Könnte das die Ablösung der Netbooks sein? Google will mit den Chromebooks Intel und Microsoft Konkurrenz machen: Die beiden Konzerne lieferten bisher die technische Basis der meisten Netbooks, leichter und billiger Mitnehm-Computer. Der wesentliche Unterschied der Chromebooks: Auf diesen Rechnern läuft Googles Betriebssystem Chrome OS - Microsoft bleibt außen vor.
Anders als Microsoft ist Intel auch bei den Google-Rechnern wieder mit seinen sparsamen und günstigen Atom-Prozessoren im Boot. Ein solcher, getaktet mit 1,66 GHz, treibt das erste Chromebook an. Das Samsung Chromebook Series 5 soll in Deutschland Anfang Juli erhältlich sein (449 Euro kostet die Version mit Mobilfunkmodul im Online-Handel). Wir haben eines der ersten Exemplare einen Tag lang getestet.
Bei Samsungs Chromebook beeindruckt zunächst die Geschwindigkeit, mit der es startet. In neun Sekunden von null auf betriebsbereit - das macht Spaß. Ähnliche Werte erreichen allerdings auch andere Notebooks, wenn sie von einer SSD-Festplatte starten, etwa Apples Macbook Air. Ebenso sieht es mit dem Aufwachen aus dem Ruhezustand aus. Das dauert beim Chromebook nur zwei bis drei Sekunden. Was die Konkurrenz allerdings nicht schafft: Beim Chromebook sind auch Verbindung zu einem W-Lan im selben Augenblick bereits aufgebaut, wenn alles glattgeht.
Schwierigkeiten mit der Fritzbox
In unserem Kurztest klappte das nicht immer. Bei der drahtlosen Verbindung zu einem Fritzbox-W-Lan-Router gab es Schwierigkeiten. Nach dem Aufwachen aus dem Ruhezustand forderte das Chromebook regelmäßig die Eingabe des Netzwerk-Passwortes - obwohl in den Voreinstellungen ein automatischer Verbindungsaufbau eingestellt war. Andere W-Lan-Netze bereiteten dem Chromebook dagegen keine Probleme.
Allerdings ist der Seheindruck beim Chromebook sehr stark vom Blickwinkel abhängig. Sobald man den Kopf zur Seite bewegt oder nicht im optimalen Winkel auf den Bildschirm schaut, verändern sich die Farben, Schriften werden unscharf.
Mager sieht es bei den unterstützten Dateiformaten und -systemen aus. Zwar kann das Chromebook MP3- und AAC-Dateien abspielen, JPEG- und PNG- Bilder anzeigen. Doch bei vielen anderen populären Formaten wie Matroska-Filmdateien muss es aber passen. Auf Laufwerke im Windows-7-Format NTFS oder im Mac-Format HFS-Plus kann das Chrome nicht zugreifen. Und auch E-Mail-Anhänge im populären Zip-Format lassen sich mit Bordmitteln nicht öffnen. Gut, dass es den Web-Dienst wobzip gibt, der hilft, diese Klippe zu umschiffen.
Google verspricht zwar, entsprechende Fähigkeiten per Update nachzuliefern, wenn ein Bedarf bei den Anwendern besteht, vorerst muss man sich aber ziemlich einschränken. Das gilt auch, weil Dateien nicht wie gewohnt per Mausklick von einem Medium auf ein anderes kopiert werden können. Wählt man im Dateimanager eine Bilddatei an, hat man nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Man kann sie anzeigen oder an den Bilderdienst Picasa senden. Auf den eingesteckten USB-Stick hingegen lassen sich Bilddateien nicht kopieren.
Apps oder Links, ganz egal
Lässt man diese Unzulänglichkeiten außer Acht, macht das Chromebook aber doch Spaß. Hat man sich erst einmal damit abgefunden, dass alles im Browser passiert, arbeitetet es sich damit ganz gut. Googles Chrome Web Store bietet eine zwar noch überschaubare, dafür aber umso hochwertigere Auswahl an Web Apps.
