Deutsche Studie "GTA"-Spielen macht nicht aggressiver

Ändert ein Erwachsener, der regelmäßig in "GTA V" sein virtuelles Unwesen treibt, sein alltägliches Verhalten? Unter anderem um diese Frage dreht sich eine deutsche Langzeitstudie. Das Ergebnis ist eindeutig.

Rockstar Games

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Machen gewalthaltige Videospiele ihre Spieler zu aggressiveren Menschen? Über diese Frage streitet die Forschung weltweit fast schon so lange, wie es Videospiele gibt. Kürzlich widmete sich sogar das Weiße Haus dem Thema, mit einem bizarren Zusammenschnitt besonders brutaler Spieleszenen.

Nun befeuern deutsche Wissenschaftler die Debatte mit dem Ergebnis einer Studie, das manchen Spielekritiker überraschen dürfte: Auch die regelmäßige Beschäftigung mit dem Ab-18-Actionspiel "Grand Theft Auto V" (GTA V) führt demnach nicht zu messbaren Änderungen im Alltagsverhalten der Spieler. Das gilt zumindest für Erwachsene, auch wenn sie täglich spielen. Minderjährige und Intensivspieler haben an der Untersuchung nicht teilgenommen.

So lief die Untersuchung

Ihre Studie haben die Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf mit 77 Erwachsenen ohne psychologische und neurologische Probleme durchgeführt, darunter 38 Frauen. Das Durchschnittsalter der ursprünglich 90 Teilnehmer - 13 waren letztlich nicht bis zum Ende der Untersuchung dabei - betrug 28 Jahre. Finanziert wurde die Untersuchung aus den Jahren 2014 und 2015 aus eigenem Geld der Forschungseinrichtungen.

Bemerkenswert ist die Studie nicht nur wegen ihres vergleichsweise klaren Ergebnisses, sondern vor allem wegen ihrer Dauer: In älteren Studien zu Spielen und Aggression wurden die Probanden meistens direkt nach dem Spielerlebnis befragt, zudem spielten sie oft nur sehr kurz - die Aussagekraft der Untersuchungen war so oft begrenzt.

"Die Frage, die die Gesellschaft bewegt, ist unserer Ansicht nach nicht 'Sind Menschen aggressiver, wenn sie für ein paar Minuten gewalthaltige Videospiele spielen? Und sind diese Spieler wenige Minuten nach dem Spielende aggressiver?", schreiben die Forscher dazu in ihrem Forschungspapier. Wichtiger sei, welche Auswirkungen es hat, wenn jemand häufig und gewohnheitsmäßig brutale Videospiele spielt.

"GTA V", "Die Sims" oder kein Auftrag

Die Testpersonen, die an ihrer Studie teilnahmen, wurden über Flyer und Onlinewerbung rekrutiert. Sie erfuhren vorab nur allgemein, dass eine Studie rund um Videospiele geplant ist. Die endgültigen Teilnehmer landeten dann jeweils in einer von drei Gruppen:

  • Die erste Gruppe sollte acht Wochen lang täglich mindestens eine halbe Stunde das actionreiche und gewaltlastige "GTA V" spielen, dessen Vorgänger einst in der "Killerspiel"-Debatte in der Kritik standen. Die Durchschnittsspielzeit der 25 Gruppenmitglieder lag später bei 35 Stunden, also bei etwas mehr als einer halben Stunde pro Tag. Der Mehrspielermodus-Modus "GTA Online" wurde nicht gespielt.
  • Die zweite Gruppe sollte im selben Zeitraum täglich mindestens eine halbe Stunde lang die mehr oder weniger gewaltfreie Lebenssimulation "Die Sims 3" spielen. Im Durchschnitt machten das die 24 Spieler jeweils 32 Stunden lang.
  • Eine dritte passive Kontrollgruppe mit 28 Personen hatte im selben Zeitraum keine besondere Aufgabe bekommen.

Bei allen Teilnehmern der Studie wurde drei Mal mit verschiedenen Tests gemessen, wie es um ihr Verhalten steht: Einmal vor dem Acht-Wochen-Zeitraum mit oder ohne Aufgabe, einmal direkt danach und dann noch einmal weitere zwei Monate später. Alle Teilnehmer der Studie hatten vorab angegeben, zuletzt wenig oder keine Videospiele gespielt zu haben, "GTA V" oder "Die Sims 3" hatte niemand von ihnen schon gespielt.

