Zum Tod des Maus-Erfinders Engelbart: Unsere virtuelle Hand

Von

Geschichte der Computermaus: 50 Jahre und kein bisschen überflüssig Fotos

Nichts hat so sehr dazu beigetragen, den PC für jedermann nutzbar zu machen, wie die Computermaus. Am Dienstag starb ihr Erfinder Doug Engelbart: Wird sein Erbe in Zeiten des Touchscreens überleben?

Der Rechner erwacht mit deutlichem Brummen, im Laufwerk sirrt eine schlabbrige Plastikscheibe, von der sich der PC sein Betriebssystem holt. Wenige Minuten später schon erscheint in der obersten linken Ecke des dunklen Bildschirms statt des blinkenden "_" ein grün leuchtendes, einladendes "A:>_".

Es ist 1986, mein IBM PC - CPU-Taktgeschwindigkeit: 4,77 MHz - ist bereit zur Arbeit. Zeit, die Floppy Disk zu wechseln und ein "dir" einzugeben, um das Verzeichnis auszulesen. Die Endungen ".com", ".exe" oder ".bat" signalisieren Programme, die sich aufrufen lassen. Muss man nur finden in der Liste und dann eintippen.

Die Early Adopters der digitalen Welt schwelgen in nostalgischen Gefühlen, wenn sie an solche Szenen denken. Das liegt vor allem daran, dass man Negatives in der Rückschau so gerne verdrängt: In Wahrheit war die Arbeit am Computer damals eine mühselige Geheimwissenschaft, die den meisten Menschen verschlossen blieb. Sie war langsam und umständlich und ganz und gar unsinnlich. Geändert hat das erst die Maus. Sie wurde zur Schnittstelle zwischen menschlicher Sinneserfahrung und digitalem Raum. Sie ließ uns mit der Hand hineingreifen ins Digitale - und das konnte bald jeder.

Der Erfinder des kleinen Zeige- und Kontrollgerätes war Douglas Engelbart, der am 2. Juli 2013 verstarb. 1963 war das, vor 50 Jahren. Mehr als zwei Jahrzehnte vergingen, bis seine Entwicklung überhaupt relevant wurde.

Erst als Apple und IBM Anfang der achtziger Jahre erste grafische Benutzeroberflächen für Personal Computer veröffentlichten, wurde die Maus zum Kontrollgerät der Wahl. Die zunächst unnatürliche Bewegung auf der Horizontale des Maus-Pads, der ein "Cursor" in der Vertikale des Monitors folgte, ging Millionen und nach einigen Jahren Milliarden von Menschen in Fleisch und Blut über.

So einfach das Konstrukt Maus auch sein mag, seine Rolle bei der Durchsetzung des Computers als Massenmedium kann nicht überschätzt werden. Der Computer der Kommandozeile war ein Expertengerät. Der mit Mäusen gesteuerte Rechner war für jedermann. So mancher tobte sich in Freizeit und Beruf so ausgiebig damit aus, dass körperliche Schädigungen die Folge waren. Die Maus öffnete den Weg nach Digitalien, aber sie bescherte uns auch Mausarme und eine Häufung von Sehnenscheidenentzündungen und Karpaltunnelsyndromen.

Ist die Zeit der Maus vorbei?

Inzwischen halten sie viele für ein Auslaufmodell. Der Tablet PC hat einen Siegeszug des Touchscreen eingeläutet. Statt mit der Maus zu fuhrwerken, tappst und schmiert man heute mit dem Finger direkt auf dem Bildschirm herum. Das ist noch einfacher und direkter und sogar für Schimpansen gut machbar - aber es ist auch (und nicht nur wegen der Fettschmierer auf dem Glas!) eine grobe Methode.

Für einen Abgesang auf die Maus ist es schon deshalb zu früh. Auch für unsere Schnittstellen zum Computer gilt ein alter Designer-Lehrsatz: Form follows function. Die Art und Gestalt der Schnittstelle ist abhängig davon, wofür wir sie nutzen wollen.

In dieser Hinsicht ist der Touchscreen für noch weit mehr Dinge untauglich, als dies die Maus schon war. Es ist ja kein Zufall, dass man Kalligrafie nicht mit Fingerfarben betreibt. Auch schon die Maus kam spätestens dann an ihre Grenzen, wenn es filigran wurde. Wenn wir beispielsweise am Bildschirm nicht nur Funktionen aufrufen, sondern virtuelle Objekte frei manipulieren wollten: Haben Sie mal versucht, mit Hilfe Ihrer Maus etwas zu unterschreiben?

Das klappte so wenig wie Zeichnen oder freies grafisches Bearbeiten. Für solche Funktionen war und ist das Grafik-Tablet mit Stiftsteuerung weit geeigneter. Bei vielen alten Spielen war hingegen der Joystick so überlegen wie heute der Game-Controller, bei einigen aktuellen braucht man nach wie vor die Maus, und bis in unsere Tage schwören zahlreiche IT-affine Menschen auf die Schnelligkeit von Kurzbefehl und Kommandozeile, wenn es um die Bedienung des PC geht. Verschiedene Nutzer brauchen eben unterschiedliche Schnittstellen zur Bedienung des Rechners, wie auch immer der wieder aussieht. Und die meisten brauchen weiter - zumindest im Berufsleben - die Maus.

Man darf also davon ausgehen, dass Doug Engelbart eine Erfindung hinterlassen hat, deren Zeit so schnell nicht ablaufen wird. Es kommt nur darauf an, wer da einen PC zu welchem Zweck nutzt: Die Maus hat eine Karriere von der Nische in den Mainstream gemacht, jetzt geht es zurück in die Nische - allerdings eine von gehöriger Größe. Denn für viele Anwendungen wird die Maus auf absehbare Zeit das Kontrollgerät der Wahl bleiben - die fast punktgenaue virtuelle Verlängerung unserer Hand ins Digitale.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Narn 04.07.2013
Zitat von sysopNichts hat so sehr dazu beigetragen, den PC für jedermann nutzbar zu machen, wie die Computermaus. Am Dienstag starb ihr Erfinder Doug Engelbart: Wird sein Erbe in Zeiten des Touchscreens überleben? Erfinder Engelbart: Die Computermaus ist kein Auslaufmodell - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/erfinder-engelbart-die-computermaus-ist-kein-auslaufmodell-a-909427.html)
Klar!!! Ich will doch keine Fettbratzen auf meinen Bildschirm!
2. Ja, sie lebt noch...
ks82 04.07.2013
Ob die Präzision einer Maus auf einem Touchscreen jemals erreicht werden könnte, schaut man sich die Wurstfinger von manchen Menschen an, wage ich vorsichtig zu bezweifeln
3. dünne
2beaucoup 04.07.2013
Engelbart auf die Erfindung der Maus zu reduzieren, wird ihm bei weitem nicht gerecht. Bret Victor hat es besser augedrückt als ich es je könnte: http://worrydream.com/Engelbart/
4.
kaitou1412 04.07.2013
Telefunken hat die Maus erfunden!
5. Die Maus auf dem Schreibtisch
shinobi42 04.07.2013
Ich erinnere mich noch gut an meine allererste Genius-Maus, die noch mit einem Holster ausgeliefert wurde, damit man sie bei Nichtgebrauch an seinen Monitor hängen konnte. Sie war noch richtig schön kantig und wurde noch an die serielle Schnittstelle angeschlossen. Besonders schön war, als mein kleiner Bruder meiner Mutter mitteilte, dass ich eine Maus auf dem Schreibtisch hätte und damit eine mittlere Panik auslöste ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gadgets
RSS
alles zum Thema PC
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 28 Kommentare
  • Zur Startseite

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher
    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    Kindle Edition: 1,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.