Zum Tod von C64-Schöpfer Jack Tramiel: "Geschäft ist Krieg"

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Der Commodore-Gründer und Atari-Chef Jack Tramiel ist tot. Über Jahrzehnte prägte er die Technikbranche mit Geräten wie dem C64 und dem Atari ST. Auf modernes Marketing wollte er sich dabei nicht  verlassen, ließ lieber seinen Bauch entscheiden - und war damit enorm erfolgreich.

Hightech mit Bauchgefühl: Commodore-Gründer Jack Tramiel Fotos
DPA

In der IT-Branche nannte man ihn lange nur "The Survivor", den Überlebenden. In dem Spitznamen vereinten sich Spott und Bewunderung, denn der im polnischen Lodz geborene Jude Jack Tramiel hatte im Zweiten Weltkrieg fünf Jahre in den Konzentrations- und Arbeitslagern des Nazi-Regimes überlebt und wurde danach mit ungewöhnlichen Management-Methoden und viel Bauchgefühl zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Computergeschichte.

Zwei Jahre nachdem ihn 1945 US-Truppen aus dem Arbeitslager Ahlem bei Hannover befreit hatten, emigrierte er in die USA. Vier Jahre diente er als Bürotechniker bei der US-Armee und lernte dort die Grundlagen für seine spätere Karriere. Die Erfahrungen aus der Militärzeit machte er später zu Geld, als er neben seinem Job als Taxifahrer in der New Yorker Bronx eine Schreibmaschinen-Werkstatt betrieb.

Wenige Jahre später gründete er im kanadischen Toronto die Commodore Portable Typewriter Company, mit der er zunächst Schreibmaschinen nach tschechischen Vorbildern in Lizenz herstellte. In den sechziger Jahren stieg er in das Geschäft mit Taschenrechnern ein, nachdem er auf einer Reise nach Japan das Potential der kleinen Rechenmaschinen erkannt hatte.

"Geschäft ist Krieg"

Das allerdings erkannte auch sein wichtigster Zulieferer, der Chip-Hersteller Texas Instruments (TI). Als TI auf die Idee kam, selbst Taschenrechner zu bauen, konnte Commodore im Preiskampf nicht mehr mithalten. Die TI-Rechner kosteten im Laden weniger als Tramiel allein für die TI-Chips ausgeben musste.

Also änderte er seine Strategie und kaufte mit Investorengeld kurzerhand den Chip-Produzenten MOS Technology und ließ die zugekauften Ingenieure etwas völlig neues entwickeln, den 1977 vorgestellten PET-2001 (Personal Electronic Transactor), Commodores ersten Computer. Ihm folgten erst der VIC-20 und später der C64. Und weil Tramiel die Chips jetzt im eigenen Haus produzierte, konnte er seine Computer zu aggressiven Preisen anbieten - und Texas Instruments eins auswischen, denn sein VIC-20 war plötzlich billiger als der Konkurrenz-Rechner von TI. "Geschäft ist Krieg", sagte Tramiel damals, "und du musst dabei der Sieger sein." Folgerichtig bezeichnete er die Einführung des C64 als "Blitzkrieg". Erst acht Jahre später wurde mit dem C64GS die letzte Variante des Erfolgsmodells auf den Markt gebracht.

"Niemand hat den anderen in den Arsch getreten"

Zu diesem Zeitpunkt war Tramiel allerdings schon nicht mehr Chef seiner Firma. Hauptaktionär Irving Gould, ein Investor aus Toronto, hatte sein finanzielles Engagement von Einschränkungen für Tramiel abhängig gemacht. Er wollte sein Geld nur in die Firma stecken, wenn festgeschrieben würde, dass deren Gründer höchstens halb so viele Anteile daran halten darf wie er.

Doch selbst das reichte ihm irgendwann nicht mehr aus. Weil ihm Tramiels Geschäftpraktiken zu riskant erschienen, zwang er den Firmengründer 1984 zum Ausstieg. Der ließ sich allerdings nicht unterkriegen, sondern investierte sein Geld sofort, indem er die Spielkonsolenfirma Atari übernahm, die er mit Commodore zuvor quasi sturmreif geschossen hatte. Dem SPIEGEL sagte er damals: "Das Jahr 1984 war sehr langweilig für die Heimcomputerindustrie, niemand hat den anderen in den Arsch getreten." Aber damit sei jetzt Schluss, legte er nach: "Ich bin wieder da."

"Geschäft ist wie Sex"

In den folgenden Jahren lieferte er sich einen erbitterten Kampf mit seinem ehemaligen Unternehmen. In Rekordzeit ließ er Ataris Ingenieure den Atari ST entwickeln, seine Antwort auf Commodores C64-Nachfolger Amiga. Erneut versuchte er, sich mit Kampfpreisen gegen das Konkurrenzmodell aufzustellen. Während Commodore den Amiga für 1500 Dollar auf den Markt brachte, konnte man den ersten Atari ST bereits für 800 Dollar bekommen. Mit welchem Selbstbewusstsein Tramiel bei Atari eingestiegen war, zeigte sich auch im Titel des Atari-ST-Betriebssystems: TOS wurde es genannt, Tramiel Operating System (manche vermuten allerdings, TOS könne schlicht für The Operating System gestanden haben).

Statt auf Marketing-Experten und Verbraucherbefragungen verließ Tramiel sich dabei lieber auf sein Bauchgefühl: "Geschäft ist wie Sex, du musst es anfassen, du musst es fühlen", sagte er damals - und entließ, nach dem er die Firma übernommen hatte, unter anderem Ataris komplette Marketing-Abteilung. Eine Firma müsse eben "klein und gemein" sein, um am Markt bestehen zu können.

Abgang für die Atari Corporation

Einen klaren Sieger des Preiskampfes gab es dennoch nicht. Commodores Amiga hatte die besseren grafische Fähigkeiten, konnte trotz des höheren Preises viele Grafiker und Spieler für sich gewinnen. Der Atari ST punktete hingegen mit seiner hochauflösenden Schwarzweiß-Grafik bei Programmierern und Textverarbeitern, war wegen der eingebauten Midi-Anschlüsse jahrelang der Standard-Computer in Tonstudios.

Geholfen hat es beiden nicht. 1994 war Commodore am Ende. Der Versuch, mit den Amigas und Commodore-PC das Spielecomputer-Image abzustreifen, war gescheitert. Im Frühjahr 1994 ließ jener Irving Gould, der Tramiel aus dem Unternehmen gedrängt hatte, das Unternehmen einen Konkursantrag stellen. Um Tramiels Atari Corporation stand es allerdings kaum besser. 1996, ein Jahr nachdem Tramiel sich aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, wurden die Reste des Unternehmens an einen Festplattenhersteller verkauft, der drei Jahre später selbst Pleite ging.

Wie war das mit dem Commodore?

Jack Tramiel zog sich in den folgenden Jahren vollkommen aus der Computerbranche zurück. Stattdessen unterstützte er das von ihm 1993 mit gegründete United States Holocaust Memorial Museum in Washington DC und spendete große Summen an weitere Einrichtungen, die an das Schicksal der Juden im Dritten Reich erinnern.

Einer Geschichte aus 2007 zufolge beteiligte sich Tramiel angeblich auch selbst an der Legendenbildung um seine Person und die Geschichte seiner Firma. Anlässlich des 25 Jahrestages des C64 wurde er von einem Redakteur der "Software Development Times" gefragt, wie er denn wohl auf dem militärisch klingenden Namen für seine Firma gekommen sei. Als Antwort erklärte Tramiel, er habe die Firma eigentlich General nennen wollen, aber dieser Titel sein mit Firmen wie General Motors und General Electric schon verbraucht gewesen. Ebenso habe es bereits eine Firma namens Admiral gegeben. Auf einer Fahrt durch Berlin habe sein Taxi dann aber hinter einem Opel Commodore gehalten, der ihn schließlich zu der Namensgebung inspiriert habe.

Eine schöne Geschichte, leider mit einem Haken: Den Straßenkreuzer mit dem klangvollen Namen hat Opel erst 1967 eingeführt, 13 Jahre nach Gründung der Commodore Portable Typewriter Company.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. 1984
Ofra 10.04.2012
Zitat von sysopDer Commodore-Gründer und Atari-Chef Jack Tramiel ist tot. Über Jahrzehnte prägte er die Technikbranche mit Geräten wie dem C64 und dem Atari ST. Auf modernes Marketing wollte er sich dabei nicht verlassen, ließ lieber seinen Bauch entscheiden - und war damit enorm erfolgreich. Zum Tod von C64-Schöpfer Jack Tramiel: "Geschäft ist Krieg" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Netzwelt (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,826544,00.html)
1984 kam da nicht der Apple Macintosh?
2.
alexander_demontfort 10.04.2012
Zitat von Ofra1984 kam da nicht der Apple Macintosh?
ich denke, dass damals der Apple einfach zu teuer war. Ein Jahr später kam der Atari ST, auch genannt "Jackintosh", der für einen Bruchteils des Geldes zu haben war...
3. Danke Jack
LuisCortez 10.04.2012
Jack Tramiel war eine wichtige Person in der Entwicklung der Computer wie wir sie heute benutzen. Ohne seine innovativen Rechner wären wir heute nicht dort wo wir sind! Vor kurzem weinte die ganze Welt um Steve Jobs, aber Tramiel war mindestens / wenn nicht sogar noch wichtiger, für die Rechner Entwicklung. U.a. war TOS (Tramiel Operating System) wegweisend für unsere heutige Bedienung von Computern! RIP Jack (Jacek) … hoffentlich findet er seinen Platz in der allgemeine Historie von Rechner, neben so Monstern wie Gates, Jobs und Co.
4.
FatherMacKenzie 10.04.2012
Zitat von Ofra1984 kam da nicht der Apple Macintosh?
Ja, aber der spielte nur am Rande etwas mit. War damals auch ein "Designerstück" und selten vertreten. Ich kannte damals nur eine Person, die einen besaß. Allerdings hatte der bereits bei Systematics gearbeitet. Einer Apple-Firma. Relativ häufig waren die Apple II-Varianten. Einen IIc habe ich zeitgleich mit dem VIC-20 besessen. Wurden beide gegen einen C64 eingetauscht. Einen "richtigen" "Home"computer :-)
5.
Chipman 02.05.2012
Der Haken mit Commodore mag vielleicht kein Haken sein: Immerhin gab es zu der Zeit den Hudson Commodore - und den könnte Tramiel auch in Berlin gesehen haben...
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