Fujifilm X10 Gernegroß-Kamera mit Retro-Chic

Sie sieht aus wie eine alte Sucherkamera, belichtet aber einen modernen Fotosensor: Die Fujifilm X10 kombiniert ein Oldtimer-Gehäuse mit einem bemerkenswerten Objektiv - für eine Kompaktkamera ist das Design-Experiment aber etwas zu groß geraten.

Konrad Lischka

Alt sieht sie aus, die neue Kompaktkamera X10 von Fujifilm. Die schwarze, lederartig Oberfläche, das matte Metall und die vielen Drehrädchen erinnern an Sucherkameras aus jener Zeit, als sie noch Film belichteten. Doch abgesehen von dem optischen Sucher, der ganz ohne Digitaltechnik auskommt, steckt in der X10 Elektronik: Der Kamerahersteller hat in der X10 einen im Vergleich zu vielen Kompaktkameras recht großen Bildsensor verbaut.

Dieser Sensor liefert bei schlechten Lichtverhältnissen eine bessere Bildqualität als manches Kompaktmodell der Konkurrenz. Außerdem ermöglicht es der Sensor in Kombination mit der großen Blendenöffnung (f/2), bestimmte Bildbereiche freizustellen und den Hintergrund in Unschärfe verschwimmen zu lassen.

Die X10 ist beispielhaft für die neue Experimentierfreude der Kamerabauer. In den vergangenen Jahren haben sie Digitalkameras in so vielen neuen Bauformen auf den Markt gebracht wie nie zuvor: Es gibt zum Beispiel Fotoapparate, die nur wenig größer (wenn auch erheblich dicker) als ein Smartphone sind, aber im Gehäuse einen Bildsensor unterbringen, wie sie bisher nur in klobigen Spiegelreflexkameras zu finden waren. Sony treibt diese Miniaturisierung mit den NEX-Kameras am weitesten.

Das Gehäuse ist größer als es sein müsste

Die Fujifilm-Ingenieure haben für die X10 eine andere Bauform gewählt: Die Kamera wirkt recht klobig, in der Jackettasche kann man sie nicht mitnehmen. Der Bildsensor ist zwar größer als bei den meisten Digiknipsen mit fest verbautem Objektiv - aber trotzdem erheblich kleiner als die in Sonys NEX-Kameras. Und die X10 ist nur einen Zentimeter schmaler und gerade mal einen halben Zentimeter tiefer als die Fujfilm-Kamera X100, in der ein Bildsensor mit einer mehr als sechs mal so großen Oberfläche eingebaut ist. Die X10 ist voluminöser als sie sein müsste. Die vielen Knöpfe und Drehschalter zu manuellen Bedienung lassen sich auch auf einem kleineren Gehäuse sinnvoll unterbringen - wie zum Beispiel bei der Wechselobjektiv-Kompaktkamera Pentax Q.

Abgesehen von den Maßen ist an der Gestaltung der X10 wenig auszusetzen - Menschen mit großen Händen werden die Dimension sogar freuen. Wie bei solchen Kompaktkameras üblich, lassen sich viele Funktionen über spezielle Tasten, Drehrädchen und Schalter auswählen. Der Objektivdeckel sitzt viel fester als bei vielen Konkurrenzmodellen, bei denen der Schutz festgesteckt wird und leicht abfällt, wenn man die Kamera im Rucksack oder einer Tasche trägt. Bei der X10 schiebt man den Schutz über das Objektiv - das hält. Eingeschaltet wird die Kamera, indem man das Objektiv am Zoomring aufdreht, eine clevere Lösung.

Fix im Schnellstart-Modus

Die Kamera ist schnell einsatzbereit - in etwa einer Sekunde, wann man den sogenannten Schnellstart-Modus aktiviert hat, eine Art Stand-By-Betrieb, der etwas zu Lasten der Akkulaufzeit geht. Ohne diese Beschleunigung vergehen ungefähr drei Sekunden, bis die Kamera auf Eingaben reagiert. Unser Testgerät brauchte nach einigen Foto-Streifzügen deutlich länger, bis zu zwölf Sekunden. Das Formatieren der Speicherkarten behob diese Verzögerungen jedes Mal. Dieses Problem sollte eine Aktualisierung der Firmware leicht beheben.

So sehr das Design der X10 an analoge Sucherkameras erinnert - die Bedienung orientiert sich an digitalen Kompaktmodellen: Um manuell zu fokussieren, muss man ein kleines Drehrad an der Gehäuserückseite nutzen. Das funktioniert gut - auch weil man jederzeit per Knopfdruck den schnellen Autofokus zu Hilfe nehmen kann. Wesentlich schneller und präziser könnte man mit einem Fokussierrad am Objektiv scharf stellen.

