Entwicklerkonferenz I/O Google zeigt Radaranlage für die Hosentasche

Sie wollen anders sein, arbeiten anders und schaffen mehr, als man glaubt: Googles Entwicklungslabor ATAP zeigt auf dem Entwicklertreffen Google I/O, wie man Mobilgeräte in Zukunft steuern könnte. Ein britischer Schneider hilft dabei.

Von , San Francisco

Google-Forschungsleiter Ivan Poupyrev: Erforscht neue Benutzeroberflächen
DPA

Google-Forschungsleiter Ivan Poupyrev: Erforscht neue Benutzeroberflächen


So schön Miniaturisierung ist, bringt sie doch Probleme mit sich. Welche, das erklärte Managerin Regina Dugan am 29. Mai auf der Entwicklerkonferenz Google I/O in San Francisco. Schon in den Fünfzigerjahren hätten Forscher erkannt, in welchem Maße es für Menschen schwieriger wird, Objekte anzutippen, je kleiner diese werden.

Mit den Smartwatches sei diese Grenze nun erreicht, sagte Dugan, die Googles Advanced Technology and Projects Group (ATAP) leitet, die geheime interne Forschungsabteilung des Konzerns. Deshalb sei es nötig, jetzt alternative Eingabemethoden zu finden.

Welche das sein könnten, zeigte Google-Forscher Ivan Poupyrev. Eine Lösung, die sein Team entwickelt hat, ist ein Gerät, das er selbst als Taschenradar bezeichnet. Die Idee dahinter: Egal welches Gerät man steuern will, wie groß oder klein es ist, soll man dieselben Gesten benutzen können, die man vom Smartphone gewohnt ist - nur ohne das Smartphone zu berühren.

Wie das aussieht, zeigte Poupyrev in San Francisco. Innerhalb von zehn Monaten entwickelten seine Mitarbeiter aus einem schuhkartongroßen Prototyp ein Radargerät, das die Größe einer Ein-Cent-Münze hat. In einer Testinstallation tastet das Mini-Radar die Bewegungen der Hand des Benutzers ab, kann erkennen, ob man etwa Daumen und Zeigefinger aneinanderreibt, um zu scrollen. Ebenso kann man in der Luft an einem virtuellen Lautstärkeregler drehen oder mit dem Zeigefinger virtuelles Tischfußball spielen.

Dieselbe Technik funktioniert aber auch mit Smartwatches. Poupyrev zeigte, wie er die Uhrzeit eines solchen Gerätes mithilfe der Project Soli genannten Technik einstellte. Bewegte er seinen Finger fünf Zentimeter über dem Radar-Chip, konnte er den Stundenzeiger verstellen, hob er die Finger ein paar Zentimeter höher, reagierte die Minuteneinstellung.

Fotostrecke

26  Bilder
Entwicklerkonferenz: Ein Rundgang über die Google I/O 2015

Das ultimative Wearable

Eine andere Möglichkeit, Mobilgeräte zu steuern, hat das ATAP-Team unter der Bezeichnung Project Jacquard entwickelt. Das Ziel: das ultimative Wearable zu entwickeln, Kleidung, die interaktiv als Benutzeroberfläche nutzbar ist. Einfach sei das schon deshalb nicht gewesen, weil man bei Google zwar viel Ahnung vom Programmieren, aber keine von der Textilproduktion habe, erklärte Poupyrev.

Fotostrecke

9  Bilder
Vor Ort in San Francisco: So sieht es bei der Google I/O aus

Also haben Googles Entwickler sich mit Textilspezialisten in Asien zusammengetan, um eine Technik zu entwickeln, die es ermöglicht, elektrisch leitendes Garn in Kleidungsstoffe einzuarbeiten. Dass die ersten Versuche trotzdem scheiterten, lag an der falschen Grundannahme, dass man ganze Stoffbahnen mit leitenden Drähten verweben solle. Das Ergebnis waren viel zu empfindliche Stoffe, die zudem keine klar definierte Nutzfläche hatten.

Die Lösung war es schließlich, nur etwa handtellergroße Flecken auf den Textilien mit dem Spezialgarn zu verweben. So ergab sich nicht nur eine klar definierte Position für die Touch-Oberfläche, sondern die Technik ließ sich auch viel leichter samt Anschlüssen in ein Kleidungstück einbringen. Dass das keine reine Fantasie ist, bewies der Google-Forscher, indem er einfach auf das Sakko zeigte, das er trug. Ein Schneider in Londons Savile Row habe es ihm aus dem Google-Textil maßgeschneidert, er könne damit jetzt sein Smartphone vom Ärmel aus steuern.

Interaktive Levi's-Jeans?

Aber dabei soll es nicht bleiben. Um aus dem Forschungsprojekt ein kommerzielles Produkt zu machen, hat sich Google mit dem Kleidungskonzern Levi's zusammengetan. Der soll nun Wege finden, Project Jacquard in seine Textilien einzuarbeiten. Levi's-Manager Paul Gillinger verglich das Projekt mit der Levi's-Erfindung, Arbeitshosen mit Kupfernieten zu verstärken, was letztlich zu den Jeans, wie man sie heute kennt, führte. Wann die ersten solchen Kleidungsstücke in den Handel kommen, verriet Gillinger nicht.

ATAP-Chefin Dugan sparte nach der Vorstellung der neuen Technologien allerdings nicht mit Lob für ihre Mitarbeiter und sich selbst. ATAP habe sich innerhalb Googles den Geist eines Start-up bewahrt, schwärmte sie. Man sei schließlich "eine kleine Piratentruppe, die versucht, heißen Scheiß zu machen".



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rudi.waurich 30.05.2015
1. Prima Sache!
Vor echte Radarantennen sollte man sich nämlich nicht stellen, wenn die Anlage eingeschaltet ist und die Antenne sich dreht. Die Begründung in der deskriptiven Seefahrersprache: 'It may fry your balls!' Vom 'brain' spricht keiner. :)
lalito 30.05.2015
2. time goes by
Könnte man z. Zt. noch die GG-Brille und das Handy einem Nervbolzen abnehmen, gehört dies in Zukunft zur Vergangenheit, dann noch an allen Ecken RFID und fertig ist das total Gläserne. Was hat man sich die Köpfe über die Volkszählung damals zerbrochen. Die Plakate zeigten völlig unverdächtige Fragen und dann war es doch sehr erstaunlich, dieses ausgefeilte Wissbegehren . . . und heute geben so Viele beinahe alles freiwillig her. Die Unumkehrbarkeit des digitalen Komplettzugriffs ist das Beunruhigende, du weißt eben nicht welche Zusammenhänge aufgrund deiner Daten herzustellen sind. Und du weißt erst recht nicht, was alles aus BigData und aus welchen Gründen wo zusammengeführt wird. Drops ist gelutscht.
zick-zack 30.05.2015
3. Scheiß, genau
Sachen, die die Welt nicht braucht. Es gibt offensichtlich keine echten Probleme mehr auf der Welt...
Layer_8 30.05.2015
4. Radarballs
Zitat von rudi.waurichVor echte Radarantennen sollte man sich nämlich nicht stellen, wenn die Anlage eingeschaltet ist und die Antenne sich dreht. Die Begründung in der deskriptiven Seefahrersprache: 'It may fry your balls!' Vom 'brain' spricht keiner. :)
Alles eine Frage der Leistung :D
jepp_besserwisser 30.05.2015
5. Cool Google
Durch genöle ist die Welt nie besser geworden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.