Deutsches "Wired": Fühlt sich gut an, strengt sich sehr an

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Endlich ein deutsches "Wired"! Das internationale Kampfblatt der Digitalkultur, Debattentreiber und Vorreiter einer affirmativen Berichterstattung über Technologie, kommt nach Deutschland. Ausgabe eins ist opulent, unterhaltsam, abwechslungsreich - aber auch ein bisschen angestrengt.

Deutsche "Wired"-Ausgabe: Angestrengt, aber auf dem richtigen Weg Zur Großansicht

Deutsche "Wired"-Ausgabe: Angestrengt, aber auf dem richtigen Weg

Es ist schon seltsam, wenn man sich bei einer auf die Welt des Digitalen spezialisierten Publikation als erstes über das Papier freut. Bei der ersten deutschen Ausgabe des Magazinklassikers "Wired" ist das aber so. "Wired" ist auf mattes, handschmeichelndes Papier gedruckt. Man fasst das Heft gerne an.

Wenn man es aufschlägt, erinnert es auch sehr stark ans Original aus den USA und seinen britischen Ableger: Das Layout ist verspielt bis chaotisch, und wenn es auf Papier schon nicht blinken und flackern kann, dann kann man doch wenigstens an jeder zweiten Ecke noch ein kleines grafisches Element plazieren, typografische Spielereien à la M.C. Escher einbauen. Das Heft quillt über vor Fotos und teils zauberhaften Illustrationen, die Aufmachung wechselt häufig von einer Seite zur nächsten.

Um diese Bilderflut stemmen zu können, haben Thomas Knüwer, Chef des vorerst einmaligen Versuchsballons, und sein Art Director Markus Rindermann Zugriff auf den "Wired"-Fundus erhalten. So wird ein Text des IBM-Managers Gunter Dueck über die Frage, ob das Internet unser Gedächtnis zerstört, mit einer Uhrwerk-Grafik illustriert, die schon das Titelblatt der US-Ausgabe zierte - im Juli. Überhaupt werden die in Deutschland zweifellos dünn gesäten Leser der englischsprachigen "Wired" viel wiedererkennen: eine Grafik über die Warenströme des organisierten Verbrechens etwa (vom Februar), eine (sehr kurze) Fotoserie aus dem Inneren von Atomkraftwerken, ein Robo-Staubsauger-Test und diverse von den kleineren Schnipseln, die das Heft zur praktischen Zwischendurchlektüre machen, etwa eine Miniatur mit Erklärgrafiken über drei legendäre Filmstunts.

Digital-Hipster werden nicht allzu viel Neues finden

Dieses Recycling-Prinzip gehört zum Konzept der internationalen "Wired"-Expansion - es zeigt aber auch deutlich, woran die deutsche Erstausgabe ein bisschen leidet: Auf Aktualität kommt es nicht so sehr an. Das ist bei einem Magazin, das sich mit der extrem schnell drehenden digitalen Welt befasst, manchmal ungünstig. So konnte man zum Beispiel schon vor vielen Monaten anderswo lesen ( zum Beispiel hier), dass das Videospiel "Child of Eden" von Tetsuya Mizuguchi ein abstraktes Meisterwerk ist. Echte Digital-Hipster werden im deutschen "Wired" nicht allzu viel Neues finden.

Gleichzeitig vermitteln manche Beiträge der deutschen (Gast-)Autoren den Eindruck, man wolle den Leser nachträglich noch davon überzeugen, dass er sich doch für das hier interessieren müsse - dabei hat er das Heft doch schon gekauft. Da werden das Netz, das Digitale und seine Akteure gepriesen, als gäbe es kein Morgen, als müsse die Debatte um die Auswirkungen der digitalen Revolution nun in dieser einen Ausgabe endlich mal mit schierer argumentativer Masse beendet werden. Gerade die lange Titelstrecke, die den Begriff "Geek" in Deutschland salonfähig machen soll, wirkt zum Teil ermüdend missionarisch.

Längst konvertiert

Dabei ist davon auszugehen, dass die Käufer überwiegend ohnehin längst zum Glauben an die digitale Zukunft konvertiert sind. Dafür kommen einige der porträtierten Vorzeige-Geeks dann doch etwas kurz. Über die Quantenoptikerin Christine Silberhorn etwa erfährt man wenig mehr, als dass sie gerne Quantencomputer entwickeln möchte, und dass dabei irgendwie rote und grüne Laser eine Rolle spielen.

Interessant sind die längeren eigenen Geschichten, eine über das Sex-Network Badoo etwa, oder eine über "Darknets", die dunkleren Ecken des Internets, die man nicht über Google findet und in denen man sogar Gras bestellen kann (mal sehen, ob die Münchner Polizei der Redaktion noch einen Besuch abstattet). Das hat "Wired" immer ausgezeichnet: Die groß und schön aufgeschriebenen, aufwendig recherchierten Reportagen und Features über Themen, die anderswo nicht oder kaum stattfinden.

Nur: Hier sind sie nicht groß aufgeschrieben, sondern klein. Badoo bekommt zwei Seiten Text (dafür aber viele Symbolfotos), die Darknets nur eine. In der Badoo-Geschichte kommt kein einziger Nutzer des Swinger-Netzwerks zu Wort, obwohl einen das doch brennend interessiert hätte, und die Darknet-Geschichte ist schon wieder vorbei, als sie gerade erst angefangen hat. Die längste Geschichte hat auch das langweiligste Thema: die Zukunft des Autofahrens. Aber sie passt zu der sehr aufwendig gemachten, kaum vom redaktionellen Inhalt zu unterscheidenden vierseitigen Autowerbung weiter vorn.

An manchen Stellen, vor allem bei den längeren, aber eben zu kurzen Stücken, merkt man, dass das Heft unter großem Druck entstanden sein muss. Aber das muss ja nicht so bleiben. Wenn die erste Ausgabe läuft, wird das nächste Heft hoffentlich noch etwas ausgeruhter, entspannter daherkommen.

Im Moment liegt das deutsche "Wired" nur der hiesigen Ausgabe des Männermagazins "GQ" bei, was bei manchem Netz-Plauderer schon für Häme gesorgt hat. Aber auch das Mutterschiff hat über 70 Prozent männliche Leser, verriet Conde Nasts Deutschland-Geschäftsführer Moritz von Laffert in einem Interview zum Heftstart. Später soll "Wired" hierzulande auch für 3,80 Euro erhältlich sein. Eine iPad-App gibt es natürlich auch.

Bei aller Kritik am Erstling: Es ist "Wired" und auch Deutschland zu wünschen, dass sich das Heft verkauft, und wer es liest, wird sich gut unterhalten fühlen. Es mangelt hierzulande massiv an genau jener zukunftsbejahenden, technikfreundlichen Berichterstattung, am spielerischen Umgang mit den Möglichkeiten der digitalen Gegenwart, für die "Wired" seit den frühen Neunzigern steht. Und ein so hübsches Heft aus so schönem Papier macht sich auf jedem Großstadt-Couchtisch gut.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. ähm...
Kaworu 08.09.2011
Wäre nicht "à la" richtig?
2. Interaktive Blattkritik
SheephunteR 08.09.2011
Hier gibt es eine, lustige interaktive Blattkritik zum Magazin Wired: http://netzfeuilleton.de/2011/09/wired-die-interaktive-blattkritik/
3. Tomaten auf den Augen
magalishi 08.09.2011
Zitat von sysopEs mangelt hierzulande massiv an genau jener zukunftsbejahenden, technikfreundlichen Berichterstattung, am spielerischen Umgang mit den Möglichkeiten der digitalen Gegenwart, für die "Wired" seit den frühen Neunzigern steht.
Wie bitte?? Vorschlag: Mal rauskommen aus dem redaktionellen Elfenbeinturm und die c't lesen.
4. ...
Las51 08.09.2011
Die Printversion des englischen "Wired" habe ich zwar noch nicht gelesen, dafür bin ich regelmäßiger Gast auf dessen Internetportal. Dort genieße Ich vor allem die fundierten, mehrseitigen Reportagen, die wirklich hervorragend sind. Bleibt zu hoffen dass der deutsche Ableger ähnlich gut wird.
5. Wenn der SPIEGEL nachzieht, ist Wired bald Geschichte
Pressesprecherin 08.09.2011
Zitat von sysopZitat von sysop Es mangelt hierzulande massiv an genau jener zukunftsbejahenden, technikfreundlichen Berichterstattung, am spielerischen Umgang mit den Möglichkeiten der digitalen Gegenwart, für die "Wired" seit den frühen Neunzigern steht.
Nun, laut Wired-Chefredakteur Knüwer ist gerade der SPIEGEL Aushängeschild einer technikFEINDLICHEN Berichterstattung, zumindest was die digitale Netzwelt betrifft. Wenn der SPIEGEL diesen Mangel nun sogar selbst konstatiert - warum stellt er ihn nicht selber ab? Überhaupt: Hätte Wired nicht viel besser zur Spiegel-Gruppe gepasst als zu Condé Nast? Viele Leser würds freuen - dann müsste man zur ersten Wired-Ausgabe auch nicht das - Entschuldigung- "Arsch&Titten"-Heft GQ kaufen. Dann hätts dazu ein richtiges Magazin im Bundle gegeben. Aber ich bin sicher, dass sich der Spiegel, wenn Wired ein Erfolg wird, schnell dranhängt. Vielleicht sogar mit einem eigenen Heft und mit einem wirklich erfahrenen, coolen Chefredakteur?! Ich freu mich schon drauf!
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