Nostalgie-Fotos Nie sah Radeln schöner aus

Ein neues Foto alt wirken lassen: Das ist ein interessanter Ansatz - vor allem, wenn es um einen nostalgischen Fahrradausflug geht. Reiner Selbstzweck darf die Bearbeitung aber nicht sein.

Von "fokussiert"-Autor


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Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

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Andreas Stenzel

Andreas Stenzel aus Berlin schreibt zu diesem Bild:

Am 02. April fand in Berlin eine "Klassiker-Ausfahrt" mit dem Verein Historische Fahrräder Berlin und einem Vintage-Radsport-Event statt. Teilgenommen haben viele Freunde alter Räder, zum Teil in originalgetreuen Kostümen und natürlich mit alten Fahrrädern aus unterschiedlichen Epochen. Ich begleitete die Ausfahrt als einer von zwei Fotografen. Start war am wohl schönsten Platz Berlins, dem Gendarmenmarkt, an dem auch dieses Foto entstand. Erst kurz zuvor hatte ich von der genauen Route erfahren und nicht viel Zeit, einen Standort auszuwählen und die Kamera einzustellen. Mit dem Programm Lightroom habe ich unter anderem die Radfahrer im Vordergrund aufgehellt, der Fotografie einen Sepia-Ton und Körnung verpasst und moderne Elemente wie Satellitenschüsseln retuschiert. Die asphaltierte Straße bleibt natürlich ein Stilbruch. Da ich in Photoshop nicht genug Erfahrung habe und weil ich das Bild nicht komplett "faken" wollte, kann ich damit leben. Da es weder ein rein dokumentarisches Foto ist, noch in die Kategorie der Street Photography passt, würde ich es am ehesten der Eventfotografie zuordnen.

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Nostalgie fasziniert immer - das spiegelt sich in diesem Bild nicht nur in der festgehaltenen Fahrradszene. Denn das Motiv wird mit einer entsprechenden fotografischen Interpretation gleich ein zweites Mal in die Vergangenheit versetzt. Tolle Idee!

Wir sehen auf einer grobkörnigen Schwarz-Weiss-Fotografie in Sepia-Tönen eine Gruppe Radfahrer auf dem Gendarmenmarkt. Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick scheint es sich um eine historische Aufnahme zu handeln, die Menschen auf den altertümlichen Fahrrädern etwa sind altmodisch gekleidet und frisiert. Sie fahren von rechts nach links vor dem Fotografenstandort durch.

Zunächst kann man Sie beglückwünschen, und zwar zu Ihrer Idee der Interpretation eines Nostalgie-Events - und zur sehr gut gelungenen technischen Umsetzung. Außer den modernen Bauten hinter dem Dom und der Konzerthalle gibt es in dieser Aufnahme keine für den Laien erkennbaren Hinweise darauf, dass es ich um ein zeitgenössisches Bild handelt.

Die Aufnahmetechnik ist, wie die Komposition, ohne Tadel. Die Umwandlung in ein Schwarz-Weiß-Bild mit dem groben Korn und der Vignettierung einer alten Linse ist außerordentlich schön gelungen. Die Retuschen von nicht ins Bild passenden Passanten sind nicht bemerkbar. Alles in allem glaube ich, eine alte Fotografie vor mir zu haben.

Ich finde daher die Kategorie der Eventfotografie durchaus passend: Wenn Sie weder Kunst noch Dokumentation machen wollten, haben Ihre Bilder für Betrachter und Teilnehmer doch hauptsächlich einen Erinnerungs- und Interpretationswert. Dass die Straße nicht auch noch gegen Mergel-Untergrund oder Kopfsteinpflaster ausgetauscht wurde, finde ich sogar begrüßenswert, weil die ganze Aufnahme mit solch grobflächigen Eingriffen zu etwas Neuem würde, zu Konzeptkunst oder einer Bildcollage. Das Bild ist insofern nicht "fake", da Sie es nicht als etwas ausgeben, was es nicht ist.

Dabei stellen sich dann aber doch zwei Frage: Was ist es denn, und was will es denn? Die alten Fahrräder, um die es bei dem Ausflug ging, sehe ich kaum oder kann sie nicht wirklich in Augenschein nehmen. Ihr Alter wird durch die Nachbearbeitung der Fotografie referenziert, so wie das die Teilnehmer mit ihrer Kleidung und dem Haarstil tun. Doch die Aufnahme stellt sie nicht ins Zentrum.

Damit wird aus der Fotografie eben doch wieder Kunst: Sie spielt mit der Erinnerung, dem "Alt Aussehen" und der Nostalgie durch Äußerlichkeiten, Das Bild macht aber nicht den Gegenstand der Veranstaltung zum Thema. Der Sinn des Fotos wird zum Selbstzweck, zum Proof of Concept und zur grafischen Aufarbeitung des Ausflugs - für ein Titelblatt, als Teaser. Denkbar wäre das Bild auch als origineller Aufmacher einer ganzen Reportage in diesem Stil. Die sollte sich dann aber auch mit Details befassen.



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