Fototipps für Nachtaufnahmen Die Farben des Hamburger Hafens

Dank der Digitaltechnik ist es leichter geworden, ausdrucksstarke Nachtfotos zu machen. Unser Beispiel zeigt, wie manche Aufnahme durch das Spiel mit den Farben noch beeindruckender wird.

Von "fokussiert"-Autor


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Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

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Der Hamburger Hafen am Abend: Ein Farben-Kaleidoskop. Nikon D750 13s bei Blende 9 mit 48mm Brennweite und ISO 80
Birgit Müller/ fokussiert.com

Der Hamburger Hafen am Abend: Ein Farben-Kaleidoskop. Nikon D750 13s bei Blende 9 mit 48mm Brennweite und ISO 80

Birgit Müller aus Wilhelmshaven: Dieses Bild entstand von der Plaza der Elbphilharmonie aus und zeigt den Hamburger Hafen nach Sonnenuntergang. Ich wollte hier die Lichter der Stadt ebenso einfangen wie das Treiben am Hafen. Zur Bearbeitung wurden von mir in der Raw-Entwicklung die Farben, Lichter und Kontraste etwas angepasst. Durch die Langzeitbelichtung vermittelt das Bild für mich Ruhe und zeigt trotzdem, wie viel Leben in dieser Stadt steckt.

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Nachts sind keineswegs alle Katzen grau - heute weniger denn je. Deswegen liegt ein großer Reiz der digitalen Nachtfotografie in den Farben, die zu dieser Zeit mit höchstem Kontrast eingefangen werden können.

Wir sehen in dieser farbigen Nachtaufnahme den Hafen und die Skyline Hamburgs vor einem roten Abendhimmel, wohl rund eine Stunde nach Sonnenuntergang. Das Hafenbecken erstreckt sich vom linken unteren Bildrand in der Diagonalen nach rechts oben und nimmt ungefähr die Hälfte des Bildausschnitts ein; im Bildzentrum liegen einige Schiffe an zwei Piers.

Der untere rechte Bildteil wird von einem weiteren Pier und dem Bug eines Schiffs im halbdunkel bestritten, von rechts zieht sich eine Skyline des Hafenviertels nach links oben. Darüber liegt ein von verwischten, da ziehenden Schleierwolken bedeckter Himmel in einem Verlauf von graublau bis tiefrot am Horizont.

Als Blickfang fungiert im Bildzentrum das blaue, sich im Wasser spiegelnde Licht eines Salon-Raddampfers, hinter dem ein weiteres Schiff ähnlicher Bauweise liegt. Am Pier links davon ist ein weiteres Exemplar zu sehen, das aber unbeleuchtet ist.

Birgit Müller/ fokussiert.com

Die eingesetzte Technik scheint mir sinnvoll und gut gewählt: Eine Brennweite von 48mm an der Vollformatkamera entspricht ungefähr dem menschlichen Sehen und vermeidet Verzerrungen. Die Blende 9 liegt in einem Mittelfeld, wo gerade bei Teleobjektiven wie dem hier verwandten Teleobjektiv Tamron 24-70mm die Schärfe gegeben ist.

Teleobjektive gehen bei der Schärfe vielfach Kompromisse ein, die vor allem bei sehr weit geschlossener Blende auftreten: Die größte durchgehende Schärfe liegt deshalb vielfach nicht bei der kleinsten Blende, sondern etwas davor. Die hyperfokale Distanz sorgt dafür, dass wir trotzdem Aufnahmen ohne Tiefen-Unschärfe erhalten. ISO 80 haben Sie gewählt, um das geringstmögliche Rauschen und zugleich eine längere Belichtungszeit zu erhalten. Das wirkt alles wohlüberlegt und hat gut funktioniert.

Was diese Aufnahme von anderen abhebt, ist zweifellos das Spiel der Farben. Nachtaufnahmen tendieren dazu, durch die Mischung der durchaus sehr verschiedenfarbigen Lichtpunkte einen eintönigen, meist gelben Farbstich zu erhalten, der durch den starken Kontrast zum dunklen Schatten verstärkt wird.

