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04. Februar 2015, 08:29 Uhr

Kapitel 3

Erwitt kämpft mit der Fotobrille

Auch Elliot Erwitt testet die Brillenkamera in vertrautem Terrain. Er schlurft über die Straße in den Central Park gegenüber seiner Wohnung. Oft schaut er Hunden nach. Er trauert noch immer um Terry, seinen Terrier, der vor ein paar Monaten starb.

Er tappt halbblind durch die Morgendämmerung einer neuen Technik. Auf dem rechten Auge sieht er nicht gut, doch ausgerechnet dort hängt der Bildschirm. "Am liebsten wäre ich unsichtbar, aber diese Brille ist viel auffälliger als eine Kamera oder ein Handy", sagt er.

Paare, Passanten, ein Hund, ein Lächeln, ein Foto. Dann schleicht er weiter. Vor ihm ein kleiner Pudel. Erwitt bückt sich vornüber, arrangiert den Hintergrundausschnitt, dann plötzlich ein lautes Hupen: Quäääk! Der Vierbeiner fährt herum mit großen Hundeaugen, Erwitt knipst.

Die Hupe ist einer seiner kleinen Tricks, er hat sie an seinem Gehstock angeschraubt. "Das funktioniert bei allen Tieren, auch bei Menschen", sagt er.

Erschöpft setzt sich Erwitt auf eine Bank und wartet. Seine Beine schmerzen, aber im Kopf komponiert er bereits das nächste Bild. "Wer cool bleibt, bekommt alles", sagt er. Der Hintergrund stimmt, nun fehlt nur noch eine Szene im Vordergrund: "Ich brauche einen etwas größeren Hund im Vordergrund, und dahinter möglichst viele Menschenbeine." Er wartet. Er schaut. Er schweigt. Dann passiert es, ein Ballett aus Hunden, Zufall und Licht. Klick.

Erwitt hat die Brille abgesetzt und hält sie dicht über den Boden - auf Augenhöhe eines weißen Pudels. Er löst nicht mit dem Sprachbefehl aus, sondern mit der Hand. Als sei die Brille seine alte Leica. Über ihm rauscht das Blätterdach einer mächtigen Platane im Wind. "Dieser Baum ist besonders", sagt er. Pause. "An den hat Terry immer gepinkelt."

Manchmal vergaß er, als er noch Herrchen war, beim Gassigehen seine Kamera mitzunehmen. Dann ärgerte er sich, wenn er eine einzigartige, ungestellte Alltagsszene verpasste. Wäre es nicht tröstlich, immer eine Kamera in der Armbanduhr oder in der Brille dabei zu haben? "Nein", sagt Erwitt. "Meine besten Bilder waren immer die, die ich nie gemacht habe."

Er kennt die Kinderkrankheiten neuer Medien, er selbst hat immer wieder gerne mit Farbfotos herumexperimentiert. "Kolor" heißt ein Buch seiner Farbbilder. Das K ist eine Hommage an die Firma Kodak, die Ende des 19. Jahrhunderts eine Revolution auslöste mit kinderleichten Familienknipsen und dem Werbemotto: "Sie drücken das Knöpfchen, wir machen den Rest." Er hat eine Pilgerreise zum stillgelegten Kodak-Werk in Rochester gemacht, um Abschied zu nehmen.

"Glass ist vielleicht nett für ein Bildertagebuch", sagt er: "Aber für Fotos?" Er kappt die Bluetooth-Funkverbindung von der Brille zum Handy, auf dem er die Bilder sofort betrachten kann.

Ihm ist nicht wohl bei der Vorstellung, dass alles, was er sieht, theoretisch auch übers Internet von anderen gesehen werden könnte. "Meine Auftraggeber würden mir ständig über die Schulter schauen und mir Anweisungen geben", sagt er. "Das würde bedeuten: Weniger Zeitaufwand, weniger Arbeit. Weniger Freiheit."

Lesen Sie weiter: Was taugt die Foto-Brille? Das Fazit der Meister

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