Gestenerkennung Shoppen durch die Schaufensterscheibe

Wedeln, wischen, kaufen: So stellen sich deutsche Forscher die digital vermittelte Shopping-Zukunft vor. Mit ihrem System lässt sich durch Schaufensterscheiben hindurch ein digitaler Katalog bedienen, es erkennt Gesten und Fingerzeige. Doch es gibt längst kommerzielle Konkurrenz.

SPIEGEL ONLINE

Berlin - Paul Chojecki, Wissenschaftler am Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in Berlin, hat eine auf den ersten Blick überraschendes Argument für das von seinem Team entwickelte System parat: "Vergleichbares gibt es in Deutschland bislang nicht. Bis dato werden in Schaufenstern - wenn überhaupt - nur Touchscreens eingesetzt. Mit unserem 'Interactive Shop Window' kann man jedoch berührungslos interagieren. Ein Plus für alle, die Wert auf Hygiene legen." Das System ist eine Art interaktiver Katalog im Schaufenster, der sich von jenseits der Scheibe durch Gesten steuern lässt. Mit einer Wischbewegung können Produkte durchgeblättert werden, wenn etwa auf ein paar reale Turnschuhe im Schaufenster gedeutet wird, erscheinen sie in virtueller Forma auf dem Bildschirm und können dann gedreht, herangezoomt, von allen Seiten betrachtet werden.

Ob Hygiene wirklich im Vordergrund steht bei solchen Systemen, ist jedoch fraglich. Das Herumstehen und Handwedeln vor deutschen Schaufenstern dagegen ist in den vergangenen Monaten fast schon zu einer Art Modeerscheinung geworden - allerdings nicht mit dem System der Forscher aus dem HHI, dem Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik. Die Maschine zur Gesten- und Bewegungserkennung, die Menschen in deutschen Städten derzeit in winterlicher Kälte vor Schaufensterscheiben herumzappeln lässt, ist Microsofts Kinect-Kamera für die Xbox 360. Eine marktreife Bewegungssteuerung, die der aus dem Fraunhofer-Institut von außen betrachtet sehr ähnelt, ist als Spielkonsolen-Zubehör längst zu haben - für, rechnet man nur den Preis der Kamera, knapp 150 Euro.

Kinect: Bald mit jedem handelsüblichen PC?

Im Inneren allerdings unterscheiden sich die Techniken des Konsolenkonzerns und der deutschen Forscher gravierend. Während Kinect mit einer Kombination aus Infrarot- und normaler Kamera arbeitet, basiert das Fraunhofer-System auf vier Stereokameras. Zwei erfassen das Gesicht des Einkaufenden, zwei seine Hände. Sogar einzelne Finger werden erkannt. Das schafft Kinect noch nicht.

Dennoch könnte das Microsoft-System dem aus Berlin ernsthafte Konkurrenz machen - erst vor kurzem hat das Softwarehaus angekündigt, man werde Windows-Entwicklerkits für die Kinect-Kamera zur Verfügung stellen. Hacker haben schon kurz nach der Markteinführung des Konsolenzubehörs begonnen, alternative Verwendungsmöglichkeiten für die Technologie zu entwickeln, nun soll diese Art kreativen Umgangs auf eine offizielle Basis gestellt werden. Bewegungserkennungs-Systeme lassen sich vermutlich bald mit jedem handelsüblichen PC realisieren.

Die Fraunhofer-Forscher haben allerdings schon konkret an den Einzelhandel gedacht, als sie ihr System entwickelten: Es lässt sich beispielsweise mit Warenwirtschaftssystemen koppeln, so dass ein Händler sein gesamtes Sortiment zum Durchblättern im Schaufenster anbieten könnte. Außerdem sammelt es Daten darüber, welche Produkte auf besonderes Interesse stoßen, fungiert also gewissermaßen nebenbei als Instrument der Marktforschung. Ohne, versichern die Forscher, dabei personenbezogene Daten über die Kundschaft vor dem Fenster zu sammeln.

Bei der Cebit, die vom 1. bis 5. März in Hannover stattfindet, wird der Prototyp des "Interactive Shop Window" am Fraunhofer-Gemeinschaftsstand zu sehen sein (Halle 9, Stand B36).

cis



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