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Erfinder Dyson über Technikärger: "Frust ist ein großartiger Antrieb"

Seine Staubsauger kommen ohne Beutel aus, sein Ventilator ohne Rotorblätter: Der Tüftler James Dyson lässt bei Technik die Ärgernisse weg und hat so eine Milliarde Dollar verdient. SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum es immer wieder neue ärgerliche Technikmacken gibt - und was ihn am iPhone nervt.

Ventilator-Tüftler: Das hat James Dyson erfunden Fotos
SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie sich zuletzt über Technik geärgert, die nicht so funktioniert, wie sie sollte?

Dyson: Zuletzt? (lacht) Das kann ich nicht sagen, ich könnte da Ideen für neue Produkte verraten.

SPIEGEL ONLINE: Sie entwickeln neue Produkte aus Ärger über Fehlfunktionen bei alten?

Dyson: Frustration ist ein großartiger Antrieb. Es gibt Dinge, über die regt man sich richtig auf. Wenn der Staubsaugerbeutel fast voll ist, die Saugkraft nachlässt und man den passenden Ersatzbeutel im Supermarkt unter hundert anderen nicht findet. Da wird man wütend. Aber es gibt auch Designfehler, die man erst nur unterbewusst wahrnimmt. Viele kleine Frustrationen sammeln sich mit der Zeit, weil es nie eine Verbesserung gibt. Und dann wird man sich irgendwann bewusst, dass da etwas nicht richtig funktioniert. Händetrockner sind ein gutes Beispiel dafür.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten trocknen die Hände nicht.

Dyson: Genau. Man steht vor den Warmlufttrocknern, reibt die Hände, aber es passiert zu lange nichts. Das liegt daran, dass diese Trockner das Wasser verdunsten lassen müssen. Das dauert länger, schadet den Händen und verbraucht viel Energie. Es hat Jahre gedauert, bis ich mir bewusst geworden bin, dass mich das ärgert, dass etwas mit diesem Konstruktionsprinzip nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kommt ein Ingenieur auf die bessere Lösung?

Dyson: Experimente, Prototypen, Zufall. Die Idee für den Airblade Händetrockner kam mir und drei Ingenieuren gleichzeitig, als wir an einem Prototypen für ein völlig anderes Produkt arbeiteten. Einer hatte nasse Hände, hielt sie in den starken Luftstrom. Und alle sagten: ein Händetrockner! Den haben wir dann gebaut. Bei Experimenten mit dem sehr schnellen Luftstrom, der das Wasser von den Händen pustet, haben wir in den Modellrechnungen und Versuchen mit Rauch beobachtet, dass der eigentlich sehr dünne Luftstrom in dem Händetrockner erstaunlich viel Luft ansaugen kann. So kamen wir auf die Idee, einen rotorlosen Ventilator zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben da zwei Telefone liegen. iPhone und Blackberry - warum beides?

Dyson: Das iPhone nutze ich am liebsten, um mir Zeichnungen und Pläne anzuschauen. Das Display und die Bedienung sind ideal für diesen Zweck. E-Mails schreibe ich lieber mit dem Blackberry.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie müssen immer zwei Ladegeräte mitnehmen.

Dyson: Stimmt. Leider. Warum haben die keine Solarzellen wie mein Taschenrechner, den ich vor 15 Jahren gekauft habe oder etwas ähnliches?

SPIEGEL ONLINE: Warum gibt es solche Technikärgernisse - ist das billiger, kann man beim Entwickeln nicht alles vorhersehen?

Dyson: Entwicklung bedeutet Kompromisse. Ingenieure entwerfen oft etwas auf einen bestimmten Preis hin. Oder sie müssen sich an strikte Pläne der Auftraggeber halten. Oder sie irren sich einfach.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Unterschied zwischen Ingenieuren und Designern?

Dyson: Gemeinhin gilt jemand als Designer, der entscheidet, wie ein Produkt aussieht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen das anders.

Dyson: Ich halte die Trennung für falsch. Design ist das Ganze: die Technik, die Konstruktion, die Materialien, die Zuverlässigkeit, die Ergonomie, die Freude beim Benutzen des Produkts, die Software. Das ist Design. Das Design bestimmt, was das Produkt letztlich ist. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Design das, was Ingenieure taten. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich dann eine Abweichung von diesem Modell, Design wurde zum Marketing-Instrument. Mit Benutzerfreundlichkeit hatte diese Definition von Design wenig zu tun. Diese künstliche Trennung verschwindet nun langsam wieder.

