Design-Guru Don Norman "Ich steige niemals in ein neues Flugzeug"

Sogar Piloten scheitern an der Programmierung des Weckers - Informatiker Don Norman erklärt warum. Der Experte für untaugliche Alltagstechnik erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, warum er nie mit neuen Flugzeug-Typen fliegt und wie er das Wecker-Problem gelöst hat.

Don Norman: Der Kognitionswissenschaftler scheitert an Hotelweckern
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Don Norman: Der Kognitionswissenschaftler scheitert an Hotelweckern


SPIEGEL ONLINE: Bald gibt es den programmierbaren Kühlschrank, das intelligente Auto, den Haushaltsroboter. Aber heute scheitern viele Menschen doch schon an den einfachsten Alltagsgegenständen. Überfordert uns die Technik?

Norman: Nein. Wenn etwas gut gestaltet ist, wird es immer brauchbar und verständlich sein und zuverlässig funktionieren. Unser Problem ist vielmehr die Flut neuer Produkte, bei denen aus Zeit- und Kostengründen am Design gespart wurde.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns ein Beispiel für ein richtig gutes Produkt aus jüngster Zeit geben?

Norman: Nein, das ist ja genau der Punkt! Unsere Probleme mit Alltagsgegenständen rühren doch von allzu aktueller Technik. Die ist weder ausgereift noch weiß man, was man damit alles anstellen kann. Wer wirklich zuverlässige Technik will, darf nicht "leading edge", ganz vorn dabei sein, sondern "trailing edge": immer fünf Jahre zu spät.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie, auch nur ein einziger Technikfan wird sich an Ihre Empfehlung halten und warten?

Norman: Wenn die sich Vorteile von dem cleveren, neuen Kram versprechen: sollen sie doch zugreifen. Damit riskieren sie aber eine ganze Menge Frustration, Fehlfunktionen und Unverständnis. Mein Tipp: Wartet auf Version 3! Ein paar Jahre nach der Erstveröffentlichung sind die Fehler ausgemerzt.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie warten?

Norman: Ich habe eine eiserne Regel: Ich steige in kein Flugzeug, das gerade neu auf dem Markt gekommen ist. -- "Ach, es gibt einen neuen Airbus, die neue Boeing 787? Nein, danke!" Ich warte ein paar Jahre, bis man die Dinger wirklich beherrscht.

SPIEGEL ONLINE: Sollten das nicht die Ingenieure schon eher herausgefunden haben?

Norman: Je komplexer die Technik, desto mehr Potential gibt es für Probleme. So ist das halt. Das Problem an der Technik ist doch, dass sie logisch funktioniert. Ingenieure arbeiten logisch. Aber Logik ist der falsche Ansatz - Leute funktionieren doch nicht so, die Welt ist nicht logisch aufgebaut. Unerwartete Dinge passieren. Wissen Sie, was im Jahr 2000 mit der Millennium Bridge in London passierte?

SPIEGEL ONLINE: Frischen Sie unsere Erinnerung auf!

Norman: Wunderschöne Fußgängerbrücke, toll gestaltet, mit modernster Technik entwickelt. Nur kam den Ingenieuren damals einfach nicht in den Sinn, dass Menschen gern im Gleichschritt laufen. Die Brücke kam schon bei der Eröffnung ins Schwingen und musste nach ein paar Tagen wieder gesperrt und stabilisiert werden. Unerwartet!

SPIEGEL ONLINE: Aber man kann doch nicht immer warten, bis etwas gänzlich ausgereift ist. Sollen Passagierflugzeuge jahrelang leer fliegen?

Norman: Oh, nein. Wir können heute aus dem Stand heraus sehr zuverlässige Flugzeuge bauen. Problematisch wird es doch nur, wenn wir uns an technische Grenzen heranwagen. Wenn die Flugzeuge schneller, höher, mit mehr Menschen an Bord fliegen sollen. Immer dann werden unerwartete Dinge geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Wir sprechen hier von großen Designproblemen komplexer Technik. Aber warum klappt's nicht mal bei völlig trivialen Dingen: Warum spritzen Joghurtbecher, trocknen Handtrockner Hände nicht und klemmen Feststelltasten?

Norman: Klar, wir wissen natürlich längst, wie man all diese Probleme lösen könnte. Aber offenbar lernen die Firmen nicht aus den eigenen Erfahrungen und denen anderer Firmen. Sie stehen unter zu viel Druck: Sie müssen billig produzieren, schnell auf den Markt kommen. Und zum Schutz vor der Konkurrenz setzen sie auf proprietäre Standards: Kein Gerät arbeitet mehr richtig mit dem anderen zusammen. Die Probleme sind vielfältig und komplex - technisch, aber auch politisch und sozial.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten immer: Menschen brauchen einfache Werkzeuge, simple Dinge, die ihre Leben vereinfachen. In ihrem neuen Buch "Living with Complexity" heißt es plötzlich: Wir brauchen komplexe Werkzeuge.