Die Forscher aus Berlin und Hamburg, deren Studien-Auswertung jetzt im Journal "Molecular Psychiatry" zu lesen ist, konnten schlussendlich nur in drei ihrer 208 durchgeführten Tests signifikante Veränderungen feststellen, die auf ein gewaltbereiteres Verhalten hindeuten könnten: Fast alle Menschen verhielten sich also offenbar nach acht und 16 Wochen so ähnlich wie zu Studienbeginn, egal, ob sie "GTA" oder die "Sims" gespielt oder gar keinen Spiele-Auftrag hatten.

"Keine schädlichen Auswirkungen"

Der Studie zufolge hat das regelmäßige Spielen gewalthaltiger Spiele auf gesunde Erwachsene somit angeblich "keine schädliche Auswirkungen". Allein durch Zufälle hatte das Team mit mindestens zehn Abweichungen bei den Tests gerechnet.

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Erfasst wurde das Verhalten auf verschiedenen Wegen, einerseits mit Fragebögen, anderseits auf Basis computergestützter Tests, mit denen zum Beispiel Stimmungen, Angstzustände und zwischenmenschliche Kompetenzen eingeschätzt wurden.

"Ein Test, der zum Einsatz kam, war ein sogenannter Wortstamm-Ergänzungstest, erklärt Simone Kühn, die Leiterin des Forschungsteams, auf SPIEGEL-Anfrage. "Dabei soll der Proband zum Beispiel MO mit zwei weiteren Buchstaben nach Wahl ergänzen. Schreibt dort jemand RD, sodass das Wort MORD entsteht, wird das als aggressiv gezählt. Schreibt jemand ND, für MOND, wird das nicht als aggressiv gewertet."

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Mit "GTA V" habe man gezielt ein Spiel ausgewählt, "das dem Spieler viele Anreize bietet, virtuell verschiedenste Straftaten zu begehen", sagt Kühn. Auch die Freiheit, dass man in "GTA" auch andere Dinge tun kann, als Verbrechen zu begehen, habe das Spiel für die Forscher interessant gemacht: "In Shootern hat man ja gar keine Wahl, außer auf andere zu schießen."

Lesetipp aus dem Archiv

Mittels Statistik zum Spielverhalten habe man später aber noch geprüft, dass jeder der Spieler aus der "GTA"-Gruppe beim Spielen tatsächlich auch Aggression ausgeübt hat. Verwunderlich ist das übrigens nicht, ein Großteil des Reizes von "GTA" besteht eben darin, dass man dort zum Beispiel Amok laufen oder sich im Rahmen der Story einen Namen als Krimineller machen kann.

Auf die Frage, ob solch eine Studie zu gewalthaltigen Videospielen grundsätzlich auch mit Kindern oder Jugendlichen denkbar sei, antwortet Kühn, so etwas würde nur erlaubt werden, wenn es bereits Vorstudien mit Erwachsenen gebe: "Solche Studien wie unsere jetzt."

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
bart_haar 15.03.2018
1. Keine Wirkung?
Sollten solche Spiele keine Wirkung zeigen, dann stelle ich mal die Frage i. Den Raum: warum sollten dann "serious games" positive Wirkung haben?
Racer2017 15.03.2018
2. Unfassbar
Dass es für solch dümmlichen Behauptungen überhaupt Studien braucht.
realist4 15.03.2018
3. Das ist doch logisch
Die Älteren unter uns haben in ihrer Jugend fast allesamt Spielzeugrevolver besessen und damit wild aufeinander geschossen, trotzdem sind wir anständige gesetzestreue Bürger geworden. Ich denke in der Realität auf andere Kinder zu zielen ist eher schlimmer als Fabelwesen am Computer metzeln.
helgeharder 15.03.2018
4. Na und?
Das haben bisher alle Studien ergeben. Das ändert nichts daran, daß interessierte Kreise diese Studien weiterhin ignorieren werden und trotzdem verbreiten, daß man "Killerspiele" verbieten muß.
dirkozoid 15.03.2018
5. MORD ist aggressiv, MOND nicht?
Ob man mit so einem Test erfassen kann, ob jemand aggressiv ist, halte ich für höchst zweifelhaft. Trotzdem teile ich die Aussage der Studie. Ich kenne einige Leute, die sehr viel GTA spielen und die sind alle nicht aggressiv, eher im Gegenteil. Waren sie vorher schon und da hat sich nichts geändert.
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