Bildkritik von fokussiert.com Drei Profi-Tipps für bessere Fotos

Blickrichtung beachten, Tonwertkorrektur anpassen, das richtige Objektive wählen: Mit wenigen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert.


Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren Profi-Fotografen regelmäßig herausragende, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine gekürzte Auswahl dieser Bildkritiken.

1. RAUMTIEFE UND BEWEGUNG

Ausgangsbild: Panasonic DMC-GF1 mit Samyang 7.5mm f/3,5 Fisheye
Sebastian Milczanowski

Ausgangsbild: Panasonic DMC-GF1 mit Samyang 7.5mm f/3,5 Fisheye

Kommentar des Fotografen Sebastian Milczanowski:

Das Bild ist im November 2011 in der Roosevelt Island Tramway entstanden. Dieses Stück New Yorker Geschichte ist vergleichsweise unbekannt und schwer in einem Bild festzuhalten. Ich hab den Zeitpunkt abgepasst in dem die gegenüberliegende Gondel vorbeikommt und das ganze mit einem Fisheye festgehalten um möglichst viel New York einzufangen. Anfangs hat mich die Spiegelung gestört, aber nach der Auswertung am Computer glaube ich heute, dass dieser Effekt ein wichtiger Bestandteil des Bildes ist.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Bei der Komposition lassen sich statische und dynamische Elemente beschreiben. Statisch sind die das Motiv tragenden und einrahmenden Elemente. Sie sind zum Fluchtpunkt hin zunehmend gerade und enger gestaffelt. Das verstärkt den Eindruck der Raumtiefe.

Komposition: Statische Elemente
Sebastian Milczanowski

Komposition: Statische Elemente

Die dynamische Elemente (die in rot gehaltenen Fluchtlinien) verstärken diesen Tiefeneindruck. Alles ist auf den in blau gehaltenen Fluchtpunkt ausgelegt, der sich zwischen Bildmitte und Goldenem Schnitt befindet. Ein für den Bewegungscharakter entscheidendes Element stellt schließlich noch die gelb markierte, gegenläufige Gondel dar.

Komposition: Dynamische Elemente
Sebastian Milczanowski

Komposition: Dynamische Elemente

Das ist eine sehr gelungene Arbeit. Das Zusammenspiel von bogenförmigen und geraden Elementen, Schärfeverlauf und Komplementärkontrast simuliert den Tiefeneindruck und das Bewegungsmoment auf phantastische Weise. Auch die Verwendung des sehr speziellen Objektivs ist hier zweifelsohne richtig. Denn ein nicht verzeichnendes Normalobjektiv hätte jene Dynamik der Szene kaum abbilden können.

Eine milde Kritik möchte ich im Sinne jener Unentschiedenheit der Fluchtpunktanlage äußern - dieser kann sich nicht recht zwischen Mitte und Goldenem Schnitt entscheiden. Ich finde das Bild ein klein wenig flau und dunkel geraten, hier könnte eine Anhebung des Mitteltonkontrasts um zehn Einheiten (im Instrument "Tiefen/Lichter") und der Gesamthelligkeit um etwa eine Viertel Zone Abhilfe schaffen.

Überarbeitung: Auffrischung des Bildeindrucks
Sebastian Milczanowski

Überarbeitung: Auffrischung des Bildeindrucks

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2. KOMPOSITION

Ausgangsbild: Canon SX20, 129 mm, f/4,5, 1/400 Sekunde, ISO 160
Hans Müller

Ausgangsbild: Canon SX20, 129 mm, f/4,5, 1/400 Sekunde, ISO 160

Kommentar des Fotografen Hans Müller:

Ich ging durch den Park, hatte den Teich mit der schönen Treppe im Auge. Als ich die zwei Kinder kommen sah, brauchte ich nur zu warten, bis sie an der für mich richtigen Stelle waren. Ausschnitt gewählt und mit Tonwertkorrektur und Tiefen/Lichter verbessert.

Profi Thomas Brotzler zum Foto:

Eine Parkszene empfängt den Betrachter. Er sieht zwei kleine Mädchen in Rückenansicht, mittig platziert und dem Bogen eines angelegten Teiches vor dem Hintergrund einer breiten Steintreppe folgend.