SPIEGEL ONLINE: Kosten benutzerfreundliche Produkte zwangsläufig mehr?

Dyson: Nicht unbedingt. Natürlich baut man manchmal Komponenten ein, die teurer sind. Aber nur, weil sie die Leistung so sehr steigern oder die Nutzung so sehr vereinfachen, dass es den Aufpreis wert ist. Deshalb halte ich wenig davon, ein Produkt auf einen Preis hin zu entwerfen. Wenn man Benutzbarkeit, Spaß, Haltbarkeit, Zuverlässigkeit opfert, senkt man die Herstellungskosten.

SPIEGEL ONLINE: Bei welchen Produkten akzeptieren Kunden denn solche Einschränkungen, wenn der Preis niedrig genug ist?

Dyson: Das müssen Sie die Kunden fragen. Manchmal sind sie zufrieden, etwas günstig zu erstehen, auch wenn es nur vorgibt, etwas zu tun. Manchmal sehen Menschen den Einkauf als Investition und wollen für ihr Geld etwas haben, das gut und lange und zuverlässig seinen Zweck erfüllt. Ich glaube, es ist nicht immer eine rationale Entscheidung. Wenn ein Produkt Vergnügen bereitet, bezahlen Menschen gern dafür.

SPIEGEL ONLINE: Und woher wissen Sie, was Kunden wollen?

Dyson: Das zu entwerfen, was Menschen wollen, ist nicht der beste Ansatz. Man muss etwas entwickeln, was Menschen wollen werden oder wollen sollten. Das klingt arrogant, aber das ist der Job eines Entwicklers. Kunden wissen nicht unbedingt, was sie wirklich wollen. Bei Staubsaugern zum Beispiel heißt es oft: Wer einen mit hoher Wattzahl kauft, kriegt mit der Kraft die Wohnung richtig sauber.

SPIEGEL ONLINE: So ähnlich wie bei Digitalkameras, wo viele Megapixel angeblich tolle Fotos produzieren.

Dyson: Genau. Die Kunden wollen einen Staubsauger, der ordentlich sauber macht und bekommen erzählt, das hänge davon ab, wie viel Watt der Motor aufnehme. Das stimmt nur nicht so ganz. Egal wie viel Leistung der Motor aufnimmt, je voller der Staubsaugerbeutel ist, umso mehr lässt die Saugkraft nach. Und die Riesenmotoren sind größer, schwerer und sie verbrauchen mehr Strom. Das will ein Kunde ja nicht unbedingt. Wir bauen in unseren Staubsaugern kleinere, leichtere, sparsamere Motoren ein. So ein Schritt ist ein Risiko. Man muss das erklären. Zum Beispiel, dass mehr Watt nicht unbedingt sauberer machen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Produkt, dass Sie unbedingt verbessern wollen …

Dyson: … was ich tun könnte, darüber kann ich nicht sprechen (lacht).

SPIEGEL ONLINE: … aber nicht entwickeln werden?

Dyson: … okay, es gibt Dinge die ich wohl nicht angehen werde: Effizientere Photovoltaikzellen wären toll. Mehr Leistung auf weniger Fläche, so viel, dass man Häuser damit komplett versorgen kann. Das wäre phantastisch. 40 Prozent der Leistung gehen in den Stromleitungen beim Transport verloren. Das ist eine schreckliche Verschwendung.

Welche Technikmacken nerven Sie?

Versteckte Einschaltknöpfe, verschiedene Akku-Größen bei den Handys desselben Herstellers - was ärgert Sie im Alltag an Ihren Gadgets? Schicken Sie uns Ihre Anregungen mit einer kurzen Begründung. Am besten per E-Mail: Klicken Sie hier. Oder teilen Sie Ihre Erfahrungen auf der Facebook-Seite "Fehlfunktionen".