Sucher taugt nur für die Wahl des Bildausschnitts

Der optische Sucher der X10 hilft bei der Bildkomposition, wenn das Kameradisplay zum Beispiel im gleißenden Sonnenlicht schlecht zu erkennen ist. Allerdings hilft das Sucherbild eben nur bei der ungefähren Komposition. Im Sucher ist nicht zu erkennen, welche Bildbereiche fokussiert sind, welche Werte für Blendenöffnung, Belichtungszeit und ISO-Empfindlichkeit gewählt wurden und ob diese Kombination bei den aktuellen Lichtverhältnissen eine ausreichend belichtete Aufnahme produziert.

Der Sucher ist eine Reminiszenz an das Design analoger Sucherkameras. Wie bei der Wahl eines derart großen Gehäuses drängt sich der Eindruck auf, dass hier in Details Form vor Funktion geht.

Davon abgesehen ist die technische Ausstattung der X10 recht beeindruckend:

  • Der Bildsensor (0,58 Quadratzentimeter) zeigt im Vergleich zu Kompaktkameras wie der Canon S90 sichtbar weniger Bildrauschen bei Aufnahmen in der Dämmerung, kann aber allerdings nicht mit den größeren Sensoren spiegelloser Systemkameras wie der Panasonic GF3 (2,25 Quadratzentimeter) mithalten.
  • Das Zoom-Objektiv ist lichtstark (größtmögliche Blendenöffnung (f/2), im Zoombereich f/2,8) - da fällt mehr Licht auf den Sensor als bei vergleichbaren Zoom-Objektiven für die Systemkameras von Panasonic, Sony und Olympus (f/3,5).
  • Mit dem fest verbauten Objektiv kann man sehr nah an Motive heran - selbst bei einem Zentimeter Abstand zum Objektiv kann die X10 scharf stellen.

Im Vergleich zu spiegellosen Systemkameras von Panasonic und Olympus hat die X10 mehrere Vorteile: Der Bildsensor der X10 ist zwar kleiner, dafür ist das Objektiv lichtstärker und kompakter als vergleichbare Zoomobjektive der Systemkameras, zudem gelingen mit der X10 beeindruckende Nahaufnahmen. Die X10 ist eine vielseitige Kamera für Aufnahmen am Tag und in der Dämmerung - eine interessante Alternative, wenn man auf perfekte Nachtaufnahmen weniger Wert und sich an dem ausladenden Gehäuse nicht stört.

Eine etwas kleinere X10 wäre die ideale Kompaktkamera, die man immer mitnehmen kann. Dafür ist die Bildqualität besser als bei den kleineren Digitalkameras mit Zoomobjektiv wie der Canon S90 - und schön ist die Kamera auf jeden Fall.

Datenblatt

Kompakte Kameras: Fujifilm X10, Pentax Q, Panasonic GF3, Sony NEXC3

Kamera Fujifilm X10 Panasonic GF3 Sony NEXC3 Pentax Q
günstigster Preis Gehäuse * 516*** 382 (707 inkl Ojektiv) 455 ** 650 **
Maße (Gehäuse) 11,7 x 7 x 5,7cm (inkl. Objektiv) 10,8 x 6,7 x 3,3 cm 11 x 6 x 3,3 cm 9,8 x 5,7 x 3,1
Objektiv 28-112 mm kb-äquivalent., f/2 - f/1/2,8 Panasonic 20 mm f/1,7 (40 mm kb-äq.) Sony E 16 mm f/2,8 Pancake (26 mm kb-äquivalent) Pentax Q 01 8,5mm f/1,9 (47 mm kb-äq.)
Naheinstellgrenze 1 cm 20 cm 24 cm 20 cm
günstigster Preis Objektiv - 325 - -
Gewicht (Gehäuse mit Ojektiv ca. in Gramm) 330 322 419 217
Auflösung (Megapixel) 12 12,1 16,2 12,4
Sensorgröße (cm²) 0,58 2,25 3,75 0,28
Megapixel pro cm² 20,7 5,37 4,32 44,3
Display (Zoll Diagonale) 2,8 Zoll, 460.000 Pixel 3 Zoll, 460.000 Pixel 3 Zoll, 921.600 Pixel 3 Zoll, 460.000 Pixel
Dateiformat RAW/JPG RAW/JPG RAW/JPG RAW/JPG

* im deutschen Online-Handel (laut geizhals.at, Stand 19.10.2011) ** inkl. Objektiv *** fest verbautes Objektiv



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.