Geheimhaltung: So arbeitet Apples Spionageabwehr

Plappernde Mitarbeiter werden gefeuert, Entwickler abgeschottet, Testgeräte gibt es nur in unförmiger Tarnverpackung: Wie kaum ein anderer Konzern besteht Apple auf strikter Geheimhaltung. Die Paranoia macht selbst vor der Holzmaserung von Tischen nicht halt.

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Angebliches Zubehör für das iPhone 5 in Tokio: Paranoia an den Schreibtischen

Hamburg - Apple ist anders. Gadget-Hersteller versorgen Blogger oft mit Illustrationen von Geräten, die dann unter guten Umständen Monate später in die Läden kommen. Der iKonzern aus Kalifornien hingegen legt größten Wert darauf, fertige Produkte erst unter Verschluss zu halten, dann selber anzukündigen und binnen Tagen zum Verkauf anzubieten.

Die Auftritte des langjährigen Firmenchefs Steve Jobs, der mit den Worten "One more thing" Innovationen wie iPhone, MacBook Air oder iPad scheinbar lässig hervorzauberte, sind Legende. Im Vorfeld dringen nur wenige Informationen über neue Produkte an die Öffentlichkeit - und oft auch nur von Zubehörherstellern in Fernost, die Schutzhüllen für iPhones und iPads herstellen. Von deren Form lässt sich dann auf das Aussehen des Geräts schließen.

So schafft sich Apple den größtmöglichen Hype um seine Präsentationen. Was am Dienstagabend vorgestellt wird, verrät zwar die Einladung. Doch ob nun ein oder gleich zwei neue iPhones gezeigt werden, wie diese aussehen und was sie können sollen, darüber gibt es allenfalls Mutmaßungen. Bei rund 50.000 Mitarbeitern, zahlreichen Zuliefererbetrieben und diversen Kooperationspartnern keine einfache Aufgabe - dennoch sind viele Angestellten oftmals genauso überrascht über neue Produkte wie alle anderen auch.

Zu welchen drastischen Mitteln Apple für den Überraschungseffekt greift, hat "The Atlantic" aus den spärlichen Medienberichten zusammengestellt. Ein ehemaliger Apple-Mitarbeiter verriet der "New York Times", dass mit geheimen Projekten betraute Angestellte ein regelrechtes Labyrinth an Zugangsschleusen durchlaufen müssten. Mehrfach müssten Türen mit Schlüsselkarten geöffnet werden, schließlich trenne die Mitarbeiter noch ein Codeschloss von ihrem kameraüberwachten Büro. Zum Teil seien die Geräte zusätzlich schwarz verkleidet.

Ein Analyst sagte der Zeitung, Apple spüre undichte Stellen im Konzern routinemäßig auf und feuere gesprächige Mitarbeiter. Außerdem lege das Unternehmen falsche Fährten, um von geheimen Projekten abzulenken. Eine interne Sicherheitstruppe namens Worldwide Loyalty Team soll nach einem Bericht von Gizmodo im Verdachtsfall ausschwärmen und Mitarbeiter kontrollieren. Außerdem wird von einem Fall berichtet, in dem ein Mitarbeiter Stunden vor der offiziellen Präsentation dem Apple-Mitgründer Steve Wozniak ein iPad für zwei Minuten überließ - und deswegen umgehend seinen Job verlor.

Noch rigider werden die Maßnahmen, wenn Prototypen und Testgeräte das Unternehmen verlassen und Entwicklern zur Verfügung gestellt werden. Ohnehin ist dies nur selten der Fall - wie Apple seine Geräte schützt, hat ein Mitarbeiter eines Unternehmens, das ein iPad vorab zu sehen bekam, der Zeitschrift "Fast Company" erzählt. Nur ein ausgewählter Personenkreis habe überhaupt von der Sache gewusst - nicht einmal der CEO der Firma sei eingeweiht gewesen.

Das Gerät sei in einem abgedunkelten Raum aufbewahrt worden, zu dem es nur zwei Schlüssel gegeben habe - einer davon im Besitz von Apple. Mit einem Privatjet sei das iPad eingeflogen worden, verpackt in eine unförmige schwarze Plastikhülle. Aus der sei das Gerät nicht etwa herausgenommen worden, sondern mitsamt der Tarnverpackung mittels Stahlkabeln an einem Tisch befestigt worden - sowohl das Gerät als auch die Hülle. Deswegen müssten Apple-Mitarbeiter Löcher in solche Tische bohren können.

