Galaxy Camera Samsung rüstet Kamera zum Smartphone auf

Ein großes Zoom-Objektiv, 16-Megapixel-Auflösung, schneller Datenfunk und Android-Betriebssystem: Samsungs neue Galaxy Camera ist zur Hälfte Smartphone, zur Hälfte Fotoapparat. Der Vorabtest zeigt: Die Kamera reagiert schnell und liegt gut in der Hand.

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Berlin - Es wirkt fast schon verkrampft, wie Samsung versucht, ein anderes Gerät zu seinem Highlight der Ifa zu deklarieren: Ausführlich zeigten und erklärten Manager des Konzern am Mittwochabend der Presse im Berliner Tempodrom das neue Galaxy Note II, eine verbesserte Version des stiftbasierten Touchscreen-Handys der Firma. Doch erst als man die Veranstaltung schon an ihrem Ende wähnte, wurde kurz das wahre Highlight gezeigt: die Galaxy Camera.

Doch auch die Samsung-Leute taten sich schwer zu erklären, um was es sich bei dem Gerät eigentlich handelt. So wie das Galaxy Note II mit seinem 5,5 Zoll-Bildschirm funktionsmäßig irgendwo zwischen Smartphones und Tablets liegt, bildet auch die Galaxy Camera beinah eine eigene Kategorie. Am ehesten kann man Samsungs Kamera mit eingebauten Telefon mit Nokias Pureview 808 vergleichen, jenem finnischen Smartphone mit 41 Megapixel-Fotochip und erstaunlich guter Bildqualität.

Doch als Smartphone will man das neue Gerät bei Samsung nicht verstanden wissen. "Wir kombinieren Kamerafunktionen, die man auf Smartphones nicht findet, mit Smartphone-Funktionen, die eine Kamera nicht hat", erklärt ein Samsung-Manager.

16 Megapixel im Handy

Tatsächlich: In der Galaxy Camera stecken ein 21faches Zoom-Objektiv mit optischem Bildstabilisator und ein 16 Megapixel Fotochip. Gute Zutaten für eine Schnappschusskamera. Gleichzeitig aber basiert sie auf der neusten Version 4.1 des Handy-Betriebssystems Android, kann per W-Lan, UMTS, HSDPA und optional auch LTE (auch in Deutschland) auf das Internet zugreifen, mit Apps erweitert werden und beherrscht auch sonst alle Funktionen, die ein modernes Android-Handy aufweist.

Zum Telefonieren allerdings sollte man besser ein Headset benutzen. Ansonsten wirkt das Gerät mit seinem 4,8-Zoll-Display doch sehr klobig am Kopf. Dafür liefert das Display mit 1280x720 Bildpunkten eine sehr hohe Auflösung, die fast an die Punktdichte des Retina-Displays vom iPhone herankommt. Derartige Displays sind bei Kompaktkameras selten, sie sind bei teuren Modellen wie der Sony RX100 oder der Fujifilm X-Pro1 eingebaut.

Quadcore-Antrieb

Die etwas klobigen Maße der Galaxy Camera und das Gewicht von 305 Gramm stören beim Fotografieren nicht. Im Gegenteil: Die Ausbeulung am Gehäuse sorgt, zumindest bei Rechtshändern, für ein gutes Anfassgefühl, hilft, das Gerät ruhig zu halten. Die Balance ist gut, selbst wenn der Zoom ausgefahren ist, wird die Galaxy Camera nicht allzu kopflastig.

Überhaupt macht das Fotografieren mit dem neuen Gerät Spaß. Vollkommen verzögerungsfrei reagiert die Kamera auf Bildschirmeingaben. Angesichts des 1,4 GHz Quadcore-Prozessors wäre alles andere auch verwunderlich. Da der erste Kurztest spätabends in einem Hotel stattfand, ist es schwer abzuschätzen, wie sich das Display im Freien bei Sonnenlicht schlägt. In der schummrigen Hotelbeleuchtung ließ es nichts zu wünschen übrig.

Die Kombination einer Kamera mit dem Android-Betriebssystem eröffnet einige Möglichkeiten, die normale Kameras nicht bieten. So sind verschiedene Automatikfunktionen integriert. Die sogenannten Smart-Pro-Modi lassen beispielsweise auf Wunsch den Himmel etwas blauer erscheinen, während die Light-Trace-Funktion knackige Nachtaufnahmen ermöglicht, bei denen man mit den fotografierten Lichtern regelrecht malen kann.

Kleiner Bildsensor, mäßig große Blendenöffnung

Wie gut die Bildqualität bei schlechter Beleuchtung ist, muss sich noch bei Tests zeigen. Allerdings lässt die Technik der Galaxy Camera eher durchschnittliche Kompaktkameraqualität vermuten. Der Bildsensor hat eine sehr kleine Oberfläche, gerade mal 0,28 Quadratzentimeter (zum Vergleich: Nokias Pureview 808 belichtet 0,85, die Sony RX100 sogar 1,16 Quadratzentimeter). 16 Megapixel bei einem derart kleinen Sensor führen zu Störungen im Bild (Rauschen). Die lassen sich nur mit harten Software-Eingriffen mildern, aggressiver Rauschunterdrückung fallen aber wieder Bilddetails zum Opfer.