Man sollte aber tunlichst vermeiden, den Store mit anderen App Stores in einen Topf zu werfen. Vieles was da als App angeboten wird, entpuppt sich als schlichter Link auf eine Web-Seite. So beispielsweise Evernote Web oder das Musikprogramm Audiotool. Dafür muss man aber auch nichts bezahlen.
Nur kann es natürlich sein, dass so ein Web-Dienst in Gestalt einer Web-App auf andere Weise kassieren will. So wie der Musikdienst Grooveshark, den man am Chromebook zwar kostenlos nutzen kann, der aber auch verschiedene Abomodelle anbietet.
Ein Kürzel für Kommandozeilen
Und wem das nicht genug ist, der kann durchaus auch andere Betriebssysteme als Chrome OS auf Samsungs Chromebook installieren. Dazu muss ein winziger Schalter neben dem Sim-Karten-Steckplatz umgelegt werden, wodurch das Gerät in einen Entwicklermodus versetzt wird. Auf die Sicherheit des TPM-Moduls (Trusted Platform Module), dass ansonsten vor Virenbefall und Trojanerattacken schützen soll, muss man dann zwar verzichten, kann dafür aber beispielsweise alternative Versionen des Chromium OS oder gar Windows installieren. Ob das sinnvoll ist, ist eine andere Frage - aber es geht.
Ohnehin kann das Chrome OS nicht verheimlichen, dass es ziemlich nerdige Wurzeln hat. So gibt es ein Tastaturkürzel (Strg-Esc), über das man jederzeit in eine sogenannte Shell, eine textbasierte Kommandozeilen-Benutzeroberfläche wechseln kann. Der Kreis der Anwender für diese Funktion dürfte vor allem aus Programmierern bestehen. Alle anderen finden den Ausgang aus der Textoberfläche, wenn sie den Befehl "Exit" eingeben.
Ungewollte Zwangspausen
Das Chromebook wird bei langen Betrieb zwar warm, aber nie laut. Weder eine ratternde Festplatte noch ein lärmender Lüfter stören die Ruhe. Nicht einmal, wenn das Chromebook sich vergeblich abmüht, ein HD-Video aus der Videokamera des Testers ruckelfrei abzuspielen und letztlich doch scheitert. Immerhin schafft das Chromebook den Trick bei anderen HD-Videos, beispielsweise aus dem YouTube-Angebot. Diese HD-Web-Videos kann das Chromebook dann aber wiederum nicht auf einem HD-Fernseher abspielen, weil es für externe Bildschirme lediglich ein analoges VGA-Signal ausgibt.
Am Ende eines Tages mit dem Chromebook muss man aber vor allem die eigentliche Schwäche des Cloud-Laptops feststellen: seine Abhängigkeit von Netzwerken. Auf dem Rückflug von Samsungs Chromebook-Vorstellung in London taugte das nagelneue Laptop nur als Reiseschreibtisch und Unterlage für Stift und Papier. Sogar das Spiel "Angry Birds" - eigentlich ohne Netzanbindung spielbar - verweigerte den Offline-Dienst.
Die totale Abhängigkeit vom Netz hat den Testtag mehr als einmal unterbrochen. Egal ob wegen des fehlenden Netzes im Flugzeug oder schlechten W-Lan-Empfangs im Büro: Wenn es mit dem Netz nicht klappt, klappt fast gar nichts mehr. Erst wenn Google - und die Hersteller von Chrome-Web-Apps - dieses Manko abstellen, können die Netz- Notebooks eine wirklich ernstzunehmende Alternative zu herkömmlichen Laptops werden. Vorläufig jedoch tragen sie noch schwer daran, dass es eben doch nicht immer und überall schnelle und verlässliche Netzzugänge gibt.
Vielleicht sind sie einfach ein bisschen zu früh dran.
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