Bildmontagen im Netz "Hallo James, könntest du meinen Ehemann rasieren?"

Weniger Bart, längere Beine: Ein Photoshop-Künstler verschönert Bilder nach dem Wunsch von Nutzern. Seine fiesen Foto-Fakes sind ein Hit im Internet - doch schon manche Einreichungen sind gefälscht.

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Eigentlich könnten Franny und ihr Ehemann zufrieden sein mit ihrem Selfie. Beide lächeln glücklich in die Kamera, die Sonne spiegelt sich in den Gläsern der Sonnenbrille. Doch Franny aus den Niederlanden stört etwas an dem Foto. Und zwar der Vollbart ihres Ehemannes. Ein Fall für James Fridman.

Der Photoshop-Künstler hat sich darauf spezialisiert, kostenlos die Fotos von Twitter-Nutzern zu verschönern. Auf Anfrage schnappt er sich die Bilder und setzt die Wünsche seiner Kunden um. Allerdings verändert er die Fotos nicht immer so, wie der Einsender sich das vorgestellt hat. Franny schreibt in ihrer Bestellung bei Twitter: "Hallo James, ich liebe deine Arbeit! Könntest du meinen Ehemann rasieren?"

Fridman kümmert sich darum. "Erledigt", kommentiert er den angeforderten Foto-Fake. Doch der Ehemann von Franny sieht nun etwas anders aus. Er hat keine Haare mehr im Gesicht auf dem Foto - denn Fridman hat seinen Kopf durch ein geschrumpftes Babyface mit Pausbäckchen ersetzt.

Nur etwas mehr als 20 Fotos hat der Photoshop-Troll James Fridman mit seiner höhnischen Art bearbeitet und ins Netz gestellt. Seine Fanschar mutet angesichts dieser geringen Zahl an Fotos schon jetzt riesig an: Mehr als 30.000 Nutzer haben seine Facebook-Seite abonniert, bei Twitter hat er mehr als 130.000 Follower. Hunderte "Gefällt mir"-Angaben kassiert er für jedes neue Bild, seine Kurznachrichten werden tausendfach retweetet. Ob er sich angesichts von nur 26 Tweets nicht doch auch ein paar Follower gekauft hat, sagt er nicht.

Die Anfragen sind gefälscht, zumindest teilweise

Überhaupt findet sich zu dem Künstler mit den Photoshop-Fakes außer seiner Webseite wenig im Netz. Ist auch sein Projekt ein Fake? Sicher ist: Auf jeden Fall haben ein paar besonders plakative Einreichungen das Projekt bekannt gemacht, bei denen es sich um gefälschte Anfragen handelt.

Auf einem Bild etwa ist eine Frau im roten Bikini an einem Strand zu sehen, neben ihr ein Mann, der sich nach ihr umdreht. Eine Nutzerin mit dem Namen SusannaT schreibt bei Twitter: "Kannst du bitte dafür sorgen, dass mein Vater in die andere Richtung schaut, das ist ein bisschen peinlich." Fridman erledigt den Auftrag und dreht den Kopf des Mannes per Photoshop wie bei einer Eule nach hinten. Das sieht ziemlich skurril aus und wird von seinen Fans bejubelt. Aber: Das Bild zeigt nicht SusannaT, sondern die britische Schauspielerin Jennifer Metcalfe.

Fridman sagt, er kann die Quellen nicht prüfen

Die Nutzerin hat sich bei diesem Foto offenbar einfach im Netz bedient und vorgetäuscht, selbst auf dem Bild über den Strand zu spazieren - oder Fridman hat sich seine schönsten Photoshop-Aufträge einfach selbst gegeben. Das Profil von SusannaT jedenfalls existiert nicht mehr.

Auf die Unstimmigkeiten angesprochen, sagte Fridman: "Hunderte Anfragen werden täglich an mich verschickt, es ist unmöglich, die Herkunft zurückzuverfolgen und die Quelle zu prüfen." Angesichts von bisher nur rund 20 Bearbeitungen wäre aber wohl kaum ein unüberschaubarer Arbeitsaufwand entstanden.

Fridman sagt trotzdem, dass er sich auf die Angaben der Nutzer verlassen müsse. "Wenn mir jemand ein Bild von Königin Elizabeth I. schickt, dann würde ich das ziemlich sicher erkennen", sagt der Künstler. "Aber ich hatte keine Ahnung, wer diese Frau im roten Badedress war, bis ich sie bei Twitter gepostet habe."

