Bildkritik zu Regen-Foto Zum Glück war das Fenster dreckig

Die Technik der Makro-Fotografie hilft beim Aufnehmen ungewöhnlicher Motive. Im Idealfall geht dabei aber die Idee dem Bild voraus. Läuft es umgekehrt, wird es schnell kompliziert.

Von "fokussiert"-Autor


Gefunden bei
Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

Sie wollen, dass Ihr Foto besprochen wird? Dann reichen Sie es hier ein.
Olympus E-M5 MarkII. 1/30s bei Blende 8 mit 12mm Brennweite und ISO 200
Lukas Braun/ fokussiert.com

Olympus E-M5 MarkII. 1/30s bei Blende 8 mit 12mm Brennweite und ISO 200

Johann Schreml aus Bad Wörishofen schreibt zu diesem Bild:

Das Foto entstand, als es fast die ganzen Osterfeiertage lang durchgängig regnete. Warum nicht einmal von innen nach außen ein Regenfoto machen, wenn man schon nicht hinaus kann? Genauer gesagt ein Foto von Regentropfen an der Fensterscheibe. Diese blieben wahrscheinlich auch nur so schön an der Scheibe haften, weil das Fenster nicht geputzt war.

Als ich am nächsten Tag das Foto sichtete und hineinzoomte, sah ich, dass die Regentropfen auf der Fensterscheibe wie kleine Objektive wirkten. Ich habe auf die Regentropfen scharfgestellt und die Regentropfen auf das Gebäude. Das fasziniert mich an diesem Foto.
Der jetzige Ausschnitt zeigt nur zehn Prozent des Originalfotos, ansonsten würde man bei 2000Px die wichtigen Details, die das Foto ausmachen, nicht erkennen.

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Um kleine Details groß zu inszenieren, gibt es die Technik der Makro-Fotografie: Gemeint sind Nahaufnahmen in einem Maßstab von 1:1 oder grösser. Allerdings muss man dazu rechtzeitig erkennen, dass das Motiv ein Makro-Objekt ist….

In dieser Farbfotografie erahnen wir ein Mehrfamilienhaus in einem Park. Es ist unscharf und durch etwas hindurch abgebildet, was sich erst bei genauem Hinsehen als Fensterscheibe mit unregelmäßig großen Wassertropfen entpuppt. In der Brechung der in der Bildmitte angesiedelten Tropfen ist das kontrastreiche Gitter der von Fenstern durchzogenen Hausfassade erkennbar.

Bei der Durchsicht der eingereichten Fotografien habe ich in dieser Aufnahme als Miniatur nur ein Regenwetterbild erkannt: Ohne den Titel "Regentropfen-Objektive" wäre ich nicht einmal auf die Idee gekommen, mir die Fotografie genauer anzusehen.

Kontrast mit S-Kurve in der Gradation verstärkt
Lukas Braun/ fokussiert.com

Kontrast mit S-Kurve in der Gradation verstärkt

Technisch gesehen ist es ein etwas flaues Farbbild, das mit einer dreißigstel Sekunde bei mittlerer Blende, sehr kurzer Brennweite und niedriger Empfindlichkeit aufgenommen wurde. Der Weitwinkel des Objektivs erklärt, dass es nicht verwackelt ist - zusammen mit dem Umstand, dass hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Gesamtbild zeigst. Der gezeigte Crop allerdings lässt auch eine eher längere Brennweite erwarten.

Mir ist nicht wirklich klar, was eigentlich fotografiert wurde, denn das hier ist nur ein Ausschnitt aus dem Bild einer Olympus E-M5 Mark II. Vor allem aber bin ich der Überzeugung, dass der Ausschnitt noch immer viel zu groß ist.

Trotzdem handelt es sich um ein durchaus lohnendes Motiv, vor allem, weil die markante Struktur des unscharfen Gebäudes in mannigfaltiger Verzerrung und in den Tropfen deutlich schärfer als im Hauptbild zigfach wiederholt wird.

