Drücken, schütteln, drehen So funktionieren die Handys der Zukunft

Anrufer wegdrücken? Einfach das Handy umdrehen! Die Kamera anmachen? Einfach ein C in die Luft malen! Die nächste Handy-Generation dürfte ganz anders funktionieren, als wir es gewohnt sind. SPIEGEL ONLINE zeigt tolle Innovationen - und hochsensible Telefone mit Rundum-Sensoren.

Aus Barcelona berichtet


Fotostrecke

7  Bilder
Neue Benutzeroberflächen für Handys: Immer in Bewegung
"In diesem Ding steckt alles, was wir bis heute entwickelt haben", sagt Thomas Dockery stolz, als er das Handy namens Fuse in die Hand nimmt. Und er nimmt es vorsichtiger in die Hand, als man Handys normalerweise anfasst.

Denn: "Das ganze Handy ist ein Interface. Fast seine gesamte Oberfläche reagiert auf Berührungen. Selbst die Art, wie ich es halte, hat Einfluss darauf, wie sich das Betriebssystem verhält."

Als er das Handy auf dem Mobile World Congress, der Handy-Messe in Barcelona, ein wenig nach vorne kippt, rutschen die Programmsymbole nach oben. Sie scheinen aus dem Bildschirm zu gleiten und machen so neuen Symbolen Platz. Neigt er das Handy in die entgegengesetzte Richtung, kehrt sich die Flussrichtung um. Die Piktogramme verhalten sich wie Scrabble-Steinchen in einem Topf Gelee.

Im Fuse-Handy, einem handgebauten Prototyp, bewegen sich die virtuellen Gegenstände wegen einer Vielzahl elektronischer Sensoren so flüssig auf dem Bildschirm. Eingebaut ist Dockery zufolge alles, was es im Moment an elektronischen Lagesensoren gibt: ein Beschleunigungsmesser, ein Annäherungssensor und vor allem ein winziges Gyroskop - ein Kreiselinstrument, das auch im Wii-Motion-Plus-Controller neuerer Nintendo-Spielkonsolen die flüssige Digitalisierung menschlicher Bewegungen garantiert.

"Wie ein Touchscreen ohne Bildschirm"

Doch nicht genug, auch die Seitenteile des Gehäuses sind eine Benutzeroberfläche. Streicht man mit Daumen oder Zeigefinger daran entlang, wird der Bildschirminhalt entsprechend verschoben - Scrollen auf intuitive Art.

Auch die Rückseite des Telefons wird zur Benutzerober- respektive -unterfläche. Er funktioniert einfach "wie ein Touchscreen - nur ohne Bildschirm", sagt Dockery. Bewegt man seinen Finger an der Unterseite des Fuse entlang, kann man damit die Elemente auf dem Bildschirm bewegen, auswählen, verschieben.

"Unterface" heißt das, und die Designer des Entwicklerunternehmens Synaptics haben sich schöne Spielereien einfallen lassen. Wenn man die Symbole von der Gerätunterseite aus ansteuert, werden sie optisch etwas angehoben. Das sieht dann ungefähr so aus, als würde man mit seinem Finger unter einer dünnen bemalten Tischdecke entlangfahren.

Informationsüberflutung

Faszinierend - und zugleich schwierig. Beim ersten Ausprobieren des Fuse mache ich haufenweise Fehler. Kaum etwas funktioniert so locker, wie Dockery es eben noch gezeigt hat. Nicht mal eine Telefonnummer kann ich fehlerfrei über die Rückseite eintippen. Dockerys plausible Erklärung: "In diesem Prototyp sind immer alle Sensoren gleichzeitig aktiv." Wenn man das Gerät beim Tippen auf der Rückseite also leicht neigt oder versehentlich über die seitlichen Sensoren streicht, kommt es durcheinander. Es bekommt zu viel Input. Es weiß die Daten nicht korrekt zu interpretieren.

Das könne man in echten Produkten leicht verhindern, sagt der Manager. Das Betriebsystem eines so hochsensiblen Handys müsse ja nicht alle Sensoren parallel benutzen. Und der Hersteller müsse auch nicht alle Technologien einbauen. Noch in diesem Jahr könnte zum Beispiel ein Gerät in den Handel kommen, das zumindest die Touch-Rückseite vom Fuse übernimmt.

Das Testgerät ist eben ein Technologieträger - vergleichbar mit Konzeptautos, mit denen Autohersteller auf Messen zeigen, was sie könnten. Wenn sie nur wollten.

Technik aus dem Spiele-Controller

Ein ähnlicher, nicht so drastisch überzüchteter Technologieträger ist ein Prototyp des US-Unternehmens Invensense. Ein T-Mobile G1, das erste Google-Handy, hat eine Mini-Platine eingepflanzt bekommen, die nicht mal einen halben Daumennagel große ist. Auf ihr stecken wiederum etliche Sensoren, auch ein Gyroskop. Ähnlich wie bei Synaptics werten die Sensoren die Bewegungen des Handys aus. Das Betriebssystem setzt die Messergebnisse in Aktionen und Befehle um.

Beim gezeigten Prototyp funktioniert das auch schon erstaunlich flink. Ein leichter Ruck nach links, und der Inhalt des Bildschirms wird wie ein Würfel gedreht. Die nächste Seite voller Programmsymbole erscheint. Einige Gesten wurden analogen Techniken entlehnt. Will man zum Beispiel einen ankommenden Anruf nicht annehmen, dreht man das Handy einfach um und tut so, als würde man es auflegen. Schon schweigt das Ding.

Schreib Deinen Namen in die Luft

Bestimmte Funktionen lassen sich aufrufen, indem man entsprechende Kurzbefehle in die Luft zeichnet. Ein freihand gezeichnetes "C" zum Beispiel ruft die Kamera auf.

Diese Technik nutzten die Entwickler auch, um eine Handy-Sicherung der besonderen Art einzubauen. So trainiert der Besitzer sein Gerät mit ein paar Übungen darauf, seine in die Luft gemalte Unterschrift zu erkennen. Die dabei aufgezeichneten Bewegungsmuster sind ähnlich individuell wie ein Fingerabdruck. Auf der Messe zumindest ist es niemandem gelungen, dieses Schutzsystem zu überwinden.

Wann das erste Handy mit einer solchen Sicherheitsfunktion ausgerüstet wird, ist noch unklar. Interessenten für die neue Technik soll es geben, Gespräche werden geführt - konkret ist aber nichts.

Das Ein-Daumen-Betriebssystem

Anders beim sPlay von Else. Das in Israel entwickelte Mobiltelefon soll noch in diesem Sommer auf den Markt kommen und wird das erste sein, auf dem die Benutzeroberfläche Else Intuition läuft. Diese wurde von Grund auf neu programmiert, ohne Anleihen bei irgendwelchen existierenden Systemen, sagt Chefentwickler Eldad Eilam. Dieser Ansatz sei enorm wichtig gewesen, weil alle bisherigen Mobiltelefon-Betriebssysteme unvollkommen seien und viel zu technisch. Apples iPhone etwa könne man nur beidhändig bedienen. Android sei zu sehr vom Ingenieursstandpunkt her entwickelt worden. Einzig bei Microsofts neuem Windows Phone 7 Series sieht Eilam gute Ansätze - mag das aber nicht endgültig beurteilen, weil er es noch nicht ausprobiert hat.

Das Ziel war, ein System zu entwickeln, das grundsätzlich mit einer Hand bedient werden kann, eigentlich nur mit dem Daumen. Ansätze in dieser Richtung hatte es schon vor Jahren gegeben - Else jedoch setzt das Konzept der Einhandbedienung erstmals mit einem Touchscreen um.

Die Benutzeroberfläche braucht nur sehr wenig Platz. Man soll den Daumen ja nicht verrenken müssen. Alle wichtigen Bedienelemente sind in einem virtuellen Kranz beweglicher Funktionsfelder vereint, die Titel wie "Phone", "Media" oder "Play" tragen. Wird eines dieser Felder berührt, zieht sich die Oberfläche zurück und gibt einen Kranz weiterer Funktionen frei, die sich auf den zuerst gewählten Oberbegriff beziehen.

Blau macht glücklich, macht es auch erfolgreich?

Das Charmante: Es ist so simpel, wie es sich anhört. Das Konzept muss man nicht lange erklären oder erlernen, es ist logisch.

Irritierend ist nur der weitgehende Verzicht auf Farben bei der Gestaltung der Oberfläche. Blau und Schwarz beherrschen Else derart, das man meinen könnte, einen Monochrom-Bildschirm vor sich zu haben. Das sei durchaus gewollt und von einem Team aus Grafikdesignern lange entwickelt worden, sagt Eilam. Nur über die Farbe habe man sich nicht einigen können. So musste der Chef entscheiden. Das habe zwar nicht allen gepasst, sagt er.

Er selbst sei damit aber glücklich.

insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
leo-minor 18.02.2010
1. Me 45
Ich kann mein altes ME 45 auch druecken, schueteln und drehen. Aber das Beste ist: Ich kann es auch wegschmeißen und es kommt immer wieder zurueck.
taiga, 18.02.2010
2. ---
Wenn ich schon auf dem Inversense das IE-Logo sehe...
Yagharek, 18.02.2010
3. re
Zitat von leo-minorIch kann mein altes ME 45 auch druecken, schueteln und drehen. Aber das Beste ist: Ich kann es auch wegschmeißen und es kommt immer wieder zurueck.
Meins hatte nach 8 Jahren nicht mehr gewollt. Das Handy selber funktioniert noch, aber das Display zeigt nix mehr an, musste mir daher mit wehmut nen neues besorgen. Aber ich bin sehr gespannt auf die Else. Wenn dies in den ersten Test überzeugt, wird dass das erste Handy, für welches ich bereit bin, mehr als 100€ auszugeben. Einfache, schön, schlicht und ein überzeugendes Bedienkonzept. Als krasser Gegensatz dazu habe ich beim Fuse das Grausen bekommen.
buschheuer 18.02.2010
4. Ein echter Experte
"Apples iPhone etwa könne man nur beidhändig bedienen. Android sei zu sehr vom Ingenieursstandpunkt her entwickelt worden. Einzig bei Microsofts neuem Windows Phone 7 Series sieht Eilam gute Ansätze - mag das aber nicht endgültig beurteilen, weil er es noch nicht ausprobiert hat."
Ursprung 18.02.2010
5. Fin derniers cris?
Laeuft da nun so was ab wie die Abkehr vom vermeintlichen Zwang, immer das Neueste haben zu muessen und damit anzugeben? Nun ueberholt also das technisch Moegliche endlich das persoenlich noch Wuenschenswerte! Bei soviel Auswahl von Moeglichkeiten tritt in den Hintergrund, was nun noch Neuestes ist. Nicht aus Gruenden der Einsicht, sondern wegen der Unmoeglichkeit, mit irgend etwas Neuem bei noch irgendwem Eindruck schinden zu koennen! Dann bleibt tatsaechlich nur noch uebrig, jenes Mobiltelefon fuer sich zu finden, welches den persoenlichen taktilen Empfindungen am meisten auf den Leib geschneidert ist. Doch das bedeutet einen ebenso erklecklichen Umsatztboom wie vorher. Denn man muss erstmal ganz viele probieren, bevor man jenes Geraet findet, mit dem man den Naechsten persoenlich am meisten beeindrucken kann. Also nicht mehr derniers cris, sondern produit personnel als Kaufanreiz. Egal, hauptsaechlich kaufen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.