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Das panoptische Studio: Computer entziffern die Geheimnisse der Körpersprache

Fotostrecke: Das panoptische Studio Fotos
Hanbyul Joo/ Carnegie Mellon Uni

Gesichtserkennung ist schon weitverbreitet, US-Forscher arbeiten aber auch an der Vermessung menschlicher Gesten und Bewegungen. So wollen sie die nonverbalen Signale entschlüsseln, die Menschen ununterbrochen aussenden.

Die Körpersprache des Gegenübers ist oft schon für Menschen schwer zu lesen, nun sollen das sogar Computerprogramme schaffen. Forscher der Carnegie Mellon University (CMU) im amerikanischen Pittsburgh haben ein System entwickelt, mit dem nonverbale Kommunikation ausgewertet werden kann. Wie aufwendig das ist, zeigt sich an den Geräten, die dafür nötig sind.

Die Forscher haben eine Konstruktion gebaut, die auf den ersten Blick aussieht wie ein gigantischer Fußball. Darin verbirgt sich ein sogenanntes panoptisches Studio, in dessen Wänden 480 Kameras und zehn Kinect-II-Sensoren installiert sind. Die Geräte filmen eine Gruppe von mehreren, im Inneren versammelten Personen, während sie sich unterhalten oder anderweitig miteinander interagieren. Diese 480 Livestreams nehmen die Bewegungen jedes einzelnen Anwesenden auf.

Dafür orientieren sich die Kameras jeweils an bestimmten Punkten des Körpers, zum Beispiel Kopf, Kinn, Ellenbogen, Hände. Aus den Daten entsteht in Echtzeit ein dreidimensionales Modell der aktuellen Bewegungsabläufe.

Eine Grundlage für das CMU-Projekt besteht im Konzept von "social motion capture". Motion capture ist ein bei vielen Kinofilmen gängiges Verfahren. Dabei werden Bewegungen einer Person durch Messpunkte erfasst und dann auf eine virtuelle Figur übertragen. Die Technik wurde berühmt durch die "Herr der Ringe"-Trilogie: Die Bewegungen von Gollum wirken so lebensecht, weil dafür zuvor die Gesten eines Schauspielers aufgezeichnet wurden. Nach demselben Prinzip arbeitet das für die Xbox entwickelte Kinect-System.

Im panoptischen Studio werden synchron die Bewegungen mehrerer Personen gleichzeitig erfasst. Das von Forschungsleiter Hanbyul Joo und seinen Kollegen entwickelte System nimmt die Bewegungen jedes Anwesenden an bis zu 100.000 Messpunkten auf und verfolgt sie über Hunderte Einzelbilder. Die von einem speziell entwickelten Algorithmus errechneten Resultate werden in Grafiken dargestellt, die Bewegungen sind in unzählige Farbpunkte aufgelöst. Dadurch erscheinen die vermessenen Menschen in der Computergrafik wie Farbwolken.

Gesichtserkennung ist inzwischen ein weitverbreitetes Verfahren und wird von Überwachung bis zur Werbung für ganz unterschiedliche Zwecke eingesetzt. Einen Schritt weiter geht da schon eine Microsoft-Software, die aus Fotos von Gesichtern den Gemütszustand der Abgebildeten erkennen kann. Im panoptischen Studio des CMU-Teams wird mit der Verarbeitung komplexer Strukturen in Echtzeit allerdings noch weitaus mehr geleistet.

Auf die Frage nach möglichen Einsatzfeldern der Technik bleibt Joo ganz Wissenschaftler. Er hoffe, das System könne als Hilfsmittel dienen, um das Wechselspiel gegenseitiger Beeinflussungen unter Menschen besser zu verstehen. Allerdings ist es gut denkbar, dass die Technologie in nicht allzuferner Zeit auch kommerziellen Zwecken dient. So manches Hollywood-Studio dürfte interessiert sein.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. schöne Reminiszenz
Lapsus 18.12.2015
an Benthams Panopticon. Vermutlich werden die ersten Anwendungen der Technik auch in diese Richtung gehen, egal ob es um Verkausfförderung oder Sicherheitsmassnahmen im öffentlichen Raum geht. Maschinen überwachen und bewerten menschliches Verhalten. Und werden daraus voraussichtlich auch irgendwann autonom Handlungen anstossen. Ich sehne mich nach einem neuen Humanismus. Lapsus
2.
quark2@mailinator.com 18.12.2015
Überwachungskamera 2.0 ... demnächst wird nicht nur global beobachtet und aufgezeichnet, nicht nur nach "abweichendem Verhalten" gesucht, nein, man fängt gewissermaßen an, über die Körpersprache die Gedanken zu lesen ... Erhöht natürlich die Sicherheit ungemein. Sagen wir mal, jemand geht jeden Tag den gleichen Weg ... da kann man Tendenzen abbilden ... sollte man am besten auch mit der Sprache am Telefon machen ... Manchmal bin ich froh, den letzten Zipfel tatsächlicher persönlicher Freiheit noch erlebt zu haben.
3. 1984 ...
sbayer 19.12.2015
Georg Orwell müsste posthum noch ein Preis verliehen werden. Der Mensch ist bald gefangen in der Technik, die er selbst erfunden hat. Adieu, du schöne Welt!
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