Adieu, Minitel: Frankreich begräbt sein Textnetz

Es ist so französisch wie Baskenmütze, Baguette oder die Citroën-Ente: das Minitel. Lange vor dem Internet hat der beigefarbene Kleincomputer für Videotext die Franzosen ins elektronische Zeitalter geführt - nicht zuletzt durch seine erotischen Aspekte. Ende Juni ist Schluss damit.

Minitel: Der Abschied von Minitel Fotos
AFP

Ulla war legendär. 3615 Ulla hat einst die Drähte zum Glühen gebracht. Es war der Name des wohl bekanntesten aller Videotext-Dienste, der in Frankreich das sogenannte Minitel in Rekordzeit populär gemacht hat. "Minitel rose" nannte Monsieur das erotisch angehauchte Angebot, auf dem nette Damen unmissverständlich ihre Dienste anboten.

Auch dank solcher Angebote erlebte das Minitel - ein Kleincomputer für Videotext, der an die Telefonbuchse angeklemmt wurde - im Frankreich der achtziger und neunziger Jahre einen triumphalen Siegeszug. 1982 brachte der damals noch staatliche Telekom-Konzern France Télécom diese Geräte erstmals flächendeckend auf den Markt.

Doch obwohl die technischen Dinosaurier des Vor-Internet-Zeitalters noch immer rund 1.800 Dienste anbieten, kommt nach rund drei Jahrzehnten am 30. Juni definitiv das Aus für die einst lukrative Minitel-Ära. Das Vorhalten eines Parallelnetzes sowie der Ersatzteile für die Oldtimer des Computer-Zeitalters rechnet sich nicht mehr. Dabei wurde ihre Zahl zum Jahresbeginn noch auf gut 800.000 funktionsfähige Geräte geschätzt - im Jahr 2002 waren es neun Millionen Terminals. Einige Anwendungen funktionierten auch übers Internet.

Die kleine Kiste aus der Online-Frühzeit galt mit ihrem Angebot einst als geradezu revolutionär. Anders als in Deutschland gab es den Mini-Bildschirm mit herausklappbarer Tastatur gratis - in Rekordzeit stand er in fast jedem Haushalt. Dort stehen auch heute noch viele. Doch der Betreiber Orange hat im vergangenen Jahr bereits das Ende der quadratischen Kisten angekündigt und den letzten Nutzern im März die Abschaltung angekündigt. Die bereits nostalgisch verklärten Kisten gelten im Zeitalter von Smartphones und iPads als überholt und nicht mehr zeitgemäß. Sie sind zudem nicht unumstritten.

Aus den Geräten werden Stoßstangen und Mantelhalter

Viele Kritiker machen sie dafür verantwortlich, dass die meisten Franzosen erst spät das Internet entdeckt haben. Andere behaupten dagegen das genaue Gegenteil. Das nie exportierte Minitel habe seine Nutzer erst auf das weltweite Netz vorbereitet, meinen etwa die Historiker Valérie Schafer und Benjamin Thierry. Denn erstmals konnten die Nutzer des Minitels direkt Reisen buchen, Aktien kaufen, Überweisungen vornehmen; oder direkt mit Fremden schriftlich kommunizieren: die Urform des Chats.

Am Freitag soll es einen würdigen Abschied für das von den Franzosen so heiß geliebte Minitel geben. Unter dem Titel "3615 ne répond plus" (3615 antwortet nicht mehr) soll dem Pionier des elektronischen Zeitalters und seiner Bedeutung noch einmal von seinen Fans nachgespürt werden.

Was mit den verbliebenen Geräten passiert? Die Zeitung "Le Parisien" ist der Frage nachgegangen - und hat herausgefunden, dass den Geräten künftig als Auto-Stoßstangen oder Mantelhalter eine zweite Karriere bevorsteht. Eine bei Toulouse gelegene Firma hat sich darauf spezialisiert, die Geräte mit gezielten Hammerschlägen zu zertrümmern, um dann die Kunststoffteile einer neuen Verwendung zuzuführen.