Apple habe außerdem Fotos von dem gesicherten Gerät gemacht. Auch die Maserung der Tischplatte sei festgehalten worden - im Falle eines durchgesickerten Fotos hätte so die undichte Stelle gefunden werden können, schreibt "Fast Company". Außer einem obligatorischen NDA, einem Non-Disclosure-Agreement, habe Apple von den Eingeweihten die Sozialversicherungsnummern abgefragt. Das verriet ein Entwickler "Business Insider", der am iPad arbeitete - ohne überhaupt zu wissen, wie das Gerät aussah. Demnach habe er nicht einmal seiner Frau oder seinem Chef erzählen dürfen, was er da gerade tue.

Manchmal hilft aber alle Paranoia nichts: Ein iPhone 4 kam Apple im April 2010 trotz aller Vorkehrungen abhanden. Offenbar hatte ein Mitarbeiter einen Prototypen in einer Bar im kalifornischen Redwood City liegengelassen. Das Techblog Gizmodo kaufte das Gerät dem Finder ab und veröffentlichte erste Details und Bilder - sehr zum Unmut von Apple. Das Unternehmen zog gegen die Blogger vor Gericht, blieb letztlich allerdings erfolglos.

In diesem Jahr soll genau das wieder passiert sein: Ein Apple-Mitarbeiter ließ ein womöglich neues iPhone in einer Bar liegen. Bisher ist das Gerät allerdings nicht wieder aufgetaucht - dafür durchsuchte der Apple-Sicherheitsdienst angeblich die Wohnung eines Verdächtigen in San Francisco, während Polizeibeamte vor der Tür warteten. Derzeit wird untersucht, ob sich die Apple-Mitarbeiter absichtlich nicht als solche zu erkennen gegeben haben und ob das Vorgehen mit den Verhaltensrichtlinien für Polizeiarbeit vereinbar war.

All das für diesen einen Moment, wenn der neue Firmenchef Tim Cook erstmals auf der Bühne steht und das neueste Apple-Gadget vorstellt. Steve Jobs, der Großmeister dieser sorgsam vorbereiten Messen, hatte sich im August aus gesundheitlichen Gründen aus der operativen Führung zurückgezogen. Die Geheimniskrämerei wird bleiben.

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Forum - Wie verändert Apple die Welt?
insgesamt 2530 Beiträge
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1. Finanzabteilung
multi_io 24.04.2010
Zitat von sysopJobs zieht seine Sachen durch, ohne sich um ängstliche Finanzabteilungs-Zwerge zu kümmern.
Ich glaube, der "Finanzabteilungs-Zerg" bei Apple heißt Tim Cook, und um den kümmert sich Jobs mit gutem Grund. Die letzte Bonuszahlung für ihn betrug iirc 20 Millionen Dollar, und der Mann ist es offenbar wert.
2. fauler Apfel
Beno 24.04.2010
... wie Apple die Welt verführt und die Titelstory verführt kräftig mit? Werbung in Form eines Aufreissers? Ich finds lauwarm.
3.
Wolf_68 24.04.2010
Zitat von sysopMit seinen Innovationen in Sachen Kommunikation revolutionierte der Unterhaltungskonzern Apple unser Leben. Mac, iPhone & Co. sind Symbole des digitalen Zeitalters geworden. Jetzt schickt Apple das iPad ins Rennen. Wie verändert Apple die Welt?
Apple war seit seiner Gründung gegenüber Microsoft die wirklich innovative Firma und hat jetzt endlich den Erfolg, den die Firma auch verdient. Das ist eigentlich schon alles.
4. und es läuft und läuft und läuft
rainer24 24.04.2010
Nachem ich 15 Jahre lang mit PCs rumgärgert habe, bin ich auf Mac umgestiegen. Das Verhältnis Nutzung zur Administration liegt ungefähr bei 99:1. Beim PC wahrscheinlich 75:25.... Wer kauft sich ein Auto, das zwei Tage pro Woche in der Werkstatt ist?
5. Lifestyle
Dogg 24.04.2010
Apple lebt weniger von Innovationen sondern mehr von dem genial aufgebautem Image eines edel Lifestyle-Produkts. Ein iPod, iPhone oder Macbook gilt doch schon als eine Art Statussymbol. Klar, Apple ist innovativ und hat auch einen guten Riecher wie man Trends kreiert - siehe z.B. Apps - aber seitdem der iPod zum Kultobjekt geworden ist und damit auch die Marke Apple, ist doch alles andere ein Selbstläufer.
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