Norman: Komplexe Werkzeuge, nicht komplizierte! Komplizierte Dinge sind "verwirrend komplex". Komplexe Dinge, die wir nicht verstehen, sind kompliziert. Heute geht es darum, komplexe Dinge verständlich zu machen. Verständlichkeit ist das Ziel!

SPIEGEL ONLINE: Stellen Ingenieure komplexe Technik her, die Designer dann verständlich machen?

Norman: Nein, das führt unweigerlich zu schlechtem Design! Designer und Ingenieur sollen als Team zusammenarbeiten, sich darüber Gedanken machen, was Menschen wirklich mit ihrem Produkt anfangen wollen und all das zu einem hübschen Paket schnüren, in dem Technologie, Interface und Design ein schlüssiges, verständliches Ganzes ergeben.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich ja schön an. Trotzdem ist das ein Widerspruch zu früher. Da sagten Sie: Für jedes Problem ein Werkzeug.

Norman: Jeder sehnt sich nach Schlichtheit. Und jeder weiß, dass wir Dinge einfacher gestalten sollten. Ich habe lange drüber nachgedacht und weiß jetzt, dass das nicht stimmt. Wenn wir die Wahl haben, nehmen wir das komplexere Handy, die aufwendigere Waschmaschine, den Reiskocher mit Mikrochip. Weil wir bei jeder Extrafunktion denken: Ja, das könnte ich wirklich gebrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Sind da die Käufer verantwortlich, die gern überkomplexe Produkte kaufen, die viele verschiedene Dinge können, aber keine der Fähigkeiten richtig gut umsetzten?

Norman: Die Welt ist komplex. Unsere Werkzeuge müssen dieser Komplexität angemessen sein. Es geht jetzt vor allem darum, dass wir diese komplexen Werkzeuge auch verstehen können. Zum Beispiel meine Küche: Bis oben hin voll mit Haushaltsgeräten und Küchenwerkzeug. Meine Küche ist, wie die anderer Menschen, wirklich komplex. Aber für mich ist sie perfekt einfach und verständlich: Alles ist dort aus einem bestimmten Grund.

SPIEGEL ONLINE: Aha, die ganze Küche ist das Werkzeug, nicht der Hobel, das Schneidebrett.

Norman: Richtig! Wir müssen uns die Aktivität als ganzes betrachten und nicht nur einzelne Komponenten. Ich war schon immer ein Fan von "activity based design": Geräte, die nicht eine Sache können, sondern perfekt für eine bestimmte Aktivität geschaffen wurden. Das Handy ist ein gutes Beispiel. Es hat alles, was man für die Aktivität "Telefonieren" braucht: Ein Telefonbuch, ein Adressbuch, Raum für Notizen und einen Kalender.

SPIEGEL ONLINE: Aber schauen Sie sich doch die neuen Smartphones wie das iPhone an: Darauf kann man 225.000 Programme installieren, 20 Apps sind schon vorinstalliert. Wer soll da den Überblick haben? Gilt Apple nicht als besonders nutzerfreundlich?

Norman: Die - aber auch Googles Android-Betriebssystem - machen es eben richtig: Es gibt zwar sehr, sehr viele Funktionen - aber in jedem Moment sieht der Benutzer nur eine davon. Von all der Komplexität bekommen Sie einfach nichts mit. Deshalb empfinden wir diese Geräte als brauchbar, verständlich und angenehm.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es allgemeingültige Regeln, um das zu erreichen?

Norman: Klar! Teil die Dinge in Einzelteile auf, organisiere diese Teile, strukturiere sie. Gib Feedback. Ich will immer wissen, was gerade und warum passiert. Durch eine gute Struktur kann ich mich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Letztlich geht es darum, aus einem scheinbar undurchschaubaren Technik-Kuddelmuddel etwas schlüssiges und verständliches zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Dieselben Menschen können Flugzeuge steuern, scheitern aber später bei der Programmierung eines Weckers. Warum?

Norman: Wenn Wecker-Käufer so viel Training wie ein Pilot hätten, wäre das wohl kein Problem … Aber Cockpits sind eben auch enorm gut designt. Dahinter steckt eine gewaltige Menge Erfahrung und Wissen. Bei der Entwicklung von Alltagsgegenständen wird das Design oft nicht ernst genommen. Die Designer machen sich keine Gedanken darum, wie Menschen einen Wecker tatsächlich benutzen: in der Dunkelheit, tief in der Nacht oder am Morgen, wenn sie müde sind.