Die größtmögliche Blendenöffnung der Galaxy Camera von f/2,8 ist durchschnittlich - viele Kompaktkameras können mehr Licht auf den Sensor fallen lassen. Eine größere Blendenöffnung erweitert auch die Möglichkeiten zu Bildgestaltung mit Schärfe und Unschärfe.

In Sachen Bildqualität und fotografischer Gestaltungsfreiheit ist die Galaxy Camera wohl kein Meilenstein, dafür ist es die erste Kamera mit dem neuesten Android-System.

Mit der Kamera sprechen

Die Kamera lässt sich mit Apps, etwa aus dem Google-Play-Angebot, erweitern. Platz genug bietet die Kamera mit ihren 8 GB Speicher allerdings nur begrenzt. Wer viel fotografiert, sollte dringend eine microSD-Speicherkarte einstecken. Wie einige bessere Kompaktkameras hat auch die Galaxy Camera einen GPS/Glonass-Empfänger eingebaut. So können Aufnahmen automatisch um Positionsangaben ergänzt werden. Dank des Mobilfunk- und W-Lan-Moduls kann man gute Aufnahmen sofort in soziale Netzwerke hochladen. Interessante Möglichkeiten verspricht auch die Sprachsteuerung. So ist es denkbar, Selbstporträts ohne Selbstauslöser zu machen, indem man dem Samsung-Gerät gesprochen Befehle erteilt. Sogar der Zoom ließe sich so fernbedienen. Leider hat man dabei keine optische Kontrolle, da sich das Display nicht nach vorne klappen lässt.

Apps, Apps, Apps

Trotz solcher kleinen Mängel ist Samsung mit der Galaxy Camera ein guter Wurf gelungen. Nikons Android-Kamera S800c hat nur W-Lan, eine geringe Brennweite und eine noch kleinere Blende. Der Bildsensor von Nokias Pureview 808 dürfte der Galaxy Camera zwar überlegen sein, dafür ist Android modernere Betriebssystem. Die Android-Kamera dürfte mehr Möglichkeiten bieten, das Kamerahandy (oder die Handykamera?) um neuen Funktionen zu erweitern. Man darf gespannt sein, was App-Programmierern zu dem neuen Konzept einfällt.

Wann und zu welchem Preis die Galaxy Camera in den Handel kommen wird, ist derzeit unklar. Bisher hat Samsung dazu keine offiziellen Angaben gemacht. Vielleicht wird dies ja die erste Kamera, die von Mobilfunkanbietern subventioniert wird, die darüber teure Datenverträge verkaufen könnten, denn gute Fotos brauchen reichlich Bandbreite, wenn man sie ins Netz übertragen will.

Vergleich: Galaxy Camera, Nikon S800c, Nokia Pureview 808, Canon S100

Kamera Galaxy Camera Nikon S800c Nokia Pureview 808 Canon S100
günstigster Preis * unbekannt 399 Euro (Ende September) 518,94 363
Maße (Gehäuse) 12,9 x 7,1 x 1,9 11,14 × 6 × 2,72 12,4 x 6 x 1,4 9,9 x 6 x 2,8
Volumen (Gehäusemaße), cm³ 174,021 181,8 104,16 166,32
Gewicht (Gehäuse mit Ojektiv ca. in Gramm) 305 184 169 198
Objektiv (kb-äquivalente Brennweite in mm, Blendenöffnung) 23 - 483 mm, f/2,8 - f/5,9 25-250 mm, f/3,2-5,8 28 / f/2,4 24 - 120 mm, 1:2.0-1:5.9)
Naheinstellgrenze 10 cm 15 cm 3 cm
Auflösung (Megapixel) 16 16 3 / 5 / 8 / 38,4 12,1
Sensorgröße (cm²) 0,28 0,28 0,85 0,45
Megapixel pro cm² 57,14 57,14 3,53 / 5,87 / 9,40 / 45,18 26,8
GPS ja ja ja ja
Betriebssystem Android 4.1 Android 2.3 Symbian Canon-eigenes
Netz 4G / W-Lan W-Lan 4G / W-Lan -
Display Diagonale (Zolll) 4,8 3,5 4 3
Display Auflösung (Pixel / Subpixel) 921.600 / 2.764.800 273.000 / 819.000 230.400 / 691.200 153.666 / 461.000
Dateiformat JPG JPG JPG JPG/RAW

* Preisempfehlung bei Nikon S800c, günstigster Preis im deutschen Online-Handel (laut geizhals.at, Stand 30.8.2012)

Mitarbeit: Konrad Lischka



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