Profi-Tipps Richtig falsch fotografieren

Mit seiner experimentellen Herangehensweise erzielt der Fotograf Cyrill Harnischmacher verblüffende Bildergebnisse. Im Workshop von "C'T Digitale Fotografie" verrät er, wie man am besten gegen gängige Fotoregeln verstößt und sich kreativ über Konventionen hinwegsetzt.

Grenzüberschreitung: Wer beim Fotografieren Regeln verletzt, kann erstaunliche Ergebnisse erzielen
Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Grenzüberschreitung: Wer beim Fotografieren Regeln verletzt, kann erstaunliche Ergebnisse erzielen

Von "c't"-Autor Cyrill Harnischmacher


In der Fotografie gibt es Grenzen, die nur selten überschritten werden. Das sind die ungeschriebenen Gesetze des fotografisch Richtigen. Oft spiegeln die sich in Kommentaren zu Bildern wider: "Der Horizont ist schief", "Du darfst den Horizont nicht mittig platzieren", "Das Motiv ist angeschnitten", "Die Schärfeebene stimmt nicht", "Das Bild ist verwackelt", "Versuch es mal mit Rauschreduzierung", "Der Kontrast ist zu hoch", "Überbelichtet", "Unterbelichtet", "Farben zu grell", "Nimm lieber ein Stativ" et cetera.

Die Kritik ist bei vielen Bildern gar nicht mal unberechtigt. Versuchen wir doch ständig, diese Ideale zu erreichen. Dabei werden wir in allen Bereichen durch technische Hilfsmittel unterstützt. Autofokus, Belichtungsmessung, TTL-Steuerung, Programmautomatiken, Stative und Bildstabilisatoren. Alle diese zugegebenermaßen praktischen Dinge lassen uns kaum Spielraum, aus den gewohnten Bahnen auszubrechen. Der erste Schritt zu mehr Freiheit beim Fotografieren ist also, alle Automatiken abzuschalten und die Kamera komplett manuell zu bedienen.

Konzeptionelles und experimentelles Herangehen

Anders als die Malerei konnte sich die Fotografie nie ganz von den technischen Gegebenheiten lösen. Auch ist der Prozess der Bildentstehung in der Fotografie wesentlich kürzer und ein Eingreifen während der Arbeit schwerer möglich. Das verlangt vom Fotografen, die gestalterische Arbeit eher in Richtung Konzeption und Vorbereitung der Aufnahme zu verlegen. Was allerdings den künstlerischen Möglichkeiten keinen Abbruch tut, sondern eben nur eine andere Herangehensweise erfordert.

Verstoßen Sie bewusst gegen die vorherrschenden Regeln, setzen Sie sich über Konventionen hinweg. Aus den oft verblüffenden Ergebnissen lassen sich nach und nach Serien entwickeln, die irgendwann sogar zu einem eigenen Stil führen können. Dabei muss man jedoch aufpassen, dass nicht gerade das Brechen der Regel zur Regel selber wird und man die Möglichkeiten der Bildmanipulation nicht inflationär einsetzt. In den siebziger und achtziger Jahren geschah das mit dem Zoom-Effekt und der Mehrfachbelichtung. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Oder anders gesagt, es ist wichtig zu experimentieren und dabei auch mal zu weit zu gehen, damit man später das Erlernte gezielt für die eigene Arbeit einsetzen kann.

Genau betrachtet gibt es also in der Fotografie kein "falsch fotografieren". Die einzigen Einschränkungen bestehen in den technischen Voraussetzungen und dem Einfallsreichtum des Fotografen. Die Mittel, die zum Einsatz kommen - und seien sie auch noch so ungewöhnlich - sollten dabei immer dem Ziel dienen, ein spannendes Bild zu machen. So sind die hier beschriebenen Wege auch nicht als neue Regeln zu verstehen, sondern als Ansatzpunkte für kreative Experimente. Trotzdem kommt man, gerade wenn man versucht, ungewohnte Techniken zu perfektionieren, an Bildserien arbeitet oder gar seinen eigenen Stil entwickelt, nicht umhin, selber Regeln aufzustellen.

