Tipps zur Fotonachbearbeitung Wie der Eissturmvogel noch mehr beeindruckt

Manchmal gelingt es Fotografen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Entscheidung zu treffen - so wie bei diesem Bild. In Sachen Nachbearbeitung gibt es aber noch Luft nach oben.

Von "fokussiert"-Autorin Sofie Dittmann


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Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

Sie wollen, dass Ihr Foto besprochen wird? Dann reichen Sie es hier ein.
Eissturmvogel. Canon 5D Mark III, f/20, 1/1000s,ISO 640, -1 step, 100mm.
Bernhard Weßling

Eissturmvogel. Canon 5D Mark III, f/20, 1/1000s,ISO 640, -1 step, 100mm.

Bernhard Weßling aus Travenbrück schreibt zu diesem Bild: "Im Mai 2016 war ich mit meiner Lebensgefährtin acht Tage in Island, auf der Halbinsel Snaefellsnes. An einem Tag fuhren wir mit einer Fähre von Stykkisholmur auf die Insel Flatey, wo wir mehrere Stunden verbrachten und Vögel beobachteten.

An einer Stelle brütete nur wenige Meter schräg rechts unterhalb von uns ein Eissturmvogel, während ein anderer (meiner Meinung nach sein Partner) immer wieder sehr nah an mir vorbeiflog, meinem Gefühl nach, weil er sein Nest sichern, mich gegebenenfalls angreifen wollte, wenn ich dem Nest zu nahe käme.

Schließlich konnte ich mit meinem Weitwinkel-/100-mm-Zoom-Objektiv dieses Foto machen, ausgewählt aus einer ganzen Reihe ähnlicher, aber meinem Gefühl nach nicht so schön gelungener Fotos."

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Island - das ist so ein Fotografentraum meinerseits. Seevögel, Landschaft und Weite. Um das alles jedoch überzeugend zu dokumentieren, braucht man nicht nur ein gutes Auge, sondern auch eine gute Ausrüstung; und Ausdauer. Man steht zu Unzeiten auf, läuft weit, wartet lange, und steht über Zeiträume still, die man sich sonst nie zugetraut hätte. Manchmal hat man auch Glück und wird, wie in diesem Fall, von einem Tier praktisch eingeladen.

Die EXIF-Daten Ihres Bildes bestätigten mir, was ich bereits vermutete: hoher ISO, damit Sie aus der Hand heraus mit schneller Verschlusszeit und langem Objektiv diesen Moment einfangen konnten: Canon 5D Mark III, f/20, 1/1000s, ISO 640, -1 step, 100mm.

Nachbearbeitet haben Sie das Bild in Adobe Photoshop CC, und dazu möchte ich mich unten noch näher äußern. Dass der ISO ein entsprechendes Bildrauschen verursacht hat, war abzusehen und hier in Kauf zu nehmen - mich jedenfalls stört es kein bisschen.

Eine nähere Bildanalyse ergibt, dass Sie den Vogel, wie bereits beim ersten Hinsehen auffällt, in der Bildmitte angeordnet haben (Goldener Schnitt: rosa, Drittelregel: grün, Bildmitte: hellblau, Diagonalen: dunkelblau, natürlicher Horizont: gelb):

Bildschnitte
Bernhard Weßling/ fokussiert.com

Bildschnitte

Der Flügelschwung folgt aber auch der einen Bilddiagonale, sodass die Statik, die durch die Anordnung des Vogels in die Aufnahme eingeführt wird, einen Kontrapunkt erhält. Das Schweben im Wind vor der Kamera, das Sie zu diesem Zeitpunkt eingefangen haben, ist auch für den Betrachter perfekt, und von der Komposition passt es für mich komplett.

Dazu kommt noch, dass Sie den natürlichen Horizont durch Ihren Aufnahmestandpunkt extrem nach unten verschoben haben. Der Kopf des Tieres wiederum folgt der anderen Diagonale. Ob das nun Glück war oder Können, sei dahingestellt: Ich aber hätte es nicht besser machen können.

Es gibt allerdings ein paar Dinge, die ich etwas anders gemacht hätte. Diese haben hauptsächlich mit der Nachbearbeitung zu tun.

Wir haben auf "fokussiert" über die Jahre hinweg immer wieder heftige Debatten gehabt zwischen Puristen ("Ich bearbeite NIE nach!) und Digitalkünstlern ("HDR!") und allen möglichen Positionen dazwischen.

Ein paar persönliche Grundregeln

Meine persönliche Philosophie ist folgende, und die hat sich über die Jahre auch für einige andere Leute bewährt:

1. Man sollte immer mit dem Ziel fotografieren, nicht nachbearbeiten zu müssen.

2. Man sollte sich trotzem immer bewusst sein, dass Fotos selten perfekt aus der Kamera kommen.

3. Es ist in der Regel notwendig, zumindest an den üblichen Dingen wie Kontrast/Farbsättigung/Helligkeit etwas zu feilen. Wie sehr, bestimmt der persönliche Geschmack. Dennoch: Weniger ist oft mehr.

4. Ein schlechtes Foto wird durch übermäßige Nachbearbeitung nicht zu einem guten, ein gutes Bild kann dadurch sogar verschlimmbessert werden.

