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Automatisiertes Leben: Die Legende vom faul-schlauen Programmierer

Mann mit Laptop (Symbolbild): Arbeitsalltag automatisiert? Zur Großansicht
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Mann mit Laptop (Symbolbild): Arbeitsalltag automatisiert?

Im Netz macht eine Geschichte die Runde, die fast zu schön klingt, um wahr zu sein. Ein Programmierer wechselt den Job, und seine Kollegen finden ein Vermächtnis: Skripte für einen vollautomatischen Alltag - Kater-Ausreden inklusive.

Eigentlich spielt es gar keine Rolle, ob die Geschichte wirklich stimmt. Sie sagt in jedem Fall etwas über unsere heimlichen Bedürfnisse: Das Leben möge etwas leichter, die täglichen Aufgaben etwas weniger zahlreich, das Immergleiche wenigstens automatisierbar sein.

Die Geschichte geht so: Ein offenbar fähiger aber selektiv arbeitsscheuer Programmierer schreibt einige Skripte, um sich den Alltag leichter zu machen. Er wechselt den Arbeitgeber, lässt die Skripte zurück, und seine ehemaligen Kollegen finden sie.

Die Skripte sind so interessant, dass einer dieser Kollegen einen Eintrag darüber auf einer Programmiererplattform veröffentlicht - auf Russisch. Dieser Beitrag wird ins Englische übersetzt, dann stehen von dem Beitrag inspirierte lebenserleichternde Skripten auf der Code-Plattform Github. Binnen Tagen wird das Ganze zur viralen Sensation, auch US-Medien berichten darüber.

Vieles an der Geschichte wirkt seltsam, aber kommen wir erst einmal zu dem, was sie so lebendig macht: die Skripte, die auf Github zu finden sind. Eines heißt zum Beispiel hangover. Es hat augenscheinlich den Zweck, automatisierte Ausreden-SMS zu verschicken, wenn sein Schöpfer morgens nicht aus dem Bett kommt.

SMS an den Chef, Ausrede automatisch ausgewählt

Unter den Bedingungen "Heute ist nicht Samstag oder Sonntag" und "Es ist nach 8:45 Uhr" sorgt das Skript dafür, dass eine SMS an das Handy des Vorgesetzten geschickt wird, wenn der Programmierer nicht an seinem Rechner eingeloggt ist. Zufällig wird eine von mehreren Ausreden aus einer Liste ausgewählt: etwa "Ausgesperrt", "Rohrbruch", "Lebensmittelvergiftung", "Geht mir nicht gut", ergänzt jeweils um "arbeite heute von zu Hause aus".

Ein anderes Skript soll offenbar einen besonders lästigen und unfähigen Kunden vollautomatisch betreuen: Wenn eine E-Mail von einem Datenbankadministrator namens Kumar ankommt, die eines der Worte "Sorry", "Hilfe" oder "falsch" enthält, wird die Datenbank des Kunden per Fernzugriff auf den letzten Backup-Stand zurückgesetzt und eine E-Mail abgeschickt: "Kein Problem. Ich hab's repariert. Sei nächstes Mal bitte vorsichtig." Das Skript trägt den Namen kumar_asshole.

Ein weiteres Kurzprogramm schickt der Freundin oder Frau des Entwicklers eine automatische SMS, wenn es sich um einen Wochentag handelt und er nach 21.20 immer noch im Büro ist. Aus einer Liste wird wieder automatisch eine Begründung ausgewählt: "Arbeite hart", "Muss dieses Feature fertigkriegen" oder "Irgendjemand hat wieder das System geschrottet". Das Skript trägt den etwas beunruhigenden Namen smack-my-bitch-up - das ist ein Liedtitel der britischen Band "The Prodigy".

Das letzte der Skripte hat die vermutlich intensivste Breitenwirkung: Es weist die Bürokaffeemaschine zum Aufbrühen eines mittelgroßen Latte Macchiato an - und verzögert die Ausgabe genau so lange, wie es dauert, aus dem Büro zur Maschine zu schlendern.