Ich hätte das Bild daher noch weitaus großzügiger geschnitten, wobei wir dann aber tatsächlich rasch an die Grenzen der Auflösung stoßen.

Ein noch beherzterer Schnitt rückt die Tropfen mit dem Haus ins Zentrum
Lukas Braun/ fokussiert.com

Ein noch beherzterer Schnitt rückt die Tropfen mit dem Haus ins Zentrum

Die eigentliche Vorgehensweise bestünde darin, das Motiv am Tag der Aufnahme zu erkennen und dann spezifisch die Regentropfen in einer Makrofotografie aufzunehmen. Das geht entweder mit einem Makro-Objektiv oder mit einer langen Brennweite und vielleicht Distanzringen, wobei anzumerken ist, dass dabei die Schärfentiefe wohl dermaßen stark reduziert würde, dass das Haus hinter der Scheibe nicht mehr zu erkennen wäre.

Eine Makro-Aufnahme der Tropfen
Lukas Braun/ fokussiert.com

Eine Makro-Aufnahme der Tropfen

Ich vermute, dass sich ungefähr der hier abgebildete Effekt mit einer mittellangen Brennweite und einer weiter geschlossenen Blende machen ließe. Der Gesamtausschnitt der Aufnahme würde sich dann jedoch auf die Tropfen mit dem Haus darin beschränkten.

Die volle Auflösung des Sensors würde danach eine Vergrößerung der Fotografie erlauben, und man könnte eine Aufnahme direkt so fotografieren, dass sie ohne weiteres Cropping den eigentlichen Effekt der Lichtbrechung in den Regentropfen und deren eigenartige Formen zum Motiv macht.

Das nachträgliche Ausschneiden aus einem Weitwinkelbild kann nur ein grober Behelf sein, und auch wenn wir die Idee hier erkennen können: Eine wirklich gelungene Fotografie setzt voraus, dass die Idee der Aufnahme vorausgeht und nicht umgekehrt. Also: Am besten auf den nächsten Regentag warten, und es noch einmal machen, falls denn die Scheiben noch dreckig sind.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
yves.christelsohn 13.05.2017
1. Blitzmerker
Schön finde ich die Feststellung, dass die Tropfen "wie Objektive" wirken. Jetzt muss sich nicht jeder mit dem Aufbau eines Objektives befassen, aber überrascht sollte man ob dieser Tatsache eigentlich nicht sein.
hullin 13.05.2017
2. Tropfen als Objektive
Sehr interessantes Thema, das wir gerade in einem wissenschaftlichen Artikel verarbeitet haben und auf der diesjährigen SIGGRAPH-Konferenz in Los Angeles präsentieren werden. Wen's interessiert (auf englisch, aber mit vielen Bildern und Video): https://light.cs.uni-bonn.de/4d-imaging-through-spray-on-optics/
antandre 13.05.2017
3.
Der erste Ausschnitt ist für mich das Optimale, man erkennt noch das Haus und schön die Fenster in den Tropfen. Auch wenn dort ebenfalls das Haus zu sehen ist, dominiert doch aber das helle Fensterkreuz und ist erkennbar ein Fenster. Der zweite ist mir zu "nah", weil sowohl der Hintergrund "Fenster" ist, als auch die Tropfen nur "Fenster" zeigen, denn Dach usw. kann ich kaum ausmachen. Beim ersten Ausschnitt gibt es für mich die Spannung dadurch, dass das gesamte Haus noch zu sehen ist, aber in den Tropfen ein Detail, das zugeordnet werden kann, scharf und interessant verzerrt.
Newspeak 13.05.2017
4. ...
"Eine wirklich gelungene Fotografie setzt voraus, dass die Idee der Aufnahme vorausgeht und nicht umgekehrt." Auf den konkreten Fall bezogen mag das stimmen, allgemein ist es falsch. Es gibt perfekt gelungene Zufallsbilder und Fotographen, die intuitiv ein gelungenes Bild machen, ohne sich der Idee ueberhaupt bewusst zu werden. Und umgekehrt gibt es technisch perfekte Expertenbilder, die einfach jede Seele vermissen lassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.