Angst vor Abmahnungen hat Fridman offenbar

Dass Fridman sich mit dieser lockeren Einstellung rechtlich auf gefährlichem Terrain bewegt, ist ihm offenbar klar. Manche Fotos stammen aus dem Archiv von Agenturen und Stockfoto-Anbietern, wie im Fall von SusannaT.

Um sich vor Abmahnungen zu schützen, hat sich der Photoshop-Künstler auf seiner Seite mit Geschäftsbedingungen abzusichern versucht. Wer eine Fridman-Behandlung anfordert, der muss zunächst zustimmen, dass der Künstler die Bilder "bearbeiten, kopieren, ausstellen, veröffentlichen und verteilen" darf. Er schreibt: "Schickt keine persönlichen Bilder, von denen ihr nicht wollt, dass sie veröffentlicht werden."

Dass er auch schon mal geklaute Bilder bearbeitet hat, bringt Fridman indes nicht von seinem Projekt ab. Regelmäßig veröffentlicht er neue Foto-Bearbeitungen. Sein Spezialgebiet: Schönheitsoperationen. Soll der Po größer werden, dann füllt der Hintern nach der Photoshop-Bearbeitung fast das ganze Bild aus. Längere Beine? Kein Problem. Fridman zieht die Beine einfach so lang, bis sie aussehen wie Stelzen.

Wer aussehen will wie ein US-Star, der wird in den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump verwandelt. Die Anfragen, die Fridman von seinen Fans bekommen will, sind dabei auffällig häufig eine Steilvorlage für wilde Bearbeitungen, die den eigentlichen Auftrag ins Groteske ziehen.

Haben die Nutzer Fridmans Spiel verstanden und wollen mitspielen? Oder hat da nur einer, Fridman, verstanden, welche Art von Inhalten besonders gern in sozialen Netzwerken geteilt werden?

Nur in einem Fall hat der Künstler bisher eine Ausnahme gemacht. Als ein Mädchen ihn anschreibt mit der Bitte, die Haare am Rechner blond zu färben und die Lippen fülliger zu machen, um auszusehen wie das US-Model Kim Kardashian, verzichtet Fridman auf eine bissige Bearbeitung.

Er postet das unbearbeitete Foto und schreibt dazu: "Du bist schön. Es gibt keinen Grund, den Kardashian-Look anzustreben."



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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
bauausdo 30.03.2016
1. Relevanz?
Ich frage mich, ob etwas zu einer Nachricht wird, weil es im Netz passiert. Vor 20 Jahren hätte ich das verstanden. Da gibt es also jemanden, der sich wahrscheinlich selbst Bilder schickt, die er dann bearbeitet. Nun, ja: Photoshop gibt es ja nun schon ein bisschen. Der "Hype" im Netz ist so riesig, dass den Mann hier ja wohl noch niemand kennt. Wo ist die Relevanz? Sind Dinge im Netz automatisch relevanter, weil niemand für die Recherche den Schreibtisch verlassen muss? Wo sind vergleichbare Artikel über Künstler, die analog arbeiten und die auch keiner kennt? Nicht in "Netzwelt", aber in Kultur?
jhea 30.03.2016
2. Who cares?
Diese Photoshoptrolle sind nun kein neues Phänomen und er ist sicher nicht der erste. seit mehr als 5 Jahren lache ich persönlich jetzt schon über die Photoshoptrolle die zumeist aus China stammen. Von daher...?
wanderer777 30.03.2016
3.
Trotzdem tut es gut, auch mal über etwas harmloses zu lesen, anstatt nur über Männer, die Menschen umbringen. Von dem her völlig ok.
stranzjoseffrauss 30.03.2016
4. SPON auch nicht up-to-date
Diese Info schwirrte schon vor Ostern im Netz. Warum SPON jetzt damit um die Ecke kommt ist rätselhaft. Noch rätselhafter ist allerdings warum mein erster gleichlautender Kommentar dazu gelöscht wurde. Gegen welche Netiquette wurde verstossen?
s.4mcro 30.03.2016
5. paradox
Warum einen Artikel in Frage stellen, wenn er doch so viel bewirkt, dass man ihn liest und kommentiert?! Das Internet verursacht wirklich schizophrene Verhaltensweisen...
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