Dem wirkt heute eine technische Entwicklung stark entgegen: Während nämlich die Straßen und Städte bisher vor allem mit Natriumdampflampen und deren typischem Gelb beleuchtet wurden, kommen jetzt vermehrt grell weiße Halogen- und in allen erdenklichen Farben schimmernde LED-Beleuchtungen zum Einsatz. Kurz gesagt: Das Lichtermeer einer Stadt wird bunter. Hier findet sich ein spannender, allerdings englischsprachiger Artikel dazu.

Das ändert nichts am Problem, dass eine Aufnahme aus größerer Distanz zu einer Mischung der vielen Lichtpunkte führt und damit das Setzen von Akzenten erschwert.

Ihre Aufnahme dagegen profitiert von sechs Zonen sehr starker Farbdominanz, die zweifellos vor Ort vorhanden waren, die Sie aber wahrscheinlich per Adobe Lightroom noch weiter herausgearbeitet haben. Dabei handelt es sich bemerkenswerter Weise um die drei Primärfarben Blau, Gelb und Rot.

Birgit Müller/ fokussiert.com

Was hier in der grafischen Umsetzung sofort auffällt, ist die Redundanz der drei Farben im Himmel: Was Stadt, blaues Schiff und rote Beleuchtung an den Piers ausmachen, ist eigentlich ein Spiegelbild der Natur. Das wirkt außerordentlich stark.

Birgit Müller/ fokussiert.com

So lässt sich sagen: eine tolle Nachtfotografie, sehr gut umgesetzt. Bleibt die Analyse, ob Sie Ihre selbst gestellte Aufgabe bewältigt haben. Sie schreiben, sie wollten "die Lichter der Stadt ebenso einfangen wie das Treiben am Hafen".

Ich stelle fest, dass ersteres hervorragend gelungen ist und ein sehr gutes Bild ergibt - die Bewegung in dieser Aufnahme aber ist spärlich und vor allem in den Wolken sichtbar. Der Hafen macht eigentlich den Eindruck, äußerst ruhig zu sein - das ist, wenn ich Sie richtig verstehe, eigentlich das Gegenteil dessen, was Sie zeigen wollten.

Es gibt im Hafenbecken nur zwei Schiffe, die sich bewegen und die aufgrund der doch recht langen Belichtungszeit nicht nur bewegt erscheinen, sondern schon fast verschwinden. Im Vordergrund oder auf den Straßen im Hintergrund ist dagegen keine Bewegung erkennbar, auch, weil Autolichter im Lichtermeer untergehen und weil Menschen nicht erkennbar sind.

Das tut dem Bild aber keinen Abbruch. Es sorgt für eine Stimmung, die anders, aber nicht weniger intensiv wirkt: Immerhin werden wir hier nicht von actionreichen Details abgelenkt.

Wenn Sie eher an Ihre geplante Bildwirkung herankommen wollten, hätte vielleicht eine Aufnahme just bei Ankunft eines Schiffs im Vordergrund und mit einer doch deutlich kürzeren Belichtungszeit eher zu dem gewünschten Resultat geführt. Das Probleme mit Wasserflächen ist eben auch, dass jede Sekunde Belichtungszeit sie zusehends so glättet, wodurch das Bild immer ruhiger wirkt.



insgesamt 3 Beiträge
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nachdenker42 23.09.2017
1. Teleobjektiv?
Seit wann ist ein Standardzoom mit einer Brennweite von 24-70mm ein Teleobjektiv?
wutbü 23.09.2017
2. Blende
Wie bitte ? "Die beste Schärfe legt vielfach nicht bei der kleinsten Blende!" Ich würde sagen die kleinste Blende ist NIE die schärfste. Haben Sie schon mal was an Lichtbeugung bei kleiner Blende gehört? Alle Objektive haben die beste Schärfe bei mittlerer bis großer Blende.
ripley99 24.09.2017
3. auch Blende
2,8 ist bei einem 2,8/24-70 Objektiv nicht die kleinste, sondern die größte Blende. Faszinierend, wie jemand, der vom Fach sein soll, so viel Müll auf einmal zusammenschreiben kann. Das große Lob für das Bild im Gesamten mag ich auch nicht unterschreiben, ich finde es in der Farbabstimmung zu warmtonig.
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