Vibrationserfassung: Handy belauscht Tastatureingaben
Das Handy ist dank seiner vielfältigen Sensoren ein perfektes Überwachungs- und Abhörwerkzeug. Nun haben zwei Forscher nachgewiesen, dass es auch Tastaturen belauschen kann - indem es Vibrationen von Tastenanschlägen analysiert.
Legt man ein Smartphone neben eine übliche Computertastatur, können dessen Beschleunigungssensoren anhand der Tipp-Vibrationen auf den geschriebenen Text schließen. Was diverse Hacker bereits im Großen und Kleinen demonstrieren konnten, haben Forscher des MIT und des Georgia Tech Information Security Center (GTISC) nun auf wissenschaftliches Niveau gehievt. In einem neuen Forschungsartikel zeigen sie, wie mit Hilfe der Daten der Sensoren eines iPhones mit recht hoher Sicherheit ermittelt werden kann, was auf einer danebenliegenden Tastatur getippt wurde. "Auf Beschleunigungssensoren basierendes Abhören könnte auf einigen Telefonen potentiell implementiert werden", formulieren die Autoren um Philip Marquardt vorsichtig.
Dabei erkennt die Software der Forscher einzelne Tastenanschläge, schätzt ihre relative Position und misst die Zeit zwischen den einzelnen Anschlägen. Daraus abgeleitete Wörter werden mit einem Verzeichnis potentieller Wörter abgeglichen und zum fertigen Text zusammengefasst. Damit erreichen die Forscher eine Rekonstruktionsrate von bis zu 80 Prozent. "Damit zeigen wir, dass man Informationen aus nahe gelegenen Mobilgeräten gewinnen kann, ohne auf die als eigentlich gefährdet eingeschätzte Ressource direkten Zugriff haben zu müssen." Allerdings müsste sich der Lauscher immer noch Zugriff auf das Smartphone und dessen Sensorik verschaffen.
Das Prinzip funktioniert erst ab dem iPhone 4
Was die Forscher damit meinen: Nicht die Tastatur oder der Computer werden angezapft, sondern leichter manipulierbare Gegenstände in deren Nähe, zum Beispiel Kameras, GPS-Tracker, Fitnessarmbänder, oder eben Smartphones mit Beschleunigungssensoren. Vor einigen Jahren zeigten Experten auf einer Sicherheitskonferenz bereits, wie sie Tastaturanschläge per Laser belauschen beziehungsweise Texte aus den Stromschwankungen während der Texteingabe rekonstruieren können.
Der Computer und die Tastatur sind vor solchen Angriffen erheblich schwerer zu schützen als vor solchen, die sie direkt betreffen. Schutzmaßnahmen werden aber trotzdem vor allem gegen direkte Angriffe getroffen.
Als Schutzmaßnahme vor ihrem Angriff empfehlen die beiden Forscher, Handys und andere Geräte mit Beschleunigungssensoren erst gar nicht neben die Tastatur zu legen, oder zumindest auf eine andere Oberfläche. Aber auch die Hersteller der Sensortechnik könnten etwas tun: Wenn die Abtastrate der Sensoren nur etwas gesenkt würde, könnte die Erkennungsgenauigkeit eines Angreifers unter die Nützlichkeitsgrenze sinken.
Vermutlich haben die Hersteller daran aber geringes Interesse - den Forschern zufolge werden die Sensoren im Gegenteil immer empfindlicher. Mit einem iPhone 3GS hätte ihre Methode ihren Angaben zufolge nicht funktioniert, erst das iPhone 4 habe ausreichend präzise messende Sensoren. Besonders sicherheitsbewusste Menschen könnten also auch auf ein älteres Handymodell umsteigen.
Ein Erfinder will das Prinzip "Texterfassung per Vibrationsmessung" übrigens noch weiter getrieben haben - sein "Vibrative Virtual Keyboard" ist nur eine auf einen Untergrund gemalte Tastatur. Wenn die entsprechende Software auf dem danebenliegenden Smartphone läuft, sollen die gemalten Tasten, wie eine echte Tastatur funktionieren. Die Software muss nach dem derzeitigen Stand aber offenbar einige Zeit trainiert werden, bevor sie verlässlich funktioniert - und zwar vermutlich für jeden erstmals genutzten Untergrund erneut.
fko
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