Die erlösende Kraft der Software

Wir haben versucht, den Mann zu kontaktieren, der die Skripte auf Github gestellt hat, bis zum Erscheinen dieses Artikels hat er sich nicht gemeldet. Protest gegen die Skripte hat sich aus Programmiererkreisen bislang noch nicht geregt. Ob die Ursprungs-Geschichte aber stimmt, bleibt trotzdem völlig unklar - existiert der angeblich ebenso clevere wie faule Ex-Kollege überhaupt? Warum wurde der Text zum Thema zunächst auf Russisch veröffentlicht, die Skripte enthalten aber Stichworte und Ausreden auf Englisch?

Geschichten über faule Angestellte mit überraschenden Tricks gibt es immer wieder: Zum Beispiel die über den Entwickler, der seinen eigenen Job nach China outgesourct hatte, um am Arbeitsplatz überhaupt nicht arbeiten zu müssen. Diese allerdings ist gesichert - der Mann verlor seinen Job, als die Sache aufflog.

Es könnte gut sein, dass die Geschichte vom Skriptschreiber nur ein sehr elaborierter Witz unter Softwareentwicklern ist, so etwas kommt durchaus vor. Ganz egal aber, ob sie nun stimmt oder nur ein Programmierermärchen ist: Die rasende Verbreitung, die sie erfährt, sagt viel über unser Bedürfnis nach einem bisschen Erleichterung und unseren Glauben an die erlösende Kraft der Software.

Oder, wie es beim Online-Magazin "VentureBeat" heißt: "Start-ups - und faule Programmierer - haben immer noch viele Möglichkeiten, unser Leben besser zu hacken. Selbst, wenn es dabei nur darum geht, die Zeit bis zur nächsten Tasse Kaffee um ein paar Sekunden zu verkürzen." Smart Life statt nur Smart Home gewissermaßen.

cis

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insgesamt 37 Beiträge
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1.
Layer_8 25.11.2015
Da gibts ja auch ähnliche Geschichten/Anekdoten über gute Admins. Verbringen 364 Tage im Jahr in der Karibik und einen in der Firma, um das Gehalt neu zu verhandeln. Oder so.
2.
marthaimschnee 25.11.2015
Halt ich nicht für einen Witz, bin selber des Programmierens mehr als mächtig und automatisiere in job, was zu automatisieren geht. Kreative Faulheit ist mehr als nur ein Märchen!
3.
bloub 25.11.2015
macht wenig sinn, bei den skripten die ausreden in der originalsprache (aserbaidschanisch oder russisch?) zu belassen. die meisten würden es nämlich nicht verstehen.
4. Enttäuscht
der_unbekannte 25.11.2015
nachdem ich mir die Skripte angeschaut habe. So etwas kann jeder mittelmäßige Programmierer in kurzer Zeit runtertippen. Ich weiß nicht warum so etwas ein Artikel wert ist? Man kann damit höchstens Laien beeindrucken.
5. Alter Hut
Awesomeness 25.11.2015
Es gibt ein Buch namens "Die vier Stunden Woche" von Timothy Ferris, in der genau dieses Prinzip beschrieben wird. So viel Routine wie möglich automatisieren und nur Mehrwerte abschöpfen. Das eben nicht nur auf Ebene eines großen Konzernteilhabers sondern schon für den "kleinen Mann". Überraschend finde ich auch die Essenz nicht. Wir arbeiten meist nicht zum Spaß, sondern für Geld. Freizeit ist ein knappes Gut, das maximiert werden soll. Daran ist nichts Verwerfliches, auch wenn wir uns das selbst einhämmern im Sinne eines "Fleiß-Ideals". Der Arbeitgeber bezahlt für unsere Zeit, in diesem Falle soll er sie bekommen, aber nur diese. Der Handwerkersmeister arbeitet bei uns ja auch nicht grundsätzlich 4 Stunden unbezahlt länger, um uns zu zeigen, wie fleißig er doch ist. Warum sollte er das also von seinem Gesellen erwarten dürfen?
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