Bewegungsunschärfe

Die Kombination von scharf und unscharf vermittelt Live-Stimmung
Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Die Kombination von scharf und unscharf vermittelt Live-Stimmung

In der Regel ist man bemüht, die Verschlusszeiten so kurz zu halten, damit das Motiv scharf erscheint und keine Unschärfe durch die Bewegung vorkommen. Bei längeren Belichtungszeiten entstehen Unschärfen durch das sich (während der Belichtung) bewegende Motiv. Abends oder in der Dämmerung wird diese Bewegungsunschärfe gerne eingesetzt, um beispielsweise Strichspuraufnahmen des nächtlichen Straßenverkehrs zu machen. Tagsüber passiert das eher selten. Dabei gibt es auch hier eine Vielzahl von möglichen Motiven. Im Prinzip alles, was sich bewegt: Verkehrsmittel, Menschen, fließendes Wasser et cetera.

In den meisten Fällen ist es notwendig, einen Graufilter vor dem Objektiv einzusetzen, um die notwendigen langen Belichtungszeiten zu erreichen. Alternativ kann man auch eine Graufilterfolie verwenden. Manchmal reicht es aber auch, die Blende ganz zu schließen. Steht die Kamera dabei auf "Zeitautomatik", zeigt der Belichtungsmesser automatisch die entsprechende Verschlusszeit an. Um ein Gefühl für die notwendige Belichtungszeit zu bekommen, ist allerdings etwas Übung notwendig. Ein Gefühl für die richtige Verschlusszeit stellt sich aber nach ein paar Aufnahmen schnell ein. Im nächsten Schritt stellt man die Kamera auf "manuell" und überträgt die Blende und die vom Belichtungsmesser ermittelte Verschlusszeit. Das hat den Vorteil, dass sich die Belichtungszeit nun nicht mehr versehentlich durch eine Veränderung der Lichtverhältnisse ändern kann. Sollen Teile des Bildes noch scharf erscheinen oder die Unschärfe möglichst gleichmäßig verlaufen, ist der Einsatz eines Stativs notwendig.

Richtig falsch fotografieren: Bewegungsunschärfe
Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Das Symbol für Atomkraft: Bei dieser Infrarotaufnahme (mit etwa 1/2 Sekunde Belichtungszeit) aus einem sich langsam drehenden Windkraftrad entstanden.

Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Wirken wie chinesische Schriftzeichen: Spuren einer blinkenden LED-Leuchte vor schwarzem Hintergrund.

Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Ein Vorhang aus Licht: Gewebt mit einer LED-Lichterkette.

Es lohnt sich, mit unterschiedlich langen Belichtungszeiten zu experimentieren, denn mit jeder Verlängerung der Aufnahmezeit entsteht ein neues Motiv. Interessant wird es, wenn man die Bewegungsunschärfe in eine Bilderserie mit einbezieht. Hier sind spannende Projekte denkbar: etwa vorbeifahrende U-Bahn-Linien einer Stadt auf ihre charakteristischen Farben und Bewegungen zu reduzieren.

Eine bekannte Form der Bewegungsunschärfe ist die Lichtmalerei. Man bewegt dafür unterschiedliche Lichtquellen während einer Langzeitbelichtung vor einem dunklen Hintergrund. Als Lichtpinsel kommt dabei alles in Frage, was von selber leuchtet: beispielsweise LED-Leuchten, Kerzen, Taschenlampen, das Display eines Handys oder Wunderkerzen.

Der Fehler als Konzept

Der Reiz des "falsch fotografieren" liegt nicht allein in der bewusst anderen Umsetzung einer Motividee, sondern verlangt geradezu danach, als Bildserie in Szene gesetzt zu werden. Dadurch wird der konzeptionelle Gedanke weiter in den Vordergrund gestellt und die Intention des Fotografen erst wirklich sichtbar. Entscheidend ist dabei die gleichmäßige Umsetzung der Aufnahmen. In unserem Fall also die immer gleiche Schräge des Horizonts und eine ähnliche Farbstimmung. Bei einer einzigen Aufnahme würde der gekippte Horizont eher als Bildfehler interpretiert werden. Konsequent als Serie umgesetzt, fällt es dem Betrachter leichter, den Fehler als Konzept wahrzunehmen. Großformatige Ausdrucke unterstützen diesen Effekt.

Richtig falsch fotografieren: Der Fehler als Konzept
Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Im Aufzug unterwegs.

Die möglichen "Serien-Fehler" sind dabei so vielfältig wie die wirklichen Fehler, die einem Fotografen bei der Arbeit unterlaufen können. Angeschnittene Gesichter, verblitzte Porträts, Finger vor dem Objektiv, eine Person, die bei einer Serie von Gruppenaufnahmen immer aus dem Bild läuft - alles Mögliche lässt sich als Serie inszenieren.

