Kapitel 3 Erwitt kämpft mit der Fotobrille


Natan Dvir / DER SPIEGEL

Auch Elliot Erwitt testet die Brillenkamera in vertrautem Terrain. Er schlurft über die Straße in den Central Park gegenüber seiner Wohnung. Oft schaut er Hunden nach. Er trauert noch immer um Terry, seinen Terrier, der vor ein paar Monaten starb.

Er tappt halbblind durch die Morgendämmerung einer neuen Technik. Auf dem rechten Auge sieht er nicht gut, doch ausgerechnet dort hängt der Bildschirm. "Am liebsten wäre ich unsichtbar, aber diese Brille ist viel auffälliger als eine Kamera oder ein Handy", sagt er.

Paare, Passanten, ein Hund, ein Lächeln, ein Foto. Dann schleicht er weiter. Vor ihm ein kleiner Pudel. Erwitt bückt sich vornüber, arrangiert den Hintergrundausschnitt, dann plötzlich ein lautes Hupen: Quäääk! Der Vierbeiner fährt herum mit großen Hundeaugen, Erwitt knipst.

Die Hupe ist einer seiner kleinen Tricks, er hat sie an seinem Gehstock angeschraubt. "Das funktioniert bei allen Tieren, auch bei Menschen", sagt er.

Elliott Erwitt macht den Google-Test

Erwitt erspäht ein Paar in Uniform und spricht sie an. Die beiden sind auf dem Weg zu ihrer eigenen Hochzeit im Central Park.

Die Komposition des Brillenfotos gefällt Erwitt sehr.

Die Ballons eines Kindergeburtstages wecken die Neugier von Elliott Erwitt.

Er schleicht sich in die Szene vor der Skyline New Yorks.

Mit der Google Brille erfasst Elliott Erwitt die Situation.

Die Kamera hat einen extremen Weitwinkel. Erwitt mag die Nahaufnahme von unseren Redakteuren Sandra Sperber und Hilmar Schmundt.

Die zufällig entstandene Bildaufteilung der Hiphopper im Park sagt Erwitt zu.

Die beiden Artisten finden die Begegnung mit dem Altmeister cool.

Der Fotokünstler macht sich die Brille zu Eigen und fotografiert aus der Hüfte.

June Flower und ihre drei Hunde Gus, Butoh und J.R.

Jetzt muss ich Beine und Hunde fotografieren, nimmt sich Erwitt vor. Er setzt sich auf die Parkbank und wartet auf den perfekten Moment.

Golden Doodle Hund Chelsea regiert auf die Hupe von Elliott Erwitt. Die Besitzer Lynn und Stephen Warren sind stolz, vom Altmeister fotografiert zu werden.

Erschöpft setzt sich Erwitt auf eine Bank und wartet. Seine Beine schmerzen, aber im Kopf komponiert er bereits das nächste Bild. "Wer cool bleibt, bekommt alles", sagt er. Der Hintergrund stimmt, nun fehlt nur noch eine Szene im Vordergrund: "Ich brauche einen etwas größeren Hund im Vordergrund, und dahinter möglichst viele Menschenbeine." Er wartet. Er schaut. Er schweigt. Dann passiert es, ein Ballett aus Hunden, Zufall und Licht. Klick.

Erwitt hat die Brille abgesetzt und hält sie dicht über den Boden - auf Augenhöhe eines weißen Pudels. Er löst nicht mit dem Sprachbefehl aus, sondern mit der Hand. Als sei die Brille seine alte Leica. Über ihm rauscht das Blätterdach einer mächtigen Platane im Wind. "Dieser Baum ist besonders", sagt er. Pause. "An den hat Terry immer gepinkelt."

Elliot Erwitt / Magnum / Agentur Focus

Manchmal vergaß er, als er noch Herrchen war, beim Gassigehen seine Kamera mitzunehmen. Dann ärgerte er sich, wenn er eine einzigartige, ungestellte Alltagsszene verpasste. Wäre es nicht tröstlich, immer eine Kamera in der Armbanduhr oder in der Brille dabei zu haben? "Nein", sagt Erwitt. "Meine besten Bilder waren immer die, die ich nie gemacht habe."

Er kennt die Kinderkrankheiten neuer Medien, er selbst hat immer wieder gerne mit Farbfotos herumexperimentiert. "Kolor" heißt ein Buch seiner Farbbilder. Das K ist eine Hommage an die Firma Kodak, die Ende des 19. Jahrhunderts eine Revolution auslöste mit kinderleichten Familienknipsen und dem Werbemotto: "Sie drücken das Knöpfchen, wir machen den Rest." Er hat eine Pilgerreise zum stillgelegten Kodak-Werk in Rochester gemacht, um Abschied zu nehmen.

"Glass ist vielleicht nett für ein Bildertagebuch", sagt er: "Aber für Fotos?" Er kappt die Bluetooth-Funkverbindung von der Brille zum Handy, auf dem er die Bilder sofort betrachten kann.

Ihm ist nicht wohl bei der Vorstellung, dass alles, was er sieht, theoretisch auch übers Internet von anderen gesehen werden könnte. "Meine Auftraggeber würden mir ständig über die Schulter schauen und mir Anweisungen geben", sagt er. "Das würde bedeuten: Weniger Zeitaufwand, weniger Arbeit. Weniger Freiheit."

Lesen Sie weiter: Was taugt die Foto-Brille? Das Fazit der Meister

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