlage, die wie kaum eine andere die Ideen der Renaissance symbolisiert - der Mensch im Zentrum der Zivilisation", sagt Jean d'Haussonville. Der Generaldirektor der Nationaldomäne über das Anwesen ist stolz, ein historisches Monument zu betreuen, das die Zeiten fast unversehrt überdauert hat.

Doch wie sah das Schloss zu Zeiten Franz I. aus? Wie waren die drei Dutzend Appartements eingerichtet, wie war das Schlafzimmer des Monarchen möbliert, welche Teppiche zierten die Wände, was stand auf Kommoden und Truhen?

Alte Hallen im Originalzustand

Die Antwort liefern Bruno de Sa Moreira und Edouard Lussan: Beim Blick auf ihr sogenanntes Histopad - einen schlichten Tablet-PC - erscheinen die Säle und Hallen von Chambord im Originalzustand des 16. Jahrhunderts. Bücher und Becher stehen auf einem breiten Holztisch, im Kamin knistert Feuer und durch das offene Fenster ist Hundegebell und Pferdegetrappel zu hören. "Eine Zeitreise zu Franz I.", verspricht de Sa Moreira, "und dabei authentisch bis ins Detail."

De Sa Moreira, ehemaliger Verlagsleiter, gründete 2011 mit dem Autor und Regisseur Lussan das Unternehmen Histovery, das auf die digitale Rekonstruktion historischer Schauplätze spezialisiert ist.

Hinter Projekten wie dem in Chambord steckt aufwendige, monatelange Arbeit: Archive von Bibliotheken und Museen wurden besucht, eine Histovery-Mitarbeiterin wertete Ausstellungskataloge und Kunstpublikationen aus, um anhand von Stichen, Plänen und Bildern ein imaginäres Inventar von Schloss Chambord zu entwerfen.

Waffentruhe in 3D

Die Techniker der Firma - Ingenieure, Grafiker und Kunsthistoriker, unterstützt von einer Hundertschaft von Web-Designern in Deutschland, Kanada und Spanien - kreieren aus diesen historischen Vorgaben am Bildschirm 3D-Objekte.

Ein Designer namens Leo arbeitet an zwei Monitoren: Auf dem einen ist eine Waffentruhe des 16. Jahrhunderts abgebildet, auf dem anderen entwirft er die präzise digitale Nachbildung - Schubläden mit Pulver, Munition und Ladevorrichtungen inklusive.

Bevor die Möbel in den virtuellen Hallen platziert werden, prüft der wissenschaftlichen Beirat von Chambord die Authentizität der Objekte. Die sechsköpfige Runde, darunter der renommierte Kunsthistoriker Thierry Crépin-Leblond und die Renaissance-Expertin Monique Chatenet, tagt einmal die Woche: Die Fachleute verifizieren jedes Objekt - Truhen, Waffen und Waschzuber, genauso wie Gobelins, Garderobe oder Goldschmuck.

Aufwendige Nachbildung: So sehen die Räume auf dem Histopad aus
Histovery

Aufwendige Nachbildung: So sehen die Räume auf dem Histopad aus

Auch die Umgebung wurde nachgebildet

Das Ergebnis ist beeindruckend: Da, wo später zur besseren Beheizung Zwischenwände eingezogen und Kachelöfen gesetzt wurden, zeigt die virtuelle Ansicht große Hallen mit bemalten Deckenbalken, verzierten Fußböden und Tapisserien. Selbst die direkte Umgebung von Chambord ist nachgebildet: Wer sein Tablet auf ein Fenster richtet, erkennt die mäandernden Schleifen des Cosson - ein Fluss, der später kanalisiert wurde.

Der digitale Durchblick, so Chefkurator Luc Forlivesi, zeigt zudem, wie der Monarch sein Schloss und den Park von 5440 Hektar zu Lebenszeiten nutzte: zum einen zur Repräsentation, zum anderen als Jagdpalais. Ein Tross von bis zu 3000 Bediensteten war unterwegs, wenn sich der König zu großen Festen oder Landpartien ansagte, Küchenpersonal, Dienerschaft und Mobiliar reisten mit. Auf dem Histopad sind zerlegbare Truhen, Bettgestelle, Wäsche, Geschirr und Tafelschmuck zu erkennen.

Der mehrsprachige elektronische Führer, der in Chambord ab Anfang Juni verfügbar ist, kann aber noch mehr: Beim Heranzoomen auf Bilder, Becher oder Bücher tauchen kurze Erklärungen auf, Besucher können sich durch weitere Eingaben auch in Biografien vertiefen oder gar Literaturempfehlungen abfragen.

Eine Schatzsuche für Kinder

Obwohl das Histopad als "interaktives, pädagogisches und spielerisches Erlebnis für die ganze Familie" angepriesen wird, sieht Jean d'Haussonville darin mehr als ein "elektronisches Gadget": "Wir haben uns um eine optisch präzise Wiederherstellung bemüht, wissenschaftlich und kunsthistorisch fundiert", sagt er.

Als Zugeständnis an jugendliche Besucher gibt es allerdings auch eine Schatzsuche. Wer beim Besuch des Schlosses die digital versteckten Goldmünzen findet, wird am Ende mit einem Geschenk belohnt - das freilich ist nicht virtuell, sondern real und greifbar.

Zum Autor
Stefan Simons berichtet aus Paris für SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Simons@spiegel.de

Mehr Artikel von Stefan Simons



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tigranes 27.05.2015
1. Ei Ped
Endlich hat das iPad seine Daseinsberechtigung gefunden :-)
ismirschlecht 27.05.2015
2. Respekt!
Das ist mal eine wirklich große Leistung! Ganz großer Respekt! Wäre schön, wenn das Nachahmer fände. Ob man in solchen Projekten mitarbeiten kann?
bumminrum 27.05.2015
3. Das brauchen
wir unbedingt auch für das EU Parlament. Wenn man dann das Tablett auf die leeren Sitze der Abgeordneten hält kann man sie dann sehen!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.