5. Bestimmte Fotografiegenres haben bestimmte Ästhetikkonventionen. Diese sollte man zumindest kennen, bevor man sie - gekonnt - bricht, sonst sieht es stümperhaft aus.

Was bedeutet das angewandt auf die Aufnahme? Zunächst war mir nicht ganz klar, was genau Sie hier eigentlich nachbearbeitet haben, denn die Farben sind flach, es gibt keinen richtigen Kontrast und so weiter. Dann jedoch entdeckte ich die Patzer in den Ecken oben links und rechts:

Bernhard Weßling/ fokussiert.com

Hier das Ganze in etwas größer, damit es besser zu sehen ist:

Bernhard Weßling/ fokussiert.com

Was hier wahrscheinlich passiert ist: Sie haben das Foto begradigt und dabei sind ob des hellen Hintergrundes die Ecken oben vergessen worden. Das kann man recht einfach vermeiden, indem man entweder den Filter Objektivkorrektur verwendet, wo man dann auch festlegen kann, was mit den leeren Flächen geschehen soll.

Allerdings kann dieser Filter zu ziemlich heftigen Bildbeschnitten führen, denn Photoshop macht dann das, was eine Maschine eben macht, nämlich das für sich Optimale, und nicht das, was einem als Fotograf so vorschwebt. Wenn man sich dafür entscheidet, manuell zu korrigieren, muss man, wie hier so gut illustriert, besonders auf die Ränder achten.

Manchmal ist es fast nicht sichtbar, dass man etwas vergessen hat. Als Hilfsmittel lege ich in diesen Fällen eine Ebene unter die infrage kommende, die ich mit einer knalligen Kontrastfarbe fülle, die im Bild nicht vorkommt, beispielsweise quietschrosa. Das lässt auch die kleinsten Lücken auffallen, und Fehler wie dieser hier werden leicht vermieden.

Änderungsvorschläge

Ich habe entsprechend erst einmal die oberen Ecken gefüllt, was innerhalb von Sekunden erledigt war. Danach habe ich den Kontrast und die Farbsättigung mittels Color Efex Pro erhöht. Mein Vorschlag sieht als Endergebnis so aus:

Bernhard Weßling/ fokussiert.com

Ich habe auch eine leichte Vignette darübergelegt. Das Bildrauschen dagegen habe ich nicht angetastet, da das Ganze sonst zu sehr verschwimmt. Ich finde, dass Ihr gefiederter Eistänzer so besser zur Geltung kommt.

Als Hobbyfotograf gute Naturfotos zu machen, ist auf jeden Fall nicht einfach. Ihnen ist es hier gelungen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Entscheidung zu treffen. Leider sind Sie dann in der Nachbearbeitung etwas zurückgefallen, aber das ist, wie soeben erklärt, leicht zu korrigieren.

Mit den von mir vorgeschlagenen Änderungen - mindestens zu korrigieren sind die weißen Ecken oben - ist das Bild ein durchaus gelungenes Naturfoto.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
knuty 22.07.2017
1.
Wenn man schon mit Color Efex nacharbeitet, dann hätte man auch gleich den Körper des Eisvogels gegenüber dem Hintergrund ein wenig aufhellen können.
lalito 22.07.2017
2. tscha
Zitat von knutyWenn man schon mit Color Efex nacharbeitet, dann hätte man auch gleich den Körper des Eisvogels gegenüber dem Hintergrund ein wenig aufhellen können.
Hätte. Ist wie beim Schönheitschirurg, wann mag das Optimum endlich erreicht sein? Natürlich, geht es darum, dann ist weniger mehr.
knuty 22.07.2017
3.
Zitat von lalitoHätte. Ist wie beim Schönheitschirurg, wann mag das Optimum endlich erreicht sein? Natürlich, geht es darum, dann ist weniger mehr.
Nicht ganz. Wenn man berechtigterweise den Hintergrund kräftiger macht, um den Kontrast zum Hauptmotiv und damit auch die Bildwirkung zu steigern, so ist das nur die halbe Miete. Es soll ja nur möglichst dezent eingegriffen werden und da machst es Sinn beide Flächen entsprechend zu bearbeiten.
bertram260e 22.07.2017
4. nur am Rande...
...wenn man schon glaubt, dass der Vogel in aggressiver Absicht anfliegt - der Eissturmvogel (Fulmar) ist dafür bekannt, dass er seinen ätzenden Mageninhalt meterweit gezielt spucken kann. Ich sags ja nur, weil dann die Kamera zu reinigen sicher keinen Spaß macht.
uhligfd 22.07.2017
5. Falsche Blende
Mich stört am meisten, dass das Bild so schwammig ist in der Schärfe. Warum f/20, wenn man genug Licht für 1/1000 sek bei ISO 640? ISO runter auf 200; Blende auf f/11 und man hat sogar 1/2000 sek. Und dann, dass kein Licht auf den Körper des Vogels fällt. Und keine einzige Feder sichtbar ist, sondern eben alles ein wenig schwammig. Mit Dreiecken kenne ich mich nicht so aus, ebenso mit Ästhetikkomponenten.
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