SPIEGEL ONLINE: In ihren Büchern, Vorträgen, Online-Aufsätzen lästern sie immer wieder über Hotelwecker. Ist das eine Obsession von Ihnen?

Norman: Ich reise halt viel. Aber ich habe endlich eine endgültige Lösung gefunden: Ich ignoriere den Hotelwecker und lass mich von meinem Handy wecken: Das leuchtet im Dunkeln, hat einen guten Alarm und ist einfach einzustellen.

Die Fragen stellte Felix Knoke



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Klau3, 18.06.2010
1. Einer der Angesprochenen Punkte betrifft das „Patent-Problem“
Z.B. gibt es hunderte Saftflaschenverschlüsse, doch leider ist ein Großteil unbrauchbar. Das liegt vor allem daran, das Patente wie eine Waffe gegen die Konkurrenz eingesetzt werden. Die Konkurrenz muss (um ein wenig Geld zu sparen) immer aufs neue, eine Problemlösung für ein bereits gelöstes Problem finden, nämlich einen brauchbaren Saftflaschenverschluss - das geht oftmals nach hinten los. Über Patente sollte mehr öffentlich diskutiert werden. Nicht jeder der etwas erfindet und ein Patent auf die Erfindung hält hat die beste Umsetzung parat. Zudem baut Wissen oftmals auf anderem auf, komisch das man eine Idee für sich reklamieren kann. Die Pluspunkte des Patentwesens sollten natürlich nicht vergessen werden, doch irgendwie muss da mal was neues her, etwas das den Menschen gerechter wird als das bisherige System.
AntiGravEinheit 18.06.2010
2. Hotel-Wecker
Norman: "Ich ignoriere den Hotelwecker und lass mich von meinem Handy wecken: Das leuchtet im Dunkeln, hat einen guten Alarm und ist einfach einzustellen." Mache ich genauso. Allerdings habe ich jetzt ein neues Handy, muß noch etwas üben ... ;-)
Mueller-Luedenscheid 19.06.2010
3. schon lange
ich folge dem Trend zum "late adapter" schon lange. Als alle den iMac hatten, kam ich 2 Jahre später. Resultat, das Ding funzte. Gleiches gilt für andere Dinge. "Weniger ist oft mehr". Keep things simple, das scheint sich noch nicht überall rumgesprochen zu haben. Gut beschrieben ist das hier : http://www.youtube.com/watch?v=NL3GD-nDMRQ
CombattenteSinistro 20.06.2010
4. Ein Schwanzbeisser
Early adopters braucht es wirklich, und zwar nicht nur ein paar wenige. Die Wirtschaft treibt sich wegen ihnen weiter. Wenn niemand die neuen Produkte kauft, die sicher oft fehlerhaft sind, werden keine neuen Produkte mehr produziert, demnach keine mehr entwickelt, demnach keine neuen Lösungen erfunden, also bleibt die Wissenschaft tendenziell stehen. Ich kaufe keine neuen Produkte. Aber nicht, weil ich Angst habe vor Bugs, nein, einfach, weil ich sie mir nicht leisten kann (oder will). Aber wer das kann, soll early adopten. Ich komme dann schon ein Jahr später, aber das kann ich nur dank der early adopters tun. Ohne sie wäre auch ein Jahr später noch nichts Besseres auf dem Markt als das, das heute schon da ist. Mit Egoismus schadet man mittelfristig sogar sich selbst, nicht nur anderen.
john mcclane, 20.06.2010
5. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von CombattenteSinistroEarly adopters braucht es wirklich, und zwar nicht nur ein paar wenige. Die Wirtschaft treibt sich wegen ihnen weiter. Wenn niemand die neuen Produkte kauft, die sicher oft fehlerhaft sind, werden keine neuen Produkte mehr produziert, demnach keine mehr entwickelt, demnach keine neuen Lösungen erfunden, also bleibt die Wissenschaft tendenziell stehen. Ich kaufe keine neuen Produkte. Aber nicht, weil ich Angst habe vor Bugs, nein, einfach, weil ich sie mir nicht leisten kann (oder will). Aber wer das kann, soll early adopten. Ich komme dann schon ein Jahr später, aber das kann ich nur dank der early adopters tun. Ohne sie wäre auch ein Jahr später noch nichts Besseres auf dem Markt als das, das heute schon da ist. Mit Egoismus schadet man mittelfristig sogar sich selbst, nicht nur anderen.
Dem kann ich eigentlich kaum noch was hinzufügen. Sollen die Early Adopters doch gutes Geld dafür bezahlen das sie den Beta Tester geben dürfen, ich kauf den Kram dann wenn er ausgereift ist ;))))
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