Von Ralf E. Krüger, dpa

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insgesamt 11 Beiträge
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1. das waren Zeiten....
axelkli 25.06.2012
als ich in den 80ern als Steppke bei meiner Tante in Paris zu Besuch war, habe ich mich immer gefreut, am Minitel rumspielen zu können. Das war einfach die Entdeckung einer neuen, unbekannten Welt. Und man konnte auch noch Französich dabei lernen. Natürlich habe ich auch mal verbotenerweise in den "Erotik-Bereich" reingeluschert.
2.
Rainer Helmbrecht 25.06.2012
Zitat von sysopEs ist so französisch wie Baskenmütze, Baguette oder die Citroën-Ente: das Minitel. Lange vor dem Internet hat der beige Kleincomputer für Videotext die Franzosen ins elektronische Zeitalter geführt - nicht zuletzt durch seine erotischen Aspekte. Ende Juni ist Schluss damit..........
Minitel war ein Erfolg und hätte auch in Deutschland einer Werden können. Aber in Deutschland gab es ein anderes Geschäftsmodell. Hier verlangt die Deutsche Post noch für ein 3 Mtr langes Verbindungskabel zwischen Telefon und Steckdose ca 2,20DM. Dieses Kabel musste beantragt werden und der Kunde durfte es nicht selbst anschließen, weil das ein Hoheitlicher Akt, eines Postmitarbeiters war. Wir zogen 1992 nach F bestellten unseren Tel.-Anschluß und nach etwa einer Std klingelt unser Telefon. Ich dachte, die Post hätte noch eine Frage, aber nein, es war ein Freund, der wusste, dass wir umziehen und der hat versuchsweise im Minitel nachgeschaut und uns dort gefunden...... moderne Kommunikation eben. Keine dt Beamten, die sich als Betriebsbremsen einen Namen machen. MfG. Rainer
3. Zwei paar Stiefel
tommirf 25.06.2012
Liebe SPON-Rdaktion, Ihr habt wieder mal lausig schlecht recherchiert. Das Minitel ist / war das französische Gegenstück zum deutschen btx, das a9 fast niemand wollte weil es b) eigentlich nie richtig funktioniert hat. Richtig ist, daß es Dienste angebote hat, die "interaktiv" genutzt werden konnten. Das hat aber ÜBERHAUPT GAR NIX zu tun mit Videotext. Videotext war und ist ein Zusatzangebot der TV-Sender und wird kostenfrei mit dem Fernsehsignal ausgestrahlt. Hier hat man nur die Auswahl zwischen den angeotenen Seiten, aber keinen Rückkanal. Im Artikel wird also sozusagen Zeitung mit Telefon verglichen...
4. Optional
daskänguru 25.06.2012
Zitat von sysopEs ist so französisch wie Baskenmütze, Baguette oder die Citroën-Ente: das Minitel. Lange vor dem Internet hat der beige Kleincomputer für Videotext die Franzosen ins elektronische Zeitalter geführt - nicht zuletzt durch seine erotischen Aspekte. Ende Juni ist Schluss damit. Frankreich verabschiedet sich von Internet-Vorgänger Minitel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,840766,00.html)
könnte man Herrn Ralf E. Krüger mal mitteilen das Minitel einfach nur die französische Form von Prestel war. In Deutschland hieß es BTX, in der Schweiz Videotex, MUPID in Österreich und in den Niederlanden Viditel. Und wie immer brauchen die Franzosen halt ein wenig länger, und halten an veralteter Technik fest, die meisten Länder haben diese Technik bereits vor 10 Jahren beerdigt.
5. Man sollte vorsichtig sein mit Begriffen wie "erstmals" und "Urform".
Sique 25.06.2012
Wie immer bei Berichten zur fernen EDV-Vergangenheit (wobei "fern" hier lediglich 30 Jahre heißt - so lange ist das noch gar nicht her) gibt es unterschiedliche Auffassungen dazu, was früher war und was später. So ist z.B. Videotext-Chat nicht die Urform des elektronischen Instant Messaging. Solche Möglichkeiten besaßen bereits die ersten Time-Sharing-Systeme, die in der Mitte der 1960er Jahren aufkamen - allerdings nur für Benutzer des gleichen Rechners. Mit der zunehmenden Vernetzung von Rechnern ab dem Ende der 1960er Jahre gab es dann auch netzwerkübergreifende Instant-Messaging-Systeme wie z.B. Term Talk (siehe z.B. PLATO People: TERM-talk and Instant Messaging (http://www.platopeople.com/termtalk.html) ) von 1973. Das ist aber immer noch rund ein Jahrzehnt vor Videotext. Und ich kann nicht ausschließen, dass jemand noch frühere Einrichtungen findet, die ähnliches anboten - vielleicht teletext-basierend?
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