Fotostrecke

5  Bilder
Richtig falsch fotografieren: Der Fehler als Konzept
Die hier gezeigte Serie "Standorte" zeigt beispielsweise nur Boden und die Schuhe des Fotografen. Allein gesehen ist das kein sehr spannendes Motiv, sondern wirkt eher wie versehentlich ausgelöst. Als Serie bekommen diese Art Aufnahmen eine andere Qualität und sind durchaus ausbaubar. Beispielsweise mit Sehenswürdigkeiten aus der ganzen Welt: dem Zebrastreifen der Abbey Road, dem Fußboden im Kölner Dom, der obersten Plattform des Eiffelturms.

Schattenwürfe

Haus an der Hauswand: Der Schatten des Nachbarhauses macht aus dem Fenster eine imaginäre Haustür
Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Haus an der Hauswand: Der Schatten des Nachbarhauses macht aus dem Fenster eine imaginäre Haustür

Die strahlende Sonne bei freiem Himmel erzeugt als punktförmige Lichtquelle harte Schatten. Normalerweise ist man bemüht, diese Schatten wenigstens etwas aufzuhellen, was bei Porträts oder kleineren Szenen gelingt, bei größeren Motiven aber nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Eigentlich kein ideales Wetter zum Fotografieren.

Es sei denn, man macht genau diese Schatten zum eigentlichen Motiv. Das können zufällig gefundene Motive ebenso wie inszenierte Szenen sein. Gerade bei Stilleben kann man durch das Einbeziehen des Schattens eines Objekts, das thematisch zum Motiv passt, die Bildaussage noch einmal subtil unterstreichen. Hat man gerade das passende Objekt nicht zur Hand, kann man sich auch damit behelfen, dass man die Silhouette aus einem Karton ausschneidet und außerhalb des Motivs platziert. Unebene Untergründe können dabei interessante Verzerrungen ergeben.

Ein alltägliches Motiv: Durch Schattenspiel besondere Note
Cyrill Harnischmacher/ lowbudgetshooting.de

Ein alltägliches Motiv: Durch Schattenspiel besondere Note

Der Artikel ist im Sonderheft "c't Digitale Fotografie" erschienen, hier haben wir eine gekürzte Version veröffentlicht. Ein Inhaltsverzeichnis des Hefts finden Sie hier. Der Heise-Verlag bietet auch eine Bestellmöglichkeit.

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
monoman 29.12.2013
1. Kreativität
Manche habens, andere nicht. Da helfen weder gutgemeinte Artikel noch der Kauf von Produkten mit jenem Logo, das auch die von der Kreativindustrie immer leuchten haben. Meistens gilt dann doch nur: Einfallslos bleibt einfallslos.
brombel 29.12.2013
2. Fremdartikel
So schön die Anleitung zum Falschfotografieren ist, ein deutlicherer Hinweis auf das ABO Angebot würde klar stellen, das der Heise Verlag mein Geld möchte!
Herr Hold 29.12.2013
3. Richtig
Zitat von brombelSo schön die Anleitung zum Falschfotografieren ist, ein deutlicherer Hinweis auf das ABO Angebot würde klar stellen, das der Heise Verlag mein Geld möchte!
Und was ist daran falsch? Das hätte SPON auch gerne. Die schreiben und veröffentlichen ja nicht alle nur, um Ihnen eine Freude zu machen.
Butenkieler 29.12.2013
4. Wenn sie mir gefallen,
behalte ich meine "falschen" Bilder. Ansonsten lösche ich sie. Und wenn von 396 nur 10 übrigbleiben, ist es besser als einen DIN21 Film als überbelichtet wegzuwerfen.
shalom-71 29.12.2013
5. Genau so ist es!
Zitat von Butenkielerbehalte ich meine "falschen" Bilder. Ansonsten lösche ich sie. Und wenn von 396 nur 10 übrigbleiben, ist es besser als einen DIN21 Film als überbelichtet wegzuwerfen.
So mache ich es auch. Viele Fotos, immer mit einigen Änderungen bei den Einstellungen und Blickrichtung, und am Ende in Ruhe am Computer das Herauspicken der wirklich guten/besten. Dazu braucht man in erster Linie einen guten Blick für das Erkennen guter fertiger Bilder und gar nicht so sehr Geschick beim eigentlichen Fotografieren.
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