Frankenkamera Forscher basteln die erste Open-Source-Digitalkamera

Fotos nach der Aufnahme neu fokussieren und HDR-Bilder direkt in der Kamera berechnen - theoretisch könnte das heute jede Kamera. Doch die Hersteller beschränken die Kamera-Software. US-Informatiker wollen diese eingebaute Bremse lösen - mit der ersten Kamera mit Linux-Betriebssystem.

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Linda Cicero, Stanford University

Andrew Adams hält ein schwarzes Ungetüm in seinen Händen: Einen großen schwarzen Metallblock, aus dem ein Objektiv ragt. Aber schön soll diese Digitalkamera auch nicht sein, deshalb nennen die Informatiker am Lehrstuhl der Universität Stanford ihre Foto-Prototypen auch Frankenkamera. Das aus vielen unterschiedlichen Bauteilen zusammengeschusterte Gerät hat einen entscheidenden Vorteil: Ein Linux-System steuert die Hardware.

Informatiker, die an Bildverarbeitung forschen, brauchen so eine Open-Source-Kamera. Der Leiter des Projekts, der Informatik-Professor Marc Levoy, erklärte im Stanford-Unifernsehen: "Wir wollen eine Kamera bauen , die man bis auf die Mikrosekunde genau steuern kann, bei der man Objektive und Bildsensoren austauschen und interessante Elemente einbauen kann, die sich programmieren lassen." An den Algorithmen, die in kommerziellen Digitalkameras die Signale zum Bild verarbeiten, können Informatiker wenig ändern. Denn, so Levoy: "Diese Kameras können nicht programmiert werden. Die Geräte von Nikon und Canon sind geschlossene, proprietäre Systeme."

Die Software definiert die technischen Limitierungen

Im Grunde genommen sind Digitalkameras heute kleine Computer. Chips berechnen mit hochkomplexen Algorithmen, welche Daten die Kamera aus dem einfallenden Licht macht. Weil die Hersteller die absolute Kontrolle über diese Software haben, unterscheiden sich die Kameramodelle sehr: Die teureren können Belichtungsreihen (drei Fotos desselben Motivs mit unterschiedlicher Belichtung zum Erstellen von HDR-Bildern) aufnehmen, obwohl das auch problemlos bei günstigeren Modellen möglich wäre.

Teurere Kameras zeichnen Fotos auch in einem der vielen Rohdatenformate auf, was bei der Bildbearbeitung sehr viel mehr Potential bietet, als Daten im JPG-Format. Ob eine Kamera überhaupt Daten in einem Rohdatenformat aufzeichnet und falls ja, in welchem (die Bildbearbeitungsprogramme unterstützen bei weitem nicht jede Kamera), hängt vor allem von den Software-Schranken ab, die die Hersteller einbauen.

Diese Schranken will Levoy loswerden: "Wir wollen, dass die Hersteller viele Features auf einmal anbieten, an denen die Forscher gerade arbeiten. Jetzt, und nicht erst, wenn sie da in den Wettbewerb gehen wollen", sagt er im Stanford-Video. Seine Frankenkamera besteht derzeit aus einer Platine mit Haupt-, Grafik-, und Signal-Prozessor des Chip-Herstellers Texas Instruments, einem Aptina-Bildsensor (wie er zum Beispiel im Nokia N95 verbaut wurde) und Canon EOS-Objektiven unter einem Linux-System.

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