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Gadgets im Sport: Navi für die Kletterwand

Aus Hannover berichtet

Mit "ClimbTrack" werden die Griffe hell angestrahlt, die der Kletterer als nächstes greifen soll Zur Großansicht
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Mit "ClimbTrack" werden die Griffe hell angestrahlt, die der Kletterer als nächstes greifen soll

Zwei Kletterfreunde haben ein System entwickelt, das Routen in der Halle digital erfasst und als Analysetool für Sportler dient. Kommt die Selbstvermessung jetzt auch im Natursport an?

Felix Kosmalla und Frederik Wier haben viel gemeinsam. Beide sind 27, beide sind Informatik-Doktoranden am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Und beide sind Kletterfreunde, seit der Kindheit. Vielleicht lag es daran, dass die zwei Informatiker viel Zeit in der Kletterhalle verbringen, jedenfalls hatten sie irgendwann die Idee, dass sie ihre beiden Leidenschaften, Software und das Klettern, auch verbinden könnten.

Herausgekommen ist ein System namens "ClimbTrack", mit dem Kletterer ihre Routen an der Wand per App planen und sich beim Klettern aufzeichnen können. Kletterer bekommen einen schnellen Überblick über mögliche Routen und können Fortschritte oder Technikfehler dank Aufnahmen einer Spezialkamera besser erkennen.

Das Self-Tracking, die Selbsterfassung mithilfe der Technik, ist in anderen Sportarten schon selbstverständlich. Es gibt kaum noch einen Jogger, der seine Laufzeiten und Strecken nicht von einer App erfassen und auswerten lässt. Ähnlich sieht es bei anderen Einzelsportarten aus. Nun ist auch das Klettern an der Reihe, das vielen bisher als ultimativer Natursport gilt - ein analoges Refugium des Sports, selbst, wenn man nicht an der Felswand in den Alpen hängt, sondern an einer in der Kletterhalle, mit angeschraubten Griffen.

Wier und Kosmalla (rechts) auf der Cebit Zur Großansicht
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Wier und Kosmalla (rechts) auf der Cebit

"Klar ist Klettern ein Sport, bei dem digitale Technik bisher nicht vorkommt", sagt Kosmalla. "Manche Kletterer lehnen unser System bestimmt ab. Aber viele Leute würden ihre Klettertechnik und ihre Routen gerne erfassen, weil sie sich verbessern wollen und Fortschritte messbar machen wollen, genau wie beim Radfahren oder beim Joggen." Weil viele Junge klettern, gebe es außerdem eine große Offenheit für Technik.

Auf der Technikmesse Cebit stellen die Entwickler, die auf einen dem Doktor vergleichbaren Ph.D.-Abschluss hinarbeiten, ihr System vor. Außerdem haben sie dort einen Preis für ihre Idee abgeholt, den mit 50.000 Euro dotierten Cebit Innovation Award. Nach Hannover haben sie ihren zweiten Prototypen mitgebracht, eingepackt in eine große weiße Box. Nur vorne ist ein kleines Loch, für die Kamera. Sie ist auf eine kleine Kletterwand gerichtet, die Kosmalla und Wiehr haben aufbauen lassen. Am Boden liegt eine Matte, die Sprünge von oben abfedern soll.

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Cebit-Gadgets in Bildern: Das ist die Technik von morgen
Digitale Kopie der Kletterwand

Abnehmer für das "ClimbTrack"-System sollen nicht einzelne Kletterfans, sondern die Betreiber der Hallen sein. Sie sollen mit "ClimbTrack" ihre Routen einfacher verwalten und planen können, denn das können schon mal 300 Stück sein. Die Kletterer sollen dann die gespeicherten Information über eine kostenlose App aufrufen und die Aufzeichnungsfunktion für ihr Training benutzen können.

