Fotobrille Google Glass Star-Fotografen testen die Zukunft

Was bedeuten winzige Kameras an Brillen oder Kleidung für die Kunst der Straßenfotografie? Die beiden Meister Elliott Erwitt und Bruce Gilden, beide Leica-Fans, haben in New York den Test gemacht. (Bitte schalten Sie den Ton an!)

Eine Multimedia-Story von , Matthias Krug und


Natan Dvir / DER SPIEGEL

Erlauben die winzigen Knipsen, die man eng und fast unsichtbar am Körper trägt, eine spontanere und direktere Form der Straßenfotografie? Zwei Meister der Straßenfotografie haben den Test gemacht: Elliott Erwitt und Bruce Gilden.

Die beiden haben sich zwei Tage Zeit genommen und sind mit der Datenbrille Google Glass durch New York gestreunt auf der Suche nach einer anderen Form der Straßenfotografie. Es wurde eine produktive Frontalkollision alter Meister und neuer Technik.

Google lehnte es ab, Testgeräte herauszurücken für den Test. Wir mussten die beiden Brillen von Tüftlern besorgen, welche die 1500 Dollar teuren Prototypen für ihre Entwicklungsarbeit verwenden.

Die Ablehnung hatte einen strategischen Grund. Google Glass war ein unfertiger Prototyp, die Mutterfirma stellte den Verkauf Mitte Januar ein. Im Laufe des Jahres soll eine fertige Endkundenversion auf den Markt kommen, billiger und mit besseren Batterien und unter der Leitung des ehemaligen Apple-Managers Tony Fadell, der einst den iPod erfand und ihm zum Durchbruch verhalf.

Schon bald wird man die von Erwitt und Gilden verwendeten, frühen Explorer-Versionen von Google Glass nur noch in Technikmuseen bestaunen können - neben den hundert Jahre alten Leicas.

Ein weiteres Kapitel in der Saga eines uralten Menschheitstraums: das Festhalten flüchtiger Augenblicke. Und ein erster, noch unscharfer Ausblick auf die Umrisse neuer Bildwelten, die auf uns zukommen im Gefolge der "Wearable Photography".

ALTE MEISTER, NEUE TECHNIK

An einem Wochenende im November besucht Bruce Gilden Elliott Erwitt in seinem Studio in der Upper West Side, direkt am Rande des Central Park, wo so viele seiner Fotos entstanden sind.

Sie kennen sich seit 20 Jahren, beide arbeiten für die Agentur Magnum, beide tragen die gleichen grauen Laufschuhe. Aber sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Erwitt als abwartender Beobachter, Gilden als zupackende Rampensau. Zusammen haben sie mehr als 100 Jahre Fotoerfahrung.

Elliott Erwitt ist ein unsichtbarer Weltstar, er verschwindet hinter seinen Bildern. Fast jeder kennt seine warmherzigen Schnappschüsse von Hunden und Menschen, fast jedes Jahr publiziert er neue Fotobücher. Er fotografiert seit 70 Jahren. "Die meisten Redakteure denken, ich sei schon lange tot", sagt er und lächelt.

Elliott Erwitts legendäre Fotos

New York, 1974

North Carolina, 1950

New York, 1955

Provence, 1955

New York, 1955

New York, 1956

Pasadena, Kalifornien, 1963

England, 1991

New York, 2000

"Du bist 86, ich bin 68, wie Spiegelbilder", sagt Gilden. Erwitt lächelt und schweigt. Er mache Bilder, damit er Dinge nicht mit Worten erklären muss, hat er einmal gesagt.

Elliott Erwitt wurde 1928 in Paris geboren, seine Eltern flohen als Juden aus Russland. Er wuchs in Paris und Mailand auf, Familiensprache Italienisch. Als der zweite Krieg ausbrach, flohen sie weiter nach Amerika.

Mit dreizehn bekam der Junge einen Hund und eine Kamera. Dieses Doppelpack sollte fortan sein Leben bestimmen.

Als Erwitt 1951 zur Armee eingezogen wurde, machte er Dienst als Fotograf in Deutschland und Frankreich. Der legendäre Robert Capa lud ihn ein, der Fotoagentur Magnum beizutreten. Er fotografierte für Werbung, Zeitungen, Ausstellungen und drehte nebenher Dokumentarfilme, immer neugierig, immer skeptisch.

Erwitt kennt die Kinderkrankheiten neuer Medien, er selbst hat immer wieder gerne mit Farbfotos herumexperimentiert. "Kolor" heißt ein Buch seiner Farbbilder. Das K ist eine Hommage an die Firma Kodak, die Ende des 19. Jahrhunderts eine Revolution auslöste mit kinderleichten Familienknipsen und dem Werbemotto: "Sie drücken das Knöpfchen, wir machen den Rest." Er hat eine Pilgerreise zum stillgelegten Kodak-Werk in Rochester gemacht, um Abschied zu nehmen.

Bruce Gildens legendäre Fotos

New York, 1984

New York, 1981

New York, 1986

New York, 1986

New York, 1986

New York, 1992

Haiti, 2010

Melbourne, 2011

London, 2013

Brighton Beach, 2014

Gildens Bilder haben die Rotzigkeit eines Straßenbengels. Er wuchs in Williamsburg auf, bevor der Stadtteil schick wurde. Sein Vater trug fette Ringe an den Fingern und eine Zigarre im Mundwinkel und machte undurchsichtige Geschäfte in seinem Altreifenhandel.

Bruce spielte Basketball, je schmutziger, desto besser, Hauptsache gewinnen. Auf dem Platz nannten sie ihn "The Nigger". Ein Kompliment: Er traf so gut wie sonst angeblich nur Schwarze.

Als Kind wollte er eigentlich Boxer werden, auf diesem harten Pflaster erkämpfte er sich Weltruhm mit Porträts von Fremden, die er von der Seite ansprang wie ein Tiger seine Beute, um sie auf Armeslänge mit seinem harten Blitzlicht zu verewigen. Ungeschminkte Schnappschüsse aus dem Alltag. Die Kunstwelt jubelte, 1998 wurde er geadelt als Mitglied von Magnum.

Jetzt steht der Starfotograf vor einer neuen Herausforderung: Die Brille will nicht so, wie Gilden will.

Lesen Sie weiter: Bruce Gilden will hochkant, die Brille nicht.



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