Kapitel 4 Was taugt die Brille also?


Natan Dvir / DER SPIEGEL

Kommt man mit der Brillenkamera dichter an die Motive heran? "Nein, im Gegenteil, das ist so ein starkes Weitwinkel, dass viel zu viel auf den Bildern drauf ist", sagt Bruce Gilden. Elliott Erwitt nickt.

"Außerdem ist der Bildschirm viel zu klein, man kann das Bild fast nicht kontrollieren", sagt Gilden. Erwitt nickt.

Für E-Mail oder Navigation sei die Brille vielleicht ok, sagt Gilden, aber nicht für Fotos: "Es ist das falsche Werkzeug, so als würde ich Suppe mit einer Gabel essen."

"Ich esse immer meine Suppe mit einer Gabel", sagt Erwitt. "Zumindest, wenn es Matzeknödel gibt." Beide stammen aus jüdischen Familien, bei denen dieses Gericht am Schabbat gerne auf den Tisch kommt.

"Wir hatten kaum Zeit, uns mit der Technik vertraut zu machen", sagt Gilden. "Wenn ich ein paar Tage mit der Brillenkamera spielen könnte auf einer Insel..." "Manhattan ist doch eine Insel", sagt Erwitt.

In Erwitts Studio

Fotoausrüstung in Elliott Erwitts Studio in Manhattan: Im Hintergrund hängt sein berühmtes Foto vom Kampf Ali gegen Frazer aus dem Jahr 1971.

Erwitts Pinwand: Humor mit Queen, ein Hund und die Enkel dürfen nicht fehlen.

Hier lagern Fotoschätze des Meisters. Der "Elliott-Erwitt-Walking-Stick" mit Hupe ist seine Erfindung. Eine italienische Designfirma vertreibt den Stock im Internet.

Abzüge der legendären Fotos liegen in den Schubladen für den Versand parat.

Im Studio stellt Erwitt seine Werke für Ausstellungen zusammen. Die Kisten werden in alle Welt verschifft.

Früher oder später dürfte sich die Wearable Photography zumindest in Nischen durchsetzen. Durch die kleinen Linsen wird es jedem ermöglicht, selbst die flüchtigsten Momente festzuhalten, ohne ein Handy aus der Tasche kramen zu müssen.

Der Kunstmaler Louis Daguerre schenkte 1839 der Welt das Lichtbild, das sich scheinbar wie von selbst malt. Und ermöglichte es auch malerisch Unbegabten, hochdetaillierte Bilder zu erschaffen.

Dann kam Kodak, und vereinfachte die Bildgebung noch einmal radikal. Nach der Verbreitung der Handykameras kündigt sich nun die nächste Bildrevolution an. Nicht nur der Auslöseknopf wird überflüssig, sondern sogar der Sprachbefehl. Wer will, kann das Gerät durch Augenzwinkern bedienen: Sie blinzeln, wir machen den Rest. Irgendwann könnten Kameras sogar in Kontaktlinsen verbaut werden.

Der Test hat die demokratische Verheißung der Wearable Photography gezeigt - und ihre Beschränkungen. Denn die wichtigste Zutat für ein gutes Bild kann sie nicht ersetzen: Geduld, Hartnäckigkeit, Eigensinn, im Zweifelsfall auch gegen die Technik selbst gerichtet.

Natan Dvir / DER SPIEGEL

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Autoren: Hilmar Schmundt, Matthias Krug
Videos: Sandra Sperber
Fotos: Elliott Erwitt, Bruce Gilden, Natan Dvir
Fotoredaktion: Matthias Krug, Mascha Zuder
Redaktion: Jule Lutteroth



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