Das System besteht aus zwei Komponenten: einer Smartphone-App und einer Box voller Technik, inklusive einer 3D-Kamera. Diese Box, der "betaCube", wird vor einer Kletterwand aufgestellt. Mit der Kamera wird die Wand abgetastet, jeder Griff wird lokalisiert, und auch Überhänge erkennt das System. Es gibt jetzt eine digitale Kopie der Wand, die per App aufgerufen werden kann.

Dann werden die Routen in der App einprogrammiert. Dazu klickt man nacheinander auf die Griffe. Nutzer der App können sich später durch alle Routen wischen, wenn sie vor der Wand stehen und Orientierung suchen. Denn jede Kletterwand bietet immer zahlreiche mehr oder weniger anspruchsvolle Optionen, wie man sie ersteigen kann. Regelmäßig werden in Hallen die Griffe umgeschraubt, um Kletterer neue Varianten entdecken zu lassen.

Einsatz zuerst in den niedrigen Boulderhallen

Die Route wird durch den "betaCube" auch direkt an die Wand projiziert, indem die einzelnen Griffe angestrahlt werden. Wird sie geklettert, kann man sich außerdem dabei aufzeichnen lassen. Das Video kann später nochmal an die Wand projiziert werden, man kann sich also selbst zusehen oder anderen zeigen, an welcher Stelle man wie greifen muss.

Kosmalla und Wier wollen ihr System zuerst in Boulderhallen zum Einsatz bringen. Beim Bouldern klettert man nur etwa vier Meter, dann springt man von der Wand ab. Viel höhere Wände kann die Kamera noch nicht erfassen. Für draußen ist das System ebenfalls nicht geeignet, es ist zu hell für Projektionen. "Da wäre ein intelligentes Armband interessant, das eine Kletterhistorie aufzeichnet und Körperdaten speichert", sagt Wier. Auch das ist eine Idee, die die beiden weiter verfolgen wollen.

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1.
Parvis 19.03.2016
Klettern an einer Kletterwand als Natursport zu bezeichnen ist meines Erachtens nach etwas gewagt. Schon allein das ständige Toprope verändert das Klettergefühl gewaltig. Vorsteigen (und dann auch noch im Fels) ist 'etwas' schwieriger.
2. Gute Idee
seid-kritisch 19.03.2016
vielleicht entfällt dann auch irgendwann mal das Umschrauben, um neue Routen zu kreiren. Alle Griffe sind weiß und werden dann je nach Route grünn, blau usw. angestrahlt.
3. Sport
wahrsager26 19.03.2016
Gut,man sucht neue Felder,um etwa verkaufen zu können.Andererseits:Schade,muss denn die Technik in jeden Winkel kriechen?Körper und Geist sage ich!Körper zur Ertüchtigung der Muskulatur-Geist..die richtige Route durch Beobachtung zu finden...!Danke
4. Gibt's schon
lukas_kurz 20.03.2016
Das System, dass man sich einzelne Bouler definieren kann gibt's schon: man sucht sich einfach die Griffe raus. Außerdem kann ich meinem Vorredner nur zustimmen: Das Klettern/Bouldern in der Halle - by the way: könnten die Begriffe etwas sauberer unterschieden werden - ist ebenso natürlich wie das Wandern auf einer Autobahn. Fazit: kl
5. Unwort des Jahres 2010 -20xxx: Eigenoptimierung
whocaresbutyou 20.03.2016
Selbstvermessung, Benchmarking, Leistungsanalyse, Eigenoptimierung... Ich werde vermutlich mein Lebtag nicht verstehen, warum der Mensch sich stetig an allem und jedem messen muss. Wenn ich klettern gehe, dann um den Kopf frei zu bekommen oder mich mal völlig ungezwungen so richtig auszupowern und nicht, um anschließend von meinem Smartphone mitgeteilt zu bekommen, dass meine Routenwahl nur zu 67% effizient war oder dass Rainer123 die gleiche Strecke in 54% meiner Zeit geschafft hat... Gibt es eigentlich schon eine Benchmarking-App, die erfasst, wie effizient man seinen selbstverschuldeten BurnOut oder die selbstinduzierten Zwangsneurosen bewältigt hat?
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