Mehr Alltagsärger mit Fehlfunktionen, technische Hintergründe und absurde Entschuldigungen der Hersteller stehen im SPIEGEL-ONLINE-Buch "Fehlfunktion - Warum Frischhaltefolie nie gerade abreißt und andere Alltagsärgernisse" (Goldmann, 8,95 Euro). Eine kostenlose Leseprobe bietet der Goldmann Verlag an.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
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1. Mich nervt es…
peterbruells 25.05.2010
…das im Artikel nicht steht, was ihn nun am iPhone nervt.
2. Dyson Sauger verlieren nicht an Saugkraft, wenn die Sammelkammer voll ist...
Beobachter!, 25.05.2010
...das stimmt. Aber meines Erachtens auch nur deshalb, weil die Saugkraft sowieso schon viel geringer ist als bei Beutelsaugern. Letzere verlieren an sugkraft, wenn der Beutel voll wird. Dysons haben von Anfang an geringere Saugkraft, die dann auch nicht mehr nachlässt. Tolle Sache das!
3. Lieber James
Peter Kunze 25.05.2010
Zitat von sysopSeine Staubsauger kommen ohne Beutel aus, sein Ventilator ohne Rotorblätter: Der Tüftler James Dyson lässt bei Technik die Ärgernisse weg und hat so eine Milliarde Dollar verdient. SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum es immer wieder neue ärgerliche Technikmacken gibt - und was ihn am iPhone nervt. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,687513,00.html
Tach, Am Dyson-Staubsauger nerven mich zwei Sachen: - Die Lärmpegel insbesondere im über 10 kHz-Bereich - Die Schmutzentleerung findet entweder draussen im Garten statt oder es gibt garantiert Sauerei beim Mülleimer in der Küche ansonsten nettes Gerät Bye Peter
4. tja..
sgift 25.05.2010
Zitat von Beobachter!...das stimmt. Aber meines Erachtens auch nur deshalb, weil die Saugkraft sowieso schon viel geringer ist als bei Beutelsaugern. Letzere verlieren an sugkraft, wenn der Beutel voll wird. Dysons haben von Anfang an geringere Saugkraft, die dann auch nicht mehr nachlässt. Tolle Sache das!
Womit wir bei einer klassischen Designentscheidung sind: Ist es besser wenn ein Produkt vielleicht weniger "Leistung" von Anfang an erbringt oder ist es besser, wenn ein Produkt am Anfang "Topleistung" erbringt, aber mit der Zeit immer schlechter wird? Spontan faellt mir da ein anderes Beispiel ein: Ein frisch installiertes Windows ist durchaus schnell. Wenn man es dann einige Monate benutzt hat wird es langsam. Mir persoenlich sind zuverlaessige Produkte lieber. Ich brauche nicht die tollste, schnellste und "beste" Leistung, wenn ich mich nicht darauf verlassen kann die dauerhaft zu haben. Lieber etwas weniger, das aber auf Dauer. Andere moegen das sicher anders sehen.
5. Die Katzen rennen trotzdem weg.
peterbruells 25.05.2010
Zitat von Beobachter!...das stimmt. Aber meines Erachtens auch nur deshalb, weil die Saugkraft sowieso schon viel geringer ist als bei Beutelsaugern. Letzere verlieren an sugkraft, wenn der Beutel voll wird. Dysons haben von Anfang an geringere Saugkraft, die dann auch nicht mehr nachlässt. Tolle Sache das!
Yep. Dan doch lieber einen Hausstaubsauger. Volle Saugkraft, relativ leise und zwei mal im Jahr entleert man ihn. Die Katzen rennen trotzdem weg.
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Zur Person

James Dyson, 63, ist im britischen Norfolk aufgewachsen, studierte am Royal College of Art in London Möbeldesign und Innenarchitektur. In seinem Abschlussjahr entwarf er das Motorboot "Sea Truck", das vom Bug gesteuert wird und große Lasten schnell transportieren kann (wird heute noch verkauft). Es folgte eine Schubkarre, die anstelle des Rad eine Kugel nutzte.

Der Durchbruch gelang Dyson mit seinem beutellosen Staubsauger, dem Dual Cyclone Anfang der neunziger Jahre. Dyson hielt Produktion und Vertrieb bei seiner eigenen Firma, die Einnahmen finanzierten spätere Entwicklungen wie den stromsparenden, ohne Heißluft allein durch Windgeschwindigkeit arbeitenden Händetrockner Airblade (2008) und den 2010 vorgestellten rotorlosen Ventilator Air Multiplier.

Das US-Magazin "Forbes" schätzte Dysons Vermögen 2009 auf eine Milliarde US-Dollar. Seine Stiftung unterstützt Forschungseinrichtungen, Schulen und Studenten.


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