Grundgerüst und Problembereiche: Der Vordergrund erscheint leer
Hans Müller

Grundgerüst und Problembereiche: Der Vordergrund erscheint leer

Besagter Bogen beginnt etwa im Viertel des rechten Bildrandes, zieht sanft ansteigend quer über das Bild nach links, um dann in der Mitte des linken Bildrandes fast anzustoßen. Er setzt die Bewegung im sanften Anstieg nach rechts fort, um dann in eine Treppe überzugehen, welche die Bewegung aufnimmt und am rechten oberen Bildrand enden lässt. So knapp bemessen der Abstand zur Mitte des linken Bildrandes und zum rechten oberen Bildrand ist, so weitläufig und leer erscheint im Vergleich der Bereich des Vordergrundes, insbesondere links unten.

Der gestalterische Ansatz ist gut: Teichbogen und Brücke sind die Bühne des Bildes, der Fotograf hat auf geeignete Protagonisten gewartet, um die Szenerie zu beleben.

Der Hintergrund ist nicht optimal eingestellt, zu wenig Raum ist nach links und nach oben, zu viel nach unten, zudem konterkariert die Blickführung mit dem menschlichen Blickschema von links unten nach rechts oben.

Ein alternativer Ansatz hätte sein können, die Mädchen in die vom Hintergrund vorgegebene Bewegung einzubinden und sie zueinander etwas versetzt an den Anfang zu setzen.

Alternativeplatzierung: So würden die Protagonisten am Anfang der Blickbewegung stehen
Hans Müller

Alternativeplatzierung: So würden die Protagonisten am Anfang der Blickbewegung stehen

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3. PORTRÄT

Ausgangsbild: Nikon D90, AF-S Nikkor 50 mm f/2,2, 1/800, ISO 320
Maike Frisch

Ausgangsbild: Nikon D90, AF-S Nikkor 50 mm f/2,2, 1/800, ISO 320

Kommentar der Fotografin Maike Frisch:

Ich wundere mich immer noch, was Joel gerade in diesem Moment denkt. Er zieht mich damit vollständig in den Bann. Er scheint in seiner eigenen Welt versunken, strahlt dabei aber mit seinen sieben Jahren eine unglaubliche Selbstsicherheit aus. Auf emotionaler Ebene bewegt mich diese Aufnahme sehr, weil Joel mir völlig vertraut. Ich (bzw. mein Mann und ich, wir fotografieren meist zu zweit) fotografiere Kinder nicht im Studio, sondern nur draußen in der Natur oder in ihrem eigenen Umfeld. Dieses Foto entstand an einem Samstagnachmittag in Puerto de la Cruz, an dem Joel mit seinem Großvater den Nachmittag am Hafen verbrachte. Es wurde geangelt, geschwommen. Wir waren nur Beiwerk und agierten nebenher.

Sehr reizvoll stellt auch der vierstufige Schärfeverlauf mit seinem Maximum in der Augen- und Nasenpartie (und in seiner größten Ausprägung klassisch-professionell auf dem betrachternahen Auge liegend), einer weichen Schärfeanmutung in der Mund- und Kinnpartie, einem zunehmenden Unschärfe im Schulterbereich und schließlich einer (das ansehnliche Bokeh markierenden) maximalen Unschärfe im Hintergrund. Auf kleinem Raum wird dadurch ein enormer Tiefeneindruck geschaffen.

Schärfeverlauf: Maximum in der Augen- und Nasenpartie
Maike Frisch

Schärfeverlauf: Maximum in der Augen- und Nasenpartie

Der Gesichtsausdruck des Jungen wirkt verschmitzt, der Blick zugleich nachdenklich und etwas verträumt. Die Blickrichtung zeigt nach links aus dem Bild heraus, sie stellt sich unserer Sehrichtung nach klassischer Kompositionslehre entgegen und scheint uns fast auszuweichen. Ein Eindruck von Unverbundenheit zwischen dem Fotografierten und der Fotografierenden entsteht dadurch freilich nicht, es erscheint vielmehr wie ein Ausdruck stillen und freundlichen Einvernehmens, welches für den Augenblick auch ohne Blickkontakt und Worte auskommt.

Diese Arbeit vereint alle Elemente einer gelungenen, auf den Charakter des Abgebildeten sowie die Besonderheit des Augenblicks hinweisenden Porträtfotografie. Das Bild ist meilenweit von totgeblitzten Dokumentations-, Erinnerungs- oder Passbildern mit Kaninchenaugen und Frankenstein-Teint entfernt.

Der Bildeindruck ist insgesamt etwas flau und die Spanne des Histogramms nicht ausgeschöpft. Manchmal unterstützt eine gewisse Kontrastarmut den Gesamteindruck. Was bei einer Anhebung des Mitteltonkontrasts unter Aussparung des Hintergrundes bei einem vorsichtigen Abwedeln der Augenpartie herauskommen könnte, zeigt das untenstehende Bild. Dieses ist ein wenig akzentuiert - alle Graduierungen zwischen dieser Version und dem Ausgangsbild sind möglich.

Maike Frisch

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Seite 1
bernardinho 05.08.2013
1. Was
soll das? Gibt es keine Fotografen mehr, die eatwas zu sagen haben? Nicht in der Szene oder auf dem Markt, mit ihren Bildern. Die ersten beiden Bildchen sind gut für den Eimer. Joel geht durch, doch auch hier: dieser aufgemotzte Kommentar, was der Junge wohl gedacht hat. Meine Güte, ist ja gut. Die Karawane der anspruchslosen Fotografen zieht weiter. Wir, die zurückbleiben, schauen interessiert auf das Leben in der Wüste.
Zauberlehrling 05.08.2013
2. Bei dem Park-Bild…
…hätte ich ein wenig weiter nach oben geschwenkt. Zuviel von dem völlig uninteressanten Sandboden, der fast das ganze untere Drittel des Fotos ausfüllt. Und wer schleppt schon ein Fisheye-Objetiv mit sich rum?! Der aufdringliche Effekt samt der schrecklichen und unnatürlichen Verzerrungen wird einem bald zuviel, wirkt nur selten gut. Dafür lohnt sich nicht die Anschaffung eines solchen Scherbens. Wer "mehr Inhalt" auf ein Foto bringen möchte, sollte in dem Fall lieber zu Panoramas greifen. (Mehrere Fotos aufnehmen und "stitchen".) Zugegeben: Nicht ganz einfach, wenn man sich in Fahrzeugen aufhält, oder bewegte Objekte einfängt, aber mit ein bisschen Erfahrung (und guter Panorama-Software) geht auch das. Es gibt nicht nur die klassischen Horizontal-Panoramas, sondern man kann beliebige Anordnungen der einzelnen Fotos zusammensetzen, sodass das Ergebnis auch quadratisch sein mag.
Zauberlehrling 05.08.2013
3. Und beim Portrait…
…wird eine uralte, aber immer noch gültige Regel gebrochen. Blickt die abgebildete Person nach links, gehört sie in die rechte Bildhälfte, oder maximal leicht rechts von der Mitte. Alles andere sieht aus wie ein schlecht komponierter Schnappschuss und möchte dem Betrachter bestenfalls so etwas wie eine dynamisch-künstlerische Note aufoktroyieren; das klappt hier nicht.
gerhard berlin 05.08.2013
4. Profi Tipps?
Zitat von sysopSebastian Milczanowski Blickrichtung beachten, Tonwertkorrektur anpassen, das richtige Objektive wählen: Mit wenigen Handgriffen werden Fotos noch etwas besser. Profis vom Fachblog fokussiert.com zeigen an drei Beispielen, wie man Fotos durch Bildbearbeitung verbessert. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/fokussiert-com-drei-profi-tipps-fuer-bessere-fotos-a-914475.html
Das Portraitfoto ist kein gutes Beispiel für eine Bildverbesserung. Eher ein Beispiel dafür, dass jemand mit Photoshop nicht wirklich umgehen kann. Es sieht aus, als hätte die Fotografin bei der Tonwertkorrektur mal schnell auf »automatisch« geklickt. Es gibt Stellen in dem Bild, z. B. auf der Nasenspitze, ohne Grau-/Farbanteile (0%). Ein Loch also – das wäre einem Profi niemals passiert. Und warum ist das Schwarz-Weiß-Foto immer noch im RGB-Modus verblieben? Ein Foto in dieser Form zu »bearbeiten« hätte mich eine Minute Arbeit gekostet. Wenn man das Bild schon nachbearbeitet, dann hätte ich die Hautunreinheiten auf der Wange und der Stirn entfernt und nicht durch die automatische Tonwertkorrektur geradezu betont.
datsenfdöppche 05.08.2013
5. Ich knipse, also bin ich.
Aber ist das erste Bild wirklich ein reales Foto mit Fischaugenoptik. Es erinnert mich verdammt an die superrealistisch gemalten Stadtpanoramen eines Richard Estés. Soo scharf und farbenfroh ist selten eine Landschaftsfotografie. Was das Kinderprtrait am Schluß angeht, es ist nichtssagend. Daran können auch Tonwertkorrekturen und sonstige Tricks mit Photoshop und dergleichen nichts ändern. Nach wie vor gilt auch hier: das Knipsen selbst ist die Kunst, die man als Fotograph, ob Profi oder Amateur beherrschen muß. Alles andere ist nur Retousche und Manipulation.
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