Computer und Schach: "Die goldene Gans, die niemals schnattert"

Von André Schulz

Ohne Schach kein Computer: Für diese steile These ließen sich zahlreiche Indizien beibringen. Tatsächlich ist die Geschichte von Computern, Kryptografie und Schach aufs engste verwoben. Ihren Anfang nahm sie im Zweiten Weltkrieg beim britischen Geheimdienst - und bei einem skurrilen Mathematiker und Schachfan: Alan Turing.

In den Jahren 1939 bis 1945 kam es häufiger vor, dass Bewohner des Örtchens Bletchley sich furchtbar erschraken. Die Ursache waren nicht etwa deutsche Luftangriffe. Nur einmal hatte ein deutscher Bomber seine sechs Bomben versehentlich auf Bletchley abgeworfen. Treffen wollte er eigentlich die vier Meilen nördlicher gelegenen Wolverton-Werke.

Nein, es war Alan Turing, der mit seinem Fahrrad zur Arbeit fuhr: Im Frühling trug er dabei eine Gasmaske. Manche, die ihn sahen, dachten bei seinem Anblick deshalb an einen deutschen Giftgasangriff. Turing jedoch litt schlicht und ergreifend an Heuschnupfen. Und mit der Gasmaske ging es ihm besser.

Seit Anfang des Krieges arbeitete Turing mit vielen anderen in dem geheimsten Projekt der Engländer während des Zweiten Weltkrieges, dem Unternehmen Ultra. "Ultra" wurden alle Vorgänge genannt, die mit dem Abhören und Decodieren von Funksprüchen der Kriegsgegner, vor allem der Deutschen, aber auch der Italiener und Japaner zu tun hatten.

Für dieses Projekt hatte die englische Government Code and Cipher School (GC&CS) etwa 80 Kilometer nördlich von London ein unauffälliges Landhaus mit Grundstück gekauft - Bletchley Park. Anfangs arbeiteten hier 200 Leute, zum Schluss des Krieges waren es 7000. Alle Unterkünfte in größerem Umkreis, privat bei Familien oder in öffentlichen Gebäuden, waren von den Bletchley-Mitarbeitern belegt.

Keinem war es erlaubt, über das zu sprechen, was in den Gebäuden des Parks vor sich ging. Die meisten kamen wie Turing mit dem Fahrrad, allerdings ohne Gasmaske. Meist waren es alte Klappergestelle - die Fabriken in England waren mit anderen Dingen beschäftigt, als Fahrräder zu bauen. Bei Turings Drahtesel sprang ständig die Kette ab. Alle vierzehn Umdrehungen, wie Turing zu beobachten glaubte, so dass er alle dreizehn Umdrehungen anhielt und den Sitz der Kette korrigierte. Turing war Mathematiker.

Schach dem Gegner

Der Beitrag dieses etwas verschrobenen Menschen zum Ausgang des Krieges und damit zur Geschichte ist gewaltig. Ohne ihn würden wir in diesem Moment statt SPIEGEL ONLINE eventuell den "Völkischen Beobachter" lesen, noch viel wahrscheinlicher aber die "Prawda": Das ohne Zweifel mit kriegsentscheidende Knacken der deutschen Enigma-Verschlüsselungs-Codes ist zu großen Teilen Turings Verdienst. Doch Bletchley lieferte auch die Initialzündung für eine Technologie, die unsere Welt so stark wie sonst kaum eine beeinflussen sollte: Die Rede ist vom Konzept der programmierbaren Computer.

Die Enigma
DPA

Die Enigma

Turing konstruierte den ersten, die Idee dazu hatte er schon 1936 in seiner Schrift "On computable Numbers" formuliert. Jetzt, im Krieg, wurde die Umsetzung des Konzeptes zur Notwendigkeit: Gebraucht wurde eine Maschine, die man umprogrammieren konnte, um die sich ständig ändernden Verschlüsselungscodes zu knacken. 1943 bis 1944 wurde "Collossus" entwickelt und in Bletchley genutzt (derzeit wird der Rechner in London rekonstruiert). Die phonstarke Höllenmaschine leistete Arbeiten, für die man normalerweise "Intelligenz" voraussetzte. Doch Turing sah Collossus nicht als intelligent an, denn dafür fehlte es ihm an einer Fähigkeit: Collossus konnte nicht Schach spielen.

Der Beweis dafür, dass ein Computer Intelligenz besäße, ja "Denken" könne, war in Turings Vorstellung dann erbracht, wenn dieser in der Lage wäre, Schach zu spielen. Ein Computer, der Schachpartien spielte, wäre dem menschlichen Hirn weitaus ähnlicher als eine reine Rechenmaschine, die nur Zahlen addiert. Also schrieb Alan Turing auch noch das erste Schachprogramm der Welt und spielte damit Partien, indem er selber den Computer simulierte und nach seiner Programmierung, die er vom Blatt ablas, die Züge ausführte.

Seltsame Experten

Was aus heutiger Sicht vielleicht skurril wirkt, erschien damals nur logisch. Oft wird die Computertechnik als Kind des Krieges bezeichnet, aber das allein trifft es nicht. Schachprogramme wie programmierbare Computer selbst erfüllen ein Grundbedürfnis von Mathematikern und Schachspielern: von einer Ausgangslage ausgehend Vorgänge und potenzielle Verläufe zu Ende zu denken.

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1939, noch vor Ausbruch des herannahenden Krieges, wurden in den Gebäuden von Bletchley Park Linguisten, Mathematiker, Verschlüsselungsspezialisten, Schachspieler und andere Tüftler versammelt, um sich mit der Entschlüsselung feindlicher Funksprüche zu befassen. Die vorhandenen Gebäude reichten bald nicht aus und es wurden einige Holzbaracken auf dem Gelände hinzugefügt, die man durchnummerierte und beispielsweise Hut 4 (Hütte vier), Hut 6 oder Hut 8 nannte.

Die Codebreakers lieferten unentwegt Nachrichten, die mit großer Geschwindigkeit nach Wichtigkeit sortiert und weitergeleitet wurden. Nur ganz wenige wussten von der Existenz der geheimsten aller britischen Einrichtungen, die Churchill, "meine goldene Gans, die niemals schnattert" nannte.

Ebenso wenig entsprach die Gruppe dort versammelter Menschen dem Klischee cleverer, Code knackender Agenten: Neben Mathematikern wie Alan Turing arbeiteten Sprachwissenschaftler und alle möglichen Tüftler in Bletchley an der Entschlüsselung. Und eine Reihe von bekannten Schachspielern! Es war praktisch die ganze englische Nationalmannschaft, bei Kriegsausbruch noch in Buenos Aires bei der Schacholympiade aktiv, die sich bald in den Blechtley-Hütten einfand und während des Krieges statt Schach- Nachrichtenvarianten entschlüsselte: Hugh Alexander, Stuart Millner-Barry, Harry Golombek gehörten dazu.

Blick aufs Spielbrett in New York
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Spieltage: 11. Nov. | 13. Nov. | 16. Nov. | 18. Nov. - Live-Übertragung jeweils ab 19 Uhr

Turings frühes Ende

Ihre Erfolge sind heute legendär. Das heißt jedoch nicht, dass sie zu ihrer Zeit gewürdigt worden wären.

Auch das Genie Turing - denn das war er ohne Zweifel - wurde von seinem Heimatland keinesfalls hoch dekoriert oder geehrt. Im Gegenteil: Turing war homosexuell. Solche Neigungen gab man nicht öffentlich zu, denn es war gesetzlich verboten. Turing machte aus seiner Veranlagung kein Geheimnis, wurde nach dem Krieg sogar zu einer Hormonbehandlung gezwungen und nahm sich nach Nachstellungen des Secret Service, der in ihm ein Sicherheitsrisiko sah, 1954 auf Turingsch-verschrobene Art das Leben, indem er einen vergifteten Apfel aß - so wie Schneewittchen.

Seine Verdienste blieben weitgehend unbekannt. "Ultra" wurde auch noch bis weit nach dem Krieg geheim gehalten. Erst nachdem der Secret Service-Mann Frederick Winterbotham 1974 sein Buch "Ultra" veröffentlichte, wurde die vollständige Geheimhaltung aufgegeben.

Die Liaison von Schach und Computertechnik aber, die mit Turing begann, besteht bis zum heutigen Tag fort.

Mit "Turing" wird die Leistungsfähigkeit von Computern, ihre "Intelligenz", mit der Spielstärke im Schach gemessen.

P.S.: Ein Bonbon zum Schluss

Mathias Feist ist Co-Autor der Schach-Engine von Fritz und hat mit Hilfe von Ken Thompson, dem Miterfinder des Betriebsystems Unix, die Turing-Engine in moderne Maschinensprache übersetzt und als Schach-Engine für die Fritz-Schachoberfläche programmiert.

Wer das Schachprogramm Fritz (ab Version 6) hat, kann die Turing-Engine hier downloaden und gegen das Programm spielen, das Alan Turing wahrscheinlich in seiner Zeit in Bletchley Park entwickelt hat, wenn er nicht gerade an der Entschlüsselung der Enigma tüftelte.

Die Turing-Engine ist der Beginn maschinellen Denkens, das kybernetische erste Rad. "Es ist keine sehr gute Engine, aber auf den heutigen Rechnern erreicht sie Suchtiefen, an die Turing wahrscheinlich nie gedacht hat." Einfach zu schlagen ist sie ganz bestimmt nicht", meint Mathias Feist.

André Schulz ist Redakteur bei Chessbase.de

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