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18. Januar 2013, 13:58 Uhr

"Endgame Syria"

Die zynische Rechnung der Kriegsspiel-Macher

Von Konrad Lischka

Ein Spiel über den Auftstand in Syrien, von britischen Entwicklern: Apple vertreibt das Werk nicht, Medien loben "Endgame Syria" als Anti-Kriegswerk. Das ist Quatsch: Das simple Kartenlegespiel reduziert den Konflikt auf das Auszählen von Punkten.

In dem Spiel "Endgame Syria" schickt man die Rebellen in den Krieg. Der Entwickler Tomas Rawlings will, so schreibt er, mit seinem Gratis-Spiel die "wahre Lage in Syrien" spiegeln. Spiele müssten nicht "frivol und leicht sein", sagt Rawling. Der Entwickler bedient damit ein seit Jahren bemühtes Vorurteil gegenüber seiner Branche, um sein eigenes Werk zu loben: "Ernste Themen" könne man mit Spielen für ein "neues Publikum" aufbereiten. Nun berichten viele Medien über den Entwickler Rawling, weil Apple angeblich den Vertrieb des Spiels abgelehnt hat. Der Konzern hat sich auf Fragen von SPIEGEL ONLINE bis zu Veröffentlichung dieses Artikels nicht geäußert.

Das Spiel "Endgame Syria" zeigt die Probleme vieler sogenannter News Games. Man merkt dem Werk an, dass es von einem kleinen Team binnen gerade mal zwei Wochen entwickelt wurde. Man befehligt als eine Art Oberkommandeur alle Aktionen der Rebellen - als ob es die Rebellen und jemanden mit derart umfassender Macht tatsächlich gäbe.

Kartenlegen gegen das Regime

Aber geschenkt, für ein gutes Spiel muss man zuspitzen und interessante Perspektiven wählen. Die Spielmechanik von "Endgame Syria" ist schlicht: Rundenbasiert spielt man gegen das Regime Karten aus. In den Kampfrunden wählt man vier militärische Einheiten, die gegen vier Einheiten des Regimes kämpfen. In den politischen Runden legt man aus einer geringen Auswahl von Karten zwei gegen das Regime.

Eine Runde läuft zum Beispiel so ab: Ein russischer und ein iranischer Diplomat sprechen sich öffentlich für die Machthaber aus, das bringt dem Regime insgesamt 16 zusätzliche Unterstützungspunkte. Man kann nun mit zwei von vier Karten kontern. Zur Auswahl stehen unter anderem diese Karten: 9 Punkte durch die Anerkennung durch Libyen, 14 Punkte durch öffentliche Zustimmung von französischen Politikern, 10 zusätzliche Unterstützungspunkte durch Spenden von Exil-Syriern. Man wählt durch simples Auszählen der Punkte. Im weiteren Spielverlauf wird es nur wenig komplexer: Man kann statt öffentlicher Aussagen von Diplomaten auch Karten wie Satellitenunterstützung oder Waffenlieferungen der Saudis wählen, die dann in der folgenden Kampfrunde Vorteile bringen.

Killerkommandos gegen Kampfjets

Die Spielmechnik der Kampfrunden ist kaum anspruchsvoller: Das Regime legt vier Einheitenkarten, der Spieler muss vier Karten auswählen, die er dagegen hält. Auch hier zählt man verschieden in Zahlen festgehaltene Fertigkeiten aus: Ein Killerkommando richtet viel Schaden an, ist aber sehr angreifbar und teuer. Bei Artillerie-Angriffen sterben viele Zivilisten, der gegnerischen Einheit wird aber auch viel Schaden zugefügt. Merkwürdigerweise tötet ein Killer-Kommando bei Angriffen ebenso viele Zivilisten wie ein Kriegsflugzeug. Diese Taktik-Runden sind sehr einfach gestaltet, jedes halbwegs anspruchsvolle Brettspiel ist komplexer.

Das Spiel hat einige technische Macken: Manchmal erscheinen Karten nicht, die Schrift ist immer pixelig, sowohl in der kaum lesbaren Webversion, als auch auf einem Android-Tablet. Einmal gelegte Karten kann man nicht verschieben, aber man muss trotzdem das Ende eines Spielzugs eigens noch einmal bestätigen, obwohl keine andere Handlungsoption bleibt.

Der Konflikt ist in fünf Wochen vorbei, 34 Menschen sind gestorben

Sonderlich interessant ist das Spiel nicht. Nach weniger als zehn Minuten ist es durchgespielt, jede Partie verläuft ähnlich: Man beginnt jede Partie in der neunzigsten Woche des Konflikt, 39.000 Menschen, erklärt das Spiel, seien in Syrien gestorben. Unsere Partien endeten so: Friedensabkommen in Woche 96 bei 39.034 Toten, Frieden in Woche 96 bei 39.035 Toten, Frieden in Woche 97 bei 39.045 Toten in Syrien. Einmal lehne ich ein erstes Friedensangebot ab, in Woche 99 sind die Aufständischen besiegt, das Spiel rechnet 39.075 Tote vor.

Die "wahre Lage in Syrien" spiegelt dieses Spiel mit Sicherheit nicht. Der Bürgerkrieg endet nicht binnen weniger Wochen, es sterben mehr Menschen als die 35 oder 75 bei Spielende, und sie sterben mit Sicherheit anders als in "Endgame Syria", wo jeder Tote ein Wert in einem Kartenspiel ist.

Zwischen den Spielzügen liest man immer wieder ein angeblich von Aristoteles stammendes Zitat. Es sei nicht genug, den Krieg zu gewinnen, man müsse auch den Frieden vorbereiten. Davon merkt man diesem simplen Kriegsspiel nichts an. Der Konflikt ist auf das Auszählen von Karten reduziert. Nichts gegen Kartenspiele - es gibt unterhaltsame, aber dazu zählt "Endgame Syria" nicht.

Dafür ist auch ein Thema wie der Bürgerkrieg in Syrien keine Entschuldigung. Wenn man das Medium Computerspiel geeignet dafür hält, solche Themen darzustellen, muss das Spiel auch gut funktionieren. "Endgame Syria" ist ein schlechtes Kartenspiel. Es bekommt so viel Aufmerksamkeit, weil der Entwickler einen aktuellen Konflikt aus